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Freitag, 17.07.2015

Alte Rezepte

„Wir im Quartier“ sammelt kulinarische Erfahrungen am Leopoldplatz

Die Aktion auf dem Biomarkt Leopoldplatz
Eines der Rezepte in Entstehung
Ein ganzer Schwung Kochideen
Beim Aufschreiben gab es immer wieder Redebedarf
Geschafft: Stolze Rezeptgeberin, erleichterte Protokollantin, kerniges Kohlrouladenrezept
Vielleicht gibt's bald mal lecker Chlodnik?
Wer nicht auf die Schreibmaschinen warten konnte, musste handschriftlich ran
Ton in Ton: Blumen passend zu Fahrrad, Schreibmaschine, Outfit, Kirschen

Essen boomt. Gefühlt wöchentlich schießen neue Magazine, Fernsehsendungen, Radiobeiträge oder Kochbücher hervor, die unvergleichliche kulinarische Erlebnisse versprechen. Vollwertkost, vegan, vegetarisch, bio, molekular, regional, mediterran, fleischlastig, Rohkost, low fat, low carb, cholesterinarm, ballaststoffreich, ovo-lakto-vegetarisch, glutenfrei, laktosefrei, … – unsere Küche kann so vieles sein. Angesichts der immer öfter aufpoppenden Trends könnte man fast den Eindruck bekommen, früher wurde noch nicht gegessen. Oder jedenfalls grundsätzlich falsch.

Dabei verbirgt sich im innerhalb der Familien weitergegebenen Wissen um die Zubereitung von Essen fast alles, was heute immer neu kombiniert und tituliert wird. Die Kenntnisse zur Zubereitung von Speisen sind zumeist uralt und entspringen selten nur einem hedonistischen, sich selbst genügenden Vergnügen am Experimentieren. Vielmehr ging es darum, jahreszeitlich sinnvoll, dem Kalorienbedarf entsprechend möglichst schmackhaft die Ernährung der Familie zu sichern. Und Essen bildete daneben auch eine wesentliche Grundlage des kulturellen und rituellen Lebens, das sich in Jahres- und Lebenszyklen erzählen lässt. Man denke nur an typische Oster-, Weihnachts-, Hochzeits- oder Beerdingungsspeisen. Diesem alten Wissen ging das Projekt "Wir im Quartier" am Vormittag des 3. Juli bei einer Aktion auf dem Biomarkt am Leopoldplatz auf die Spur.

Der Biomarkt auf dem Leo beherbergt viele Aspekte des neuen, alten Essens. Das meiste, was angeboten wird, ist regional erzeugt, Bio sowieso. Hinzu kommen viele vor allem mediterrane Köstlichkeiten, die zur Bewohnerschaft unseres Kiezes passen. Vielleicht fünfzehn, zwanzig Stände gaben die Bühne für die Aktion der Kulturermittler an diesem Freitag. Die drei Damen, Anna Falkenstein, Gesa Rothbarth und Katinka Wondrak, kamen mit ihrem QMobil (Lastenrad) und bauten sich mitten auf dem Biomarkt auf. Ein kleiner Tisch, zwei Olympia-Reiseschreibmaschinen, eine Bürolampe und ein altes Telefon bildeten die Kulisse eines alten Büros.

Auf dem Lastenrad wurde eine Stempelwerkstatt aufgebaut. Sodann machten sich die Ermittlerinnen auf die Suche nach Hobbyköchinnen und –köchen, die bereit sind, ihre Lieblingsrezepte zu Protokoll zu geben. Die Rezeptgeber setzten sich an den Tisch, wo ihre Rezeptbeschreibungen mit den beiden Schreibmaschinen völlig analog erfasst wurden. Und zwar mit Kohlepapier – denn einen Durchschlag durften die Autoren selbst mit nach Hause nehmen. Dieses war dann oft auch die erste Verschriftlichung des Familiengeheimnisses! Waren die Rezepte einmal fertig aufgeschrieben, konnten die Köche sich zusätzlich einen Stempel einer typischen Zutat anfertigen und diesen dann in passender Farbe auf dem Rezept platzieren. Tomate, Rettich, Hühnchen, Paprika – so vielfältig wie die Gerichte sind die Abbildungen der Zutaten.

Einige der rund zwanzig Rezeptideen, die am Ende erfasst waren, sind Ravioli mit Spinat gefüllt, Gemüse im Pitabrot, das polnische Suppengericht Chlodnik, russische Kohlsuppe, sächsische Kohlrouladen, ein vietnamesisches Reisgericht, Cantuccini-Nachtisch, Pasta Schuta und Sugo al pomodoro. Den Rezepten merkt man die intensive Auseinandersetzung der Autoren mit der Materie an, oft gibt es ganz detaillierte Anweisungen und Tipps, die eine langjährige Zubereitungspraxis verraten. Hinzu kommt auf jedem Rezept ein Vermerk, wie das Rezept zu dem Koch gekommen ist. Anna Falkenstein von den Kulturermittlern, die das Projekt „Wir im Quartier“ mitleitet, erzählt: „Was sofort auffällt: Die Rezepte verraten einiges über die Herkunft der Menschen. Man merkt schon, ob jemand aus Sachsen kommt oder aus Italien. Der Italiener kocht nicht unbedingt Kohlroulade.“

Nicht alle Beteiligten kommen hier aus dem Kiez, ungefähr die Hälfte der Mitteilungsbereiten kamen aus anderen Berliner Bezirken, kamen zufällig hier vorbei. Was wird nun mit den Blättern geschehen? Anna Falkenstein: „Die Rezepte sind im Moment nur eine Art Basis für eine Weiterführung. Vielleicht wird daraus ein kleines Kochbuch oder Postkarten, die wiederum hier auf dem Markt verteilt werden.“

Den Kulturermittlern geht es mit ihren Aktionen um eine Art kulturellen Gedächtnisses des Kiezes. Sie wollen fördern, dass das wertgeschätzt wird, was bei vielen in Vergessenheit gerät. „Ob das nun ein Rezept von Mama ist oder alte Geschichten, Fotos usw. Man merkt, dass viele Passanten Freude daran haben, diese Rezepte anderen weiter zu geben. Man kann dabei lernen, dass wir alle uns was zu erzählen haben und dass das wertvoll ist, was es zu erzählen gibt.“, berichtet Anna Falkenstein begeistert.

Ihren Vormittag auf dem Leopoldplatz ordnet das Projektteam als vollen Erfolg ein – zu Recht. Man merkte sowohl den Befragern als auch den Befragten den Spaß an der Aktion an. Essen ist etwas Sinnliches, das verbindet, das Assoziationen weckt, worüber man sprechen kann und möchte. Auch die Rezeptgeber untereinander kommen ins Gespräch, zu besten Zeiten stehen sicher zehn Menschen rings um das Ensemble aus Tisch und Fahrrad. Kommunikation über Leben. Kommunikation über Essen. Kommunikation, die schmeckt.

Text und Fotos: Johannes Hayner