Sie befinden sich hier: kiez.info - Neuigkeiten / Ein Riesenstaubsauger für den Kiez

Suche

Aktuelle Veranstaltungen

Sonntag, 16. Dezember 2018  13:00 Uhr

Weihnachtlicher Weddingmarkt auf dem Leopoldplatz

Mittwoch, 24.10.2018

Ein Riesenstaubsauger für den Kiez

Müllsammelaktion mit Schülern der Gutzmann-Schule in der Uferstraße

Kinder aus der Albert-Gutzmann-Schule unterstützen die Sammelaktion
"Der Riesenstaubsauger" vorm DuJardin
Lena Rickenberg von der nebenan.de-Stiftung
Schwer zu tragen: jede Menge Müll verbirgt sich in den Büschen
Beherzter Sprung über den gesammelten Müllberg
Emily Thomey und Benedikt Drossart von TheDive

Wer wie der Autor seit Jahren täglich mit dem Rad an der Panke entlangfährt, kann nachvollziehen, was Benedikt Drossart auf seinem Weg zur Arbeit öfter durch den Kopf ging. Und genauso gut kann er sich vorstellen, aus welchem Grund sich Emily Thomey und schließlich alle ihre Kollegen der von ihm erfundenen Aktion "Schöner kiezen" angeschlossen haben. Denn Benedikt Drossart stolperte praktisch immer, wenn er seinen Schreibtisch bei TheDive in der Uferstraße 6 ansteuerte, über Müll, Schmutz, Unrat, G'schiss und Dreck im Umfeld des schönen Altbaus, der direkt gegenüber den Uferstudios liegt. Das nervt! 


Doch anstatt wie viele hier den Blick darin zu üben, das Störende auszublenden, ergriff Benedikt die Initiative und motivierte zunächst Emily und später alle Kollegen bei TheDive dazu, Müllsammelaktionen in der Nachbarschaft zu veranstalten. Der Kiez soll schöner werden, und so kam es, dass seit Frühjahr 2018 ein mutiges Häufchen „Diver“ Woche für Woche ausrücken, um der Verunreinigung des Straßenlandes zu Leibe zu rücken. Sie nennen ihre Sammelaktionen "Schöner kiezen". So weit, so gut. Wer mehr über die Aktion wissen will, kann dies hier im Blog nachlesen. 


Nun begab es sich aber, dass am Donnerstag, 18. Oktober 2018, aus diesem Häufchen ein Haufen werden sollte, und zwar ein gewaltiger. Zur Verstärkung der couragierten Ehrenamtler traten nämlich zwei Grundschulklassen der benachbarten Albert-Gutzmann-Schule an, um gemeinsam Wege, Wiesen und Wasserlauf zu wienern. 


Fünfzig Kinder in orangefarbenen BSR-Warnwesten strömten in den Kiez und gaben sich der Müllarbeit mit ungeahnter Leidenschaft hin. Viel hat bisweilen nicht gefehlt und sie hätten sich um die fettesten Stücke gestritten. Ein Busch am Rand der Wiese hinterm Amtsgericht entpuppte sich dabei als Müllgrab oder Müllquelle, je nach Betrachtungsweise. Denn Flasche für Flasche, Pappe für Pappe zogen die Kids mit Entdeckermut aus seinem Inneren, sodass am Ende allein seine Geheimnisse mehr als zwei große Müllsäcke füllten. So gründlich waren die Viert- und Sechstklässler, dass ein Passant, der seinen Kaffee auf der Sonnenterrasse des DuJardin genoss, meinte: „Es ist, als ob ein Riesenstaubsauger durch den Kiez gejagt wäre.“ 


Auch Lehrerin Antje Schönmeier ist überrascht, wie engagiert sich die Kinder zeigen. Gerade die Kinder, die im Vorfeld laut Unmut äußerten, seien nun mit Feuer und Flamme dabei. Daraus zieht sie die Lehre, dass man Aktionen wie dieser erst mal eine Chance geben sollte. Im Machen bewerten nicht nur Kinder vieles anders als bei der theoretischen Vorbetrachtung. Die Wertschätzung der Aktion in der Schule kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass Schulleiterin Gerlinde Kanacher auf eine kurze Stippvisite an die Panke kommt, um ihre Schüler zu motivieren und für ihren Eifer zu loben.


Mit Trillerpfeifen halten die begleitenden Lehrerinnen die Schulklassen zusammen. Wie fluoreszierende Glühwürmchen ziehen die Kinder in ihren Westen entlang der Uferstraße, über die Pankebrücke bis vors Portal der Gutzmann-Schule und zur Wiese hinterm Amtsgericht. Was sagen die Kinder, haben sie Spaß? Ja klar, ist doch schön bei dem Wetter, finden sie. Außerdem fällt eine Stunde Unterricht aus, grinst eine fesche Sechstklässlerin. Ein Junge erzählt, dass er sich vor der BSR schäme – der Hintergrund wird nicht ganz klar. Vielleicht meint er es andersrum?!


Um die Maßnahme in einen größeren Zusammenhang zu stellen, hat das Kollegium von TheDive heute die nebenan.de-Stiftung mitgebracht. Nebenan.de ist Deutschlands größte Plattform für Nachbarschaften im Internet, und die Stiftung ist das Offline-Pendant dazu. Lena Rickenberg erzählt, dass sie mit ihrer Arbeit Nachbarn dazu bekommen wollen, sich in ihrer Umgebung zu engagieren. Quasi en passant geschieht es dabei, dass sich die Menschen untereinander austauschen und besser kennenlernen. Willkommen sind ihnen Gelegenheiten, bei denen Menschen ohnehin schon in ihrer Nachbarschaft aktiv sind, so wie es bei TheDive ja der Fall ist. Um das Geschehen zu dokumentieren, hat Rickenberg einen Kameramann mitgebracht, der bei herrlicher Oktobersonne sicher keine Probleme hatte, eindrucksvolle und schöne Bilder aufzunehmen. Neben Aufräumaktionen unterstützt die nebenan.de-Stiftung Nachbarschaftsfeste, Hof-Flohmärkte, Kleidertauschbörsen und Urban-Gardening-Aktionen – und das deutschlandweit.


TheDive – der Name ist nun schon so oft gefallen, da fragen Sie sich sicher, was dahinter steckt?! Emily Thomey erzählt, dass TheDive eine Unternehmensberatung sei, aber keine klassische. Dem Team mit 20 Mitarbeitern geht es darum, eine lebensdienliche Wirtschaft zu schaffen, in der die Akteure umwelt- und menschenfreundlicher zusammenarbeiten. Die vier Gründer waren selbst Unternehmer und haben im Marketing größerer und kleinerer Firmen gearbeitet. Aber klassisches Marketing arbeitet vor allem am Image eines Unternehmens, einer Marke - da musste nach Meinung der vier etwas Authentischeres her. So setzten sie TheDive auf mit dem Ansatz, einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen zu werfen. Im Zentrum steht immer die Frage stellen, wo man selber ansetzen kann, um die Welt zu ändern.


Mit diesem Hintergrund ist die ehrenamtliche Aufräumaktion in der Nachbarschaft praktisch eine logische Fortsetzung dessen, was die Kollegen beruflich tun. Probleme erkennen, aktiv werden, nicht auf die anderen warten. Und ja, ihre „kleine Welt“ in der Uferstraße hat sich schon geändert, berichten Emily und Benedikt. Eine Nachbarin ist regelmäßig bei ihren Aktionen mit dabei und man lernt sich kennen im Kiez. So sammeln sie inzwischen nicht nur Müll, sondern auch anerkennende Worte, neue Bekannte und bisweilen sogar kulinarische Erfahrungen, gespendeten von begeisterten Nachbarn. Geht doch!

Text und Fotos: Johannes Hayner