Das Portrait: Assad Bandar im Gespräch mit Michaela Nolte

Assad Bandar
Assad Bandar wurde 1955 in Tyros, Libanon geboren. Er lebt seit 1976 mit seiner Familie im Wedding. Wenn es so etwas wie orientalisches Rokoko gibt, so ist das Wohnzimmer von Familie Bandar ein prächtiges Beispiel. Zwischen den grün gemusterten Sitzmöbeln mit golden bemalten Zierleisten fällt nur der schwarze Flachbildfernseher aus dem Rahmen. "Das ist Multikulti", lacht Herr Bandar "arabische Möbel und ein deutscher Fernseher!"

Assad Bandar empfängt uns mit Gebäck und Obst, und den Kaffee hat er auch schon vorbereitet. Nachdem die Fotografin und ich das Angebot gerne annehmen, stellt er die Maschine an; aber vor lauter Geschichten und Erzählungen vergessen wir den Kaffee fast.

Aufgewachsen ist Assad Bandar in Tyros, wo er im Anschluss an die Schule ein Studium als Bauingenieur begonnen hatte. 1975 brach im Libanon der zweite Bürgerkrieg aus. Er musste flüchten und kam 1976 nach Berlin. Als Asylant durfte er jedoch nicht weiterstudieren. Also machte Assad Bandar sich auf die Suche nach Arbeit.

Der Wedding war von Anfang an seine Wahlheimat, und hier hat er seine Frau Regina kennen gelernt. Die gebürtige Rheinländerin war mit einer Reisegruppe auf Berlin-Besuch. In einer Disco hat es zwischen den beiden gefunkt. Sie heirateten 1978, im Jahr darauf kam ihr Sohn Said zur Welt und 1989 ihr Sohn Jihad.

Wir stutzen: "Jihad - wie der heilige Krieg?" Assad Bandar lacht sein verschmitztes Lächeln und erklärt den Begriff auf seine Art: "Jihad ist alles, worum der Mensch sich bemüht. Das, was die Christen Nächstenliebe nennen. Wenn man einer Oma über die Straße hilft oder armen Kindern in Afrika, wenn man Sozialarbeit macht – all das ist Jihad. Es gibt keinen 'heiligen Krieg', da wird der Begriff ausgenutzt. Unser Sohn war ein Engel. Der Engel vom Wedding. Vor vier Jahren ist er gestorben. Ganz plötzlich. Keiner kann uns bis heute sagen woran."

Für einen Moment wirkt der sonst so quirlige Mann mit dem schwarzen Baseball-Cap nachdenklich. Eine traurige Geschichte. Trotzdem hat sich Assad Bandar seinen feinen Humor und seine Herzlichkeit bewahrt, lacht gerne und im Laufe des Abends noch viel.

Dass er heute Geschäftsinhaber ist, empfindet er als Glück: "Ich frage mich, warum ich nicht früher darauf gekommen bin." 23 Jahre lang hatte Herr Bandar zuvor in einer Gebäudereinigung gearbeitet, die Firma von der Pieke mit aufgebaut. Nachdem der Chef gewechselt hatte, kam wenig später die Kündigung. Der Versuch, gerichtlich dagegen zu kämpfen, scheiterte. Er hätte eine Abfindung verdient, habe der Richter ihm anschließend gesagt. Aber dann drohe der Firma die Pleite und 15 Arbeitsplätze wären weg. Daran müsse er auch denken.

Mittlerweile genießt Herr Bandar es, sein eigener Chef zu sein. Nur hin und wieder, wenn er müde von einer Wohnungsauflösung kommt, und die Leute vor seinem Laden Schlange stehen, weil sie einen Brief von ihm übersetzen oder beantworten lassen wollen oder einfach Lust zum Plaudern haben, wünscht er sich zehn Minuten Ruhe.

Doch das Engagement für seine Mitmenschen scheint Assad Bandar im Blut zu liegen. Darum schätzt er auch die Arbeit  des Quartiersmanagements. "Da kann man von Bürger zu Bürger etwas unternehmen, das finde ich gut."

Er möchte sich für mehr Kleinunternehmer im Kiez einsetzen, weil er Vereinen gegenüber skeptisch ist: "Die Leute spielen Karten und trinken Tee, für den sie auch bezahlen müssen. Dann fließt alles in die Vereinskasse und die zahlen keine Steuern. Das müsste man besser kontrollieren."

Kritisch sieht er auch Einrichtungen wie das Frühstück für türkische Frauen. "Warum werden da keine deutschen Frauen eingeladen? Kultur wäre, zu sehen: Wie frühstücken die Türken, die Araber oder die Deutschen? Und wir kämpfen doch für kulturelle Zusammenarbeit!"

In der Familie pflegt man die eigene Kultur und die des anderen. Regina Bandar ist zum Islam konvertiert. "Es war mein Wunsch und ihr Ziel. Sie hat es erreicht. Ich habe auch viel von der deutschen Kultur angenommen. Zum Beispiel Termine einzuhalten oder die Wahrheit zu sagen, manchmal auf Teufel komm raus – aber ich glaube, das habe ich immer schon", sagt Herr Bandar und lacht. Den Kaffee haben wir natürlich auch noch bekommen.

Michaela Nolte