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Mittwoch, 01.04.2015

Am Bande

Dr. Kingsley Arthur bekommt das Bundesverdienstkreuz

Bundesverdienstkreuzträger unter sich: Evelyn Werther und Dr. Kingsley Arthur
Das Verdienstkreuz ist nicht die erste Auszeichnung für den Geistlichen
Der Verein bietet Hilfe für unterschiedlichste Lebenslagen

Ein kleines, nicht gerade helles Ladenlokal in der Exerzierstraße. Die Einrichtung ist schlicht, unspektakulär, zweckmäßig. Ein vorderer Raum und ein hinterer, dazu eine Toilette und eine Küche. Mehr nicht. Doch viele, viele Menschen aus unserem Kiez kennen diese Räume. Menschen, die ein Problem haben, Menschen die zwei Probleme haben, Menschen mit ganz vielen Problemen. Menschen, die Rat und Hilfe brauchen. Und die sich deshalb an „Rat + Hilfe e.V.“ wenden. Denn so heißt der Verein, der hier sitzt und der jeden Wochentag Unterstützung für alle anbietet, die sie brauchen.

Zwei der vielen Besucher sorgten nun dafür, dass einer der beiden Hauptverantwortlichen des Vereins, Dr. Kingsley Arthur, einmal auch selbst etwas bekommt. So jedenfalls vermutet er. Denn der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, und Raed Saleh, Fraktionschef der Berliner SPD im Abgeordnetenhaus, hatten den Verein besucht, um sich ein Bild von dessen Arbeit  zu machen. Und nun, nur wenige Monate später, erhielt Kingsley Post vom Bundespräsidenten. Darin lag eine Einladung zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande als Anerkennung für die jahrelange, aufopferungsvolle und ehrenamtliche Arbeit.

Heute sind wir zu Gast bei „Rat + Hilfe e. V.“, aber der Interviewpartner ist nicht da. Verspätet, wie uns seine Kollegin Evelyn Werther mitteilt. Sein jüngster Sohn - Dr. Kingsley Arthur hat sieben Kinder und ein Enkelkind - ist in der Schule gefallen und muss abgeholt werden. Da muss ein engagierter Vater natürlich ran. Die Wartezeit verkürzen wir uns mit einem Gespräch mit einer Frau aus Ex-Jugoslawien, die auf einen Termin wartet und begeistert von Engagement und Kompetenz der Berater berichtet. Als Reverend Dr. Kingsley Arthur dann erscheint, verändert sich der Raum. Er ist aufmerksam, temperamentvoll, überschwänglich freundlich, lustig und zugewandt. Gleichzeitig spricht er mit uns, der wartenden Gesprächspartnerin von gerade und Evelyn Werther, die mit ihm gemeinsam die Beratungsstelle leitet. Dann kann es losgehen …

Am 13. März fand die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Staatssekretärin Barbara Loth in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen statt. Der Bundespräsident selbst war nicht zugegen. In der zugehörigen Pressemeldung verweist die Senatsverwaltung ausdrücklich auf das „langjährige soziale Engagement in der Weddinger Gemeinde sowie die Gründung der Vereine 'Gebt zu Essen' und 'Rat + Hilfe e. V.'“ Zunächst führte die Auszeichnung zu mehr medialer Aufmerksamkeit. In den Tagen um die Verleihung war das Interesse am Verein und dessen nun ausgezeichnetem Vorsitzenden groß. Dr. Kingsley Arthur kam den Anfragen gerne nach: „Man hat uns anerkannt und ausgezeichnet. Dann können wir auch darüber sprechen.“ Aus der medialen Zuwendung, so hofft er, könne sich auch finanzielle entwickeln, denn der Verein arbeitet rein ehrenamtlich und ist ständig auf Unterstützung angewiesen. Schön wäre es gewesen, wenn es zusätzlich zur Auszeichnung noch ein „kleines Kuvert“ gegeben hätte, so Arthur.

Kingsley Arthur ist den Nachbarn natürlich nicht nur als Vereinsvorsitzender bekannt. Vielmehr noch kennt man ihn als Pfarrer der International Christian Revival Church. Eine freie evangelische Gemeinde, die er selber vor 25 Jahren gründete. Von Anfang an waren Pastor und Gemeinde sozial stark engagiert, sie besuchten Flüchtlingsheime und halfen den Menschen dort beim Nötigsten. Aus diesem christlich geprägten Weltbild heraus und weil die Gemeinde allein die Arbeit nicht mehr bewältigen konnte, engagiert er sich seit 2004 mit „Rat + Hilfe e.V.“ über Gemeinde- und Religionsgrenzen hinweg. Denn Hilfe können hier nicht nur Christen finden, sondern auch Muslime, Atheisten, Buddhisten, Angehörige aller  Glaubensrichtungen. Der Verein arbeitet nicht missionarisch, jede und jeder kann bleiben, was er ist. „Hier kennt man mich als Sozialarbeiter“, so Arthur „und so soll es auch sein. Ich trenne das strikt.“

Aber - Moment mal! Ein Pfarrer, der aus Ghana stammt, betreibt eine soziale Einrichtung in Deutschland? Ist das nicht meist andersrum? Dr. Kingsley Arthur machte tatsächlich als Jugendlicher die Bekanntschaft eines Menschen, der die andere Richtung eingeschlagen hatte: von Deutschland nach Ghana. Ein deutscher Missionar, der ihn als 15jährigen taufte, die Bewunderung für und die Neugier auf Deutschland in ihm weckte. Das Land, in dem Luther, Melanchthon und viele andere die Reformation einleiteten. Ein extrem mutiges Unterfangen, gegen das die Wende 1989 wie ein Kindergeburtstag anmutet. Die dunklen Seiten der deutschen Geschichte, namentlich die Gräueltaten der Nazis,  wurden im ghanaischen Geschichtsunterricht nicht erwähnt. "Zum Glück!", wie Arthur rückblickend sagt. Wer weiß, ob er sonst den großen Schritt weg aus seiner Heimat unternommen hätte. Denn vor nunmehr 35 Jahren kam der junge Kingsley nach Berlin, um hier zu studieren.

Im damaligen Westberlin eingetroffen, erwartete ihn ein Kulturschock. Aber nicht die Mauer, nicht die überreichen Auslagen im KaDeWe, nicht die Dominanz der neuesten Technik allerorten, nicht der tobende Verkehr waren es, die den damals 19jährigen aus einer ländlichen Gegend in Ghana zutiefst verunsicherten. Es war sein erster Gottesdienstbesuch in Deutschland. Die leere Kirche, nur wenige Rentner in den ersten beiden Reihen - das war traumatisch. Dr. Arthur: „Was ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, Gott hat mich nicht nur zum Studieren hergeholt, um ein deutsches Diplom zu erwerben, sondern auch um Menschen zu helfen. Und das tue ich gerne.“

Nach einigen Stationen in Westberlin kam der inzwischen diplomierte Theologe schließlich nach Wedding. „Mein Herz schlägt für Wedding, weil quasi die ganze Welt im Wedding wohnt. Es ist ein bunter Bezirk. Ein Brennpunkt. Einer der ärmsten Orte unserer Stadt, aber auch einer der interessantesten. Hier sieht man so viele Kulturen, so viele Menschen, so viele Nationen. Verschiedene Schichten. Bitterarme Menschen und auch Menschen, die ihr gutes Auskommen haben, leben zusammen. Eine Sache verbindet uns: die Menschlichkeit.“

Nach all den Jahren hier beobachten er und seine Kollegen Veränderungen im Bezirk. Das Quartiersmanagement fördert positive Aktivitäten, junge Leute wie Studenten und Künstler ziehen her. Gleichzeitig werden, resultierend aus der Gesamtberliner Miet- und Wohnraumentwicklung, Alteinwohner verdrängt. Reverend Dr. Kingsley Arthur ist maßgeblich an zwei Vereinen beteiligt, die sich sozialen Aktivitäten widmen. "Rat + Hilfe e.V." ist in seinem unmittelbaren Lebensumfeld aktiv, "Gebt zu essen e.V." engagiert sich für hungernde Kinder in Afrika. In seinem Wirken versucht Kingsley, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Das Repertoire der Betreuungsarbeit passt sich immer den Anliegen der Bedürftigen an. Wobei man bei ca. 100 Klienten im Monat schon davon ausgehen kann, dass ein weites Spektrum bearbeitet wird. Das geht von der Betreuung Krebskranker im Endstadium über die Beantragung von Hilfsmitteln bis zu Mediation, Trauerbewältigung und Anti-Gewalt-Seminaren. Seit ca. einem Jahr berät Arthur zudem jugendliche afrikanischstämmige Gefängnisinsassen mit dem Ziel, ihnen die Integration in die deutsche Gesellschaft zu erleichtern. Fünf Menschen arbeiten im Büro von „Rat + Hilfe e. V.“, alle ehrenamtlich.

Nach ihren Wünschen für die Zukunft befragt, benennen die beiden Hauptverantwortlichen komplett unterschiedliche Dinge. Während Evelyn Werther (auch sie übrigens schon seit zwei Jahren Trägerin des Bundesverdienstkreuzes) down-to-earth den Wunsch nach einer vollfinanzierten Stelle im Büro äußert, wagt Kingsley Arthur den großen Wurf: „Mein Wunsch ist, dass es eines Tages keine Leute mehr gibt, die unsere Hilfe benötigen.“ Nun, dass er dies noch erleben wird ist wohl nicht sehr wahrscheinlich. Andererseits - ohne Menschen wie Evelyn Werther und Kingsley Arthur könnte man diesen Wunsch nicht einmal formulieren. Denn, wie sagt Evelyn Werther zum Abschied? „Es ist der Sinn des Lebens, dass man anderen hilft.“

Text und Fotos: Johannes Hayner