Dagmar Hänisch im Gespräch mit Stana Brvic und Wael Saaid

Dagmar Haenisch, Stana Brvic und Wael Saaid
Wael Saaid, Dagmar Hänisch und Stana Brvic

Dagmar Hänisch ist seit 2001 Bezirksstadträtin für Bildung und Kultur in Mitte. Sie ist 1964 geboren und in einer Kleinstadt nahe Hamburg aufgewachsen. Quartier gegenüber gesteht die studierte Mineralogin, dass sie keine besonders gute Schülerin war. Aber zunächst einmal wollte Frau Hänisch wissen, wer Stana und Wael sind; denn sie haben das Interview gemeinsam mit uns vorbereitet und die Fragen gestellt. Stana Brvic (16) besucht den Realschulzweig der Oberschule am Brunnenplatz und möchte entweder Erzieherin oder Bürokauffrau werden. Wael Saaid (16) geht in die 11. Klasse der Ernst-Reuter-Oberschule und will nach dem Abitur Betriebswirtschaft studieren. Eines haben alle drei Gesprächspartner gemeinsam: ihr Lieblingsfach in der Schule ist beziehungsweise war Mathematik.

 
D.H.:
Ansonsten hatte ich keine so tollen Erlebnisse mit der Schule. Sportfeste habe ich sehr genossen und auch gerne mit vorbereitet. Die Bundesjugendspiele oder 'Jugend trainiert für Olympia' – das war zum Schuljahresabschluss ein Ereignis, das ein bisschen mit der Schule versöhnt hat.

S.B.:
Denken Sie, dass sich der Schulalltag im Vergleich zu Ihrer Schulzeit verändert hat? Wenn ja, inwiefern? Gab es zum Beispiel Gewalt?

D.H.: Da hat sich ganz viel geändert. Zu meiner Schulzeit und in Reinbek, wo ich aufgewachsen bin, war das eine relativ homogene Gruppe. Es gab hin und wieder Probleme mit Drogen an der Schule, wo wir auch die Polizei vor Ort hatten, mit Diskussionen und Auseinandersetzungen. Aber richtige Gewalt kannte ich nicht. Der Schulalltag war straff organisiert und traditionell: Halbtagsschule mit Stundenplänen, Unterricht und Lehrern. Es gab all das nicht, was die Schule heute auch ausmacht. Die vielfältigen Projekte und Arbeitsgruppen, Erzieher oder Sozialpädagogen. Beim Eintritt in die Schule konnte man schon sagen, wie es in den nächsten Jahren laufen wird. Also auch relativ langweilig.

W.S.: Wie sind Sie zum Beruf der Bezirksstadträtin für Bildung und Kultur gekommen?

H.D.: Es ist ja nicht mein erlernter Beruf, und ich habe zunächst als Naturwissenschaftlerin in der Forschung gearbeitet. Aber schon als Schülerin habe ich mich in der Partei engagiert und bin mit 18 Jahren in die SPD eingetreten. Anfang der 90er Jahre, als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich den Ortsverein aufgesucht und mich da sehr wohl gefühlt; eine Menge Leute kennen gelernt, mit denen ich etwas unternommen und gerne diskutiert habe. Wir haben auch Projekte angeschoben. So ist das gewachsen, über viele Jahre ehrenamtliche Arbeit. Die Entscheidung für das Amt war dann eher spontan. Ich habe gedacht, ich könnte mich mal verändern und dass mir das Spaß machen könnte. Es ist mit viel Arbeit und Stress verbunden, aber ich habe es nicht bereut.

W.S.: Welche Aufgaben und Kompetenzen haben Sie als Bezirksstadträtin?

D.H.: Im Bezug auf die Schulen sind wir für die äußeren Angelegenheiten zuständig: für die Gebäude und die Lehr- und Lernmittel, welches Kind in welche Grundschule geht, ob Schulen geschlossen oder neu eröffnet werden. Außerdem stehen die Bereiche Sport, Bibliotheken, Kulturamt, Volkshochschule und Musikschule noch in meiner Verantwortung.

Das Pädagogische und die Lehrerversorgung sind bei der Senatsverwaltung angesiedelt. Die Rolle als Stadtrat für Schule ist eher eine unterstützende. Die Schulen müssen wissen, was sie wollen und Ideen entwickeln. Wir sollten dann möglich machen, was sie brauchen. Ein Thema, das uns seit vielen Jahren beschäftigt, ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen, damit die Angebote auch den Schülern zugute kommen.  Das gab es zu meiner Zeit nicht. Die Schule war eine geschlossene Einheit. Heute arbeitet man da viel mehr zusammen. Zum Beispiel koordinieren wir Tanzangebote der Musikschule an Schulen; da versuchen wir Gelder zu finden und Mehrheiten zu organisieren, damit das möglich wird.

S.B.: Was halten Sie von den verschiedenen Kulturen hier im Bezirk oder in Deutschland überhaupt?

D.H.: Ich wohne im Wedding und wohne hier außerordentlich gerne. Ich finde es sehr faszinierend. Jeder lebt ein bisschen anders, und das finde ich hoch spannend, weil da Leben ist.

W.S.: Kennen Sie die Schulen im Bezirk persönlich?

D.H.: Ich muss zugeben, auch nach sechs Jahren war ich noch nicht in jeder Schule. Es gibt 67 Schulen im Bezirk und ich schaffe es etwa ein Mal pro Monat vor Ort zu sein. Meist ist das anlassbezogen. Es gibt Schulen, die Anliegen haben und sich mit uns auseinandersetzen wollen. Manche wollen auch in Ruhe gelassen werden. In der Ernst-Reuter-Oberschule war ich schon öfter, und in der Oberschule am Brunnenplatz war ich kürzlich zur Abschlussveranstaltung des Projekts "Going Social".

S.B.: Wie schätzen Sie die Situation der Schulen beziehungsweise der Schüler im Wedding ein?

D.H.: Ich denke, dass die Schulen eine große Herausforderung zu bewältigen haben und dass die Situation schwieriger wird. Viele machen eine tolle und engagierte Arbeit. Weil die Akzeptanz einer Schuler aber sehr stark von ihrem öffentlichen Image abhängt, wünsche ich mir mehr kritische, aber auch selbstkritische Debatten der Schulöffentlichkeit nach innen und außen und eine noch stärkere Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Da würde ich mir manchmal mehr Dynamik wünschen und natürlich viel mehr neue Lehrer, vor allem jüngere. Aber wir wollen die Lehrer auch motivieren und unterstützen. Die Arbeit, die sie machen, wird häufig unterschätzt. Wir brauchen vor allem eine Qualitätsdebatte und den öffentlichen Respekt für tatsächliche Verbesserungen. Ich finde es schade, dass viele Schulen unter so einem schlechten Image leiden. Im Wedding müssten die allerbesten Lehrer arbeiten. Da müsste man Anreize geben. Nicht nur mehr Geld, sondern auch vermitteln, warum das wichtig ist.

W.S.: Vor meiner Schule gab es im Mai eine Messerstecherei. Da war sofort die Presse da und hat zum Teil auch falsch darüber berichtet. Gerade dadurch bekommt die Schule ein schlechtes Image und das wirkt sich auf die Schüler aus. Warum wird so selten etwas Positives über die Schulen geschrieben?

D.H.:
So etwas ist sehr bedauerlich, weil das nur Vorurteile bestätigt. Es ist aber kaum zu verhindern, dass eine Schule durch solche Ereignisse leidet. Wir haben im vergangenen Jahr in der Bezirksverordnetenversammlung über das Thema geredet, und manche Bezirksverordnete haben gesagt: "Wenn man die Gewalt an den Schulen im Griff hat, hat man die Gewalt in der Gesellschaft im Griff." Das halte ich für einen Trugschluss! Auch die Schulleiter haben bei diesen Diskussionen deutlich gemacht, dass das völlig falsch sei. Wir haben es mit einer Verwahrlosung und Zunahme von Gewalt in der Gesellschaft zu tun, gerade auch bei Erwachsenen. Es gibt immer weniger klare Regeln, an die man sich hält. Die ganze Gesellschaft wird disziplinloser und Kinder übernehmen das.

Man muss die Schulen davor schützen, dass sie als Ort der Gewalt in den Vordergrund geschoben werden. Die Senatsverwaltung bringt einmal im Jahr einen Bericht über Gewaltvorfälle in Berliner Schulen heraus. Allein durch die Tatsache, dass es einen schriftlichen Bericht gibt, wird der Eindruck bestätigt, dass Gewalt ursächlich mit Schule zusammenhängt. Für andere gesellschaftliche Bereiche gibt es solche Dokumentationen nicht. Das muss hinterfragt werden. Dadurch wird auch gar nicht wertgeschätzt, was in den Schulen gemacht wird: die Streitschlichterprojekte, die Polizeikooperationen, die Zusammenarbeit mit der Justiz, die ganze intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.

W.S.: Was denken Sie über Projekte wie einen Wettbewerb gegen Gewalt im Bezirk, wo die Schüler und Schulen, die sich gegen Gewalt einsetzen, belohnt werden. Man muss ja auch positive Beispiele geben, damit die Kleineren nicht schon Gewalt vor sich sehen, und damit sie sich früh gegen Gewalt engagieren können.

D.H.: Also mehr Anreize schaffen, damit sich jeder im Schulalltag gegen Gewalt engagiert

Michaela Nolte