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Der Bedarf ist riesig

Der Bedarf ist riesig

04.07.2006

Im Versammlungsraum des Quartiersmanagements treffen sich jeden Freitag und Samstag türkische Frauen mit der Erzie­hungswissenschaftlerin Emine Yazici-Özdemir. Freitags be­spricht man Probleme, samstags sind die Kinder dabei, dann wird zusammen gespielt, gegessen und aufgeräumt. Das Projekt, das aus Mitteln des Aktionsfonds gefördert wird, war auf Anhieb ausgebucht. Es entstand aus der konkreten Arbeit mit Migrantin­nen, die im Quartier Pankstraße durchgeführt wird.

Auch Emine Yazici-Özdemir hat sich auf diese Weise eingefunden. Sie ist erst seit wenigen Jahren in Deutschland und hat in der Türkei wissenschaftlich gearbei­tet. In Berlin bereitet sie sich auf ihre Doktorarbeit vor. Sie kann also Vergleiche ziehen und die fallen nicht gut aus für die Situ­ation der Migrantinnen in Berlin. „Es gibt da ein einfaches Experi­ment“, so erzählt sie: „Ich nehme einen knallroten Luftballon, deu­te auf ihn und sage: Dieser Ballon ist weiß. In der Türkei ernte ich in der Regel heftigen Widerspruch – hier tut sich gar nichts.“ Das mangelnde Selbstwertgefühl vie­ler türkischen Mütter wirkt sich dabei negativ auf die Erziehung der Kinder aus: „Dann können die Mütter den Kindern keine Grenzen aufzeigen, nicht Nein sagen.“

Einen Schwerpunkt der Erzie­hungsberatung nimmt daher die Stellung der Mütter als Frau ein. „In den ersten Wochen haben wir uns fast ausschließlich damit be­fasst“, erläutert Frau Yazici-Öz­demir: „Sich als Frau zu begrei­fen und nicht in den Rollen als Mutter und Ehefrau völlig auf­zugehen. Wenn ich im Café ein Getränk bestelle, zum Beispiel, nicht automatisch das Selbe wie der Mann zu nehmen sondern mich erst mal selbst zu fragen: Auf was habe ich jetzt Lust.“ Über die Gründe für die verbrei­tete passive Grundhaltung kann auch Emine Yazici-Özdemir nur spekulieren: die Arbeitslosigkeit, der kulturelle Schock nicht nur wegen der Unterschiede zwischen Deutschland und der Türkei, sondern auch wegen denen zwi­schen Stadt und Land. Und auch unter den türkischen BerlinerIn­nen driften die Familien immer weiter auseinander: Diejenigen, die aktiv ihre Kinder erziehen, haben immer weniger mit den­jenigen zu tun, die eine passive Grundhaltung einnehmen und einfach alles laufen lassen.

Die üblichen Angebote der Erzie­hungsberatung werden von vie­len türkischen Müttern nicht an­genommen. „In der Türkei ist die Bereitschaft, sich beraten zu las­sen viel größer als hier“, so Emine Yazici-Özdemir. Das hat natür­lich auch viel mit kulturellen und sprachlichen Differenzen zu tun: es gibt an den Kitas und Schulen eben kaum türkischsprachige Erzieherinnen und Lehrerinnen, es gibt aber auch außerhalb der Bildungseinrichtungen kaum Angebote, die auf die besondere Situation der EinwandererIn­nen zugeschnitten sind. Dabei ist der Beratungsbedarf riesig. Das Quartiersmanagement un­terstützt daher den Aufbau ent­sprechender Netzwerke. Die Erziehungsberatung im Quar­tiersladen ist aber leider nur bis zu den Sommerferien .nanziert. Die Erfahrungen, die hier gesam­melt wurden, werden aber in die weitere Arbeit des Quartiersma­nagements einfließen.

cs