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Dienstag, 21.07.2015

Ein Heim für Bücher

Feierliche Eröffnung der Schillerbibliothek am 10. Juli 2015

So war die Eröffnung
Die neue Schillerbibliothek von der Müllerstraße aus gesehen
"Wass'n hier los?" Neugieriger Passant.
Redner 1: Hermann-Josef Pohlmann
Rednerin 2: Sabine Weißler
Rednerin 3: Kristina Laduch
Redner 4: Stefan Rogge
Ende der Redezeit

Gespräch neulich auf dem Leopoldplatz: "Hamse schon jehört, Schillers sind umjezogen!" "Ach wat - hamse wat Neuet jefunden?" "Ja, gleich jejenüber. Mehr Platz hamse auch jetzt." "Ach, denn jeh ick ooch mal wieder hinne."

Eine Bibliothek ist ein besonderer Ort. Bücher, Stille, Konzentration. Hort des Wissens und des Lernens. In den Regalen stöbern, auswählen, ein Buch ausleihen, mit nach Hause nehmen, sich wie über einen kleinen Schatz freuen. Die ersten Seiten aufschlagen, sich vertiefen, verlieren, in einer anderen Welt landen. So empfinden viele, denen Bücher alles bedeuten. Heute ist eine Bibliothek mehr. Hier findet man Filme, Spiele, Zeitungen und Zeitschriften. Bibliotheken bieten Räume zum Lesen, zum Lernen, zum gemeinsamen Arbeiten an.

Im Wedding gibt es seit langem die Schillerbibliothek im Rathausturm. Sie platzte aus allen Nähten, ein Neubau musste her. Direkt gegenüber wurde ein Platz gefunden. Nun, am 10. Juli, wurde der Neubau der Schillerbibliothek eröffnet. Statt 300 gibt es nun 1.800 Quadratmeter Platz auf drei Etagen. Der erste Stock ist als Jugendmedienetage Lesern, Spielern und Sehern bis 30 vorbehalten. Außerdem gibt es Nischen zum Zurückziehen, zum gemeinsamen Arbeiten und Lernen. Wer will, kann einen Benutzerarbeitsplatz besetzen. Und es gibt einen Veranstaltungsraum für Sitzungen, Konferenzen, Lesungen, Konzerte.

Eröffnung. Volles Haus. Im gesamten Foyer stehen Menschen dicht gedrängt, bestimmt 200 Gäste. Darunter viel lokale Prominenz und die Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld (CDU) und Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen). Eine Zwei-Mann-Kombo, die „Toby Tones“, spielt auf. Swing. Schließlich geht der Festakt los. Die Bibliotheksleiterin Corinna Dernbach begrüßt die Gäste und führt durch das Programm. Als Erster spricht Hermann-Josef Pohlmann, Abteilungsleiter Hochbau der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Pohlmann hält sich nicht lange mit dem Protokoll auf, sondern erzählt frei über seine Erfahrungen beim Bau der Bibliothek. Denn seine Behörde hat als zuständige Institution den Bau der Bibliothek begleitet und geleitet. Mit seinen Erfahrungen, die er dabei gesammelt hat, fragt er sich rhetorisch, wie der Stadtbezirk Mitte mit solchen Bauvorschriften den Herausforderungen einer wachsenden Metropole gerecht werden wolle? Und warum sein Amt im Bezirk Mitte angesichts der Bürokratie und der geradezu grotesk aufgeblasenen Behördenwege aktiv geworden sei? Die Antwort gibt er natürlich selbst: Weil ihn das Konzept des Leiters der Stadtbibliothek Berlin-Mitte, Stefan Rogge, überzeugt habe, weil er es für absolut unterstützenswert und wichtig halte und weil er stolz sei, daran mitgewirkt zu haben. Die Bauleitung selbst dagegen bekommt einige Spitzen ab. Hier wurde wohl von den beteiligten Baufirmen einiges nicht so umgesetzt wie es das Hochbauamt vorgegeben hat. Ein besonderes, das größte Lob ging deshalb an die Projektleiterin für den Neubau, die wohl vor allem damit beschäftigt war, allen beteiligten Firmen immer wieder hinterher zu rennen und es trotzdem schaffte, das Optimum aus der Situation heraus zu kitzeln. Großer Beifall für Herrn Pohlmann und seine lebendige und lebensnahe Rede.

Auftritt Sabine Weißler, Kultur- und Bildungsstadträtin im Bezirk Mitte. Auch sie schätzt die offene Rede Pohlmanns und berichtet direkt an ihn gewendet, dass immer, wenn sie an einem anderen Objekt vorbeifahre, das sie gemeinsam mit Pohlmann gestemmt hat, die ganze Frustration und Aufregung der Entstehungszeit wieder hoch koche. Von daher sei sie froh, dass sie dieses Mal nicht in den Bauvorgang involviert war. Von Weißler gab es ein großes Lob für den Entwurf, der es geschafft habe, auf einem Nicht-Ort, den niemand auf der Karte hatte – geprägt von einer gigantischen Brandmauer – einen attraktiven Kulturstandort entstehen zu lassen. Besonders froh sei sie, dass hier eine Bibliothek entstanden sei. Denn Bibliotheken seien die Kulturorte, die sie am häufigsten und am liebsten besuche, vielleicht mit Ausnahme ihres Gartens. Großes Lachen, Applaus, nächste Rede.

Es spricht Kristina Laduch, Leiterin des Fachbereiches Stadtplanung beim Bezirksamt Mitte. Zwar sei aus stadtplanerischer Sicht nicht ihr Lieblingsentwurf umgesetzt worden, gibt sie zu. Gleichwohl bescheinigt sie den Architekten eine gelungene Arbeit und einen exzellenten Entwurf. Auch sie hat noch ein Feedback an Pohlmann parat. In letzter Zeit gab es noch drei Anfragen vom Bezirksamt Mitte zur Zusammenarbeit mit Pohlmanns Behörde. Alle wurden zurück gewiesen. Nun hoffe sie, dass dies nicht aus Frustration über das gemeinsame Projekt Schillerbibliothek geschehen sei.

Last, but not least: Stefan Rogge, Leiter der Stadtbibliothek Berlin-Mitte und damit direkt der Schillerbibliothek übergeordnet, schreitet zum Rednerpult. Standesgemäß eröffnet er seine kurze Ansprache mit der Anrede "Liebe Leserinnen und Leser". Wo gestern noch Besen würden heute Reden geschwungen. Auch er kritisiert die Baufirmen, die Übergabe der Baustelle hätte reibungsloser und in besserem Zustand erfolgen können. Den Baufirmen empfiehlt er einen Besuch des Fremdsprachenbereiches – dort könnten sie Begriffe wie "Termintreue" und "Zuverlässigkeit" nachschlagen. Nichtsdestoweniger sei er heute froh, seine Bibliothek eröffnen zu können.

Kurze, aber unterhaltsame und nicht glatt gebürstete Reden – das war mal ein erfrischender Redemarathon, der auch nur eine gute halbe Stunde in Anspruch nahm. Was zur immer wieder thematisierten Eröffnung der Bibliothek noch fehlte, war das Durchschneiden des Bandes. Tusch „The Toby Tones“. Alle vier Rednerinnen und Redner traten mit Schere an, um der roten Schnur gemeinschaftlich zu Leibe zu rücken. Sie wurde dann auch sehr erfolgreich durchtrennt und sogleich übernahm das Volk seine Bibliothek.

Stefan Rogge lud zum Rundgang durch die drei öffentlichen Etagen. Mit großer Neugier und doch erkennbarer Anerkennung – das höchste Lob im Wedding ist ja „Kannste nicht meckern“ – drängten die zukünftigen Leser vorbei an Bücherregalen, Multimedia-Sesseln, Spielkonsolen, Ausleihstationen, Infodesks und vielem mehr. Die Aussicht Richtung Leopoldplatz wurde gelobt, die Sitzmöbel getestet, der Lieblingskrimi gesucht und gefunden. Sodann ging’s zurück ins Erdgeschoss. Denn dort warteten Schnittchen, Toby Tones, Sekt und interessante Gesprächspartner. Beschwingt, kommunikativ und fröhlich klingt die Feier aus. Nun ist sie also eröffnet, die Schillerbibliothek. Vielleicht gehen Sie auch mal hinne?!

Fotos und Text: Johannes Hayner