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Große Potentiale und ein großes Problem

Helmut Geißler, Projektleiter des neuen QM-Projektes "Unterstützung der Kiezgewerbe" im Gespräch

Ein neues Zentrum für den Pankstraßen-Kiez: Der Nettelbeckplatz
Projektleiter Helmut Geißler
Die Lage der Gewerbetreibenden im Malplaquetkiez ist völlig anders als rund um den Nettelbeckplatz
Das Mirage: Früher ein Friseur, heute ein Bistro
Kunden von außerhalb in den Kiez zu holen ist eine Herausforderung, nicht nur am Nettelbeckplatz

Mit Blaulicht jagt das Polizeiauto über den Nettelbeckplatz auf eine Menschengruppe zu. Volles Tempo, quietschende Reifen, Zugriff mit Absprung. Das ist ja wie im Kino! Helmut Geißler winkt ab: "Dreharbeiten. Das geht schon die ganze Zeit so." Abgeklärt sitzt der Projektleiter des neuen QM-Projektes "Unterstützung der Kiezgewerbe" vorm Bistro Mirage und schaut Drehstab, Schauspieler*innen und Statist*innen zu. Wir sind hier verabredet, um über das neue Projekt im Portfolio des Quartiersmanagements (QM) Pankstraße zu sprechen.

Das im Frühjahr 2017 vom QM ausgeschriebene und nun startende Projekt macht es sich zur Aufgabe, die Präsenz des Gewerbestandortes Pankstraßen-Kiez zu erhöhen. Dabei hat es zwei Schwerpunkte: Die Vernetzung unter den Gewerbetreibenden soll gestärkt, ein Standortmarketing etabliert werden. Und es geht darum, die Gewerbetreibenden ganz konkret bei ihren Marketing- und Werbemaßnahmen zu unterstützen und Knowhow dazu mit Schulungen oder Beratungen zu vermitteln.

Helmut Geißler ist in der Betreuung der Gewerbetreibenden im Pankstraßen-Kiez das, was man gemeinhin einen "alten Hasen" nennt. Denn mit der „STATTwerke Consult“, Gesellschaft für Unternehmensberatung und Projektentwicklung , deren Geschäftsführer er ist, war er bereits von 2003 bis 2008 hier aktiv, unter anderem mit der Ausbildungsinitiative Wedding.  Aber wie startet man in so ein Projekt? "Ich bin hier gerade auf Bestandsaufnahmetour. Ich gehe durch die Straßen, gucke, welche Gewerbeeinheiten es gibt und sage kurz hallo, um ein paar Basisdaten zu erfassen."

Dabei hilft Herrn Geißler seine frühere Tätigkeit im Kiez. "Ich habe meine alten Listen hervorgeholt und aktualisiere sie jetzt. Es ist interessant, was sich hier in den neun Jahren getan hat und wieviel Dynamik in dem Standort steckt." Dabei stellen er und seine Kollegen fest, dass gerade die Unternehmen, die damals schon einen stabilen Eindruck gemacht haben, immer noch existieren. Das Verhältnis der Läden, die seit damals die gleichen Betreiber*innen haben zu denen, bei denen die Betreiber*innen wechselten, schätzt er auf 60:40. Immerhin. "Nehmen Sie nur das Mirage hier," lacht Helmut Geißler, "wo wir uns gerade treffen, habe ich mir vor 10 Jahren die Haare schneiden lassen. Dass hier ein Friseur war, steht sogar noch an der Fassade." Was ist die größte Veränderung zu damals, will ich wissen? "Im Unterschied zu 2008 gibt es inzwischen kein größeres Leerstandsproblem mehr. Damals war es schwierig, Gewerberäume zu vermieten. Heute könnte man wahrscheinlich jedes Ladengeschäft zweimal vergeben."

Nach Meinung Helmut Geißlers weist der Gewerbestandort Pankstraßen-Kiez große Potentiale, aber auch ein großes Problem auf. Zu den Potentialen gehören die Innovationskraft der Akteur*innen, die Innenstadtlage und der Zuzug neuer Bevölkerungskreise, etwa in die gerade entstehenden Studierendenappartements in der Gerichtstraße. Das größte Problem sei immer noch die mangelnde Kaufkraft in der Nachbarschaft. Deshalb würde es Helmut Geißler gern schaffen, auch Publikum von außen zum Einkaufen in den Kiez zu locken. Dies könne am ehesten am Nettelbeckplatz mit seiner Nähe zu S- und U-Bahn gelingen, überlegt er.

Überhaupt, der Nettelbeckplatz. Er habe das Potential zu einem zentralen Platz für den Kiez mit einer gewissen Anziehungskraft. Dem steht allerdings die Gewerbestruktur - unter anderem mehrere Spielotheken - entgegen. Eine gesunde Gewerbedurchmischung und ein angenehmes Geschäftsklima für Laufkundschaft sei es, was hier vor allem fehle. Darauf hin zu arbeiten sei zwar das Bohren dicker Bretter, aber es könne sich lohnen. Das Projekt läuft bis Ende 2019, hat also auch Zeit. Und man kann an bestimmte Dinge anknüpfen, zum Beispiel an das vorherige Gewerbeprojekt von Lokation:S. Im Moment ist das Team von STATTwerke Consult dabei, die Projektergebnisse zu sichten.

Wie nähert man sich dem beschriebenen Ziel konkret, also in der praktischen Arbeit an, möchte ich wissen? Herr Geißler berichtet, dass jeder Kiez Schlüsselgeschäfte habe, deren Betreiber bereits engagiert sind oder sich für die Projektziele engagieren lassen. Diese muss ein Projekt wie dieses um sich sammeln und begeistern. In der Folge hätten diese "Multiplikator*innen" eine Ansteckungswirkung in den Kiez, sodass nach und nach mehr Geschäfte an der Entwicklung des Standortes mitarbeiten. Dies bedeutet natürlich nicht - darauf legt Helmut Geißler Wert - die eigenen Geschäftsziele zu vernachlässigen. Im Gegenteil, fruchtet das Engagement und verbessere sich dadurch der Standort, so stehe auch die Geschäftstätigkeit der Läden auf einer breiteren Basis.

Das Projekt möchte dem ansässigen Gewerbe gezielt mit neuen Marketing-Mitteln und -Methoden unter die Arme greifen. Einzugsgebiet des Projektes ist das gesamte QM-Gebiet Pankstraße, wobei Geißler zu Bedenken gibt, dass die Anforderungen der Gewerbetreibenden in den Gebieten nördlich des Leopoldplatzes deutlich andere seien als rund um den Nettelbeckplatz. Deshalb überlege er auch gemeinsam mit dem QM, für beide Gebiete separate Händlernetzwerke aufzubauen. Dass sich überall im Wedding die Gewerbelandschaft gerade im Wandel befinde, sieht Geißler eher als Chance denn als Bedrohung. Für die Gewerbetreibenden hier im Kiez und damit auch für das Projekt selbst bedeute dies, beweglich und mutig zu sein. Dann würden sich auch Möglichkeiten öffnen, ist sich Helmut Geißler sicher. Trotz aller Begeisterung mahnt er zu Realismus: Dass aus dem Nettelbeckplatz ein zweiter Alexanderplatz werde, sei vorerst nicht zu erwarten.

Noch vor Beginn des Advents möchte das Team um Helmut Geißler die hiesigen Gewerbetreibenden zu einem ersten Treffen einladen. Am 29. November um 18:30 findet die erste Gewerberunde im Seminarraum des QM in der Adolfstraße statt. Dort stellt sich das Projekt vor und es wird Gelegenheit geben, Wünsche vorzutragen und Ideen für gemeinsame Marketingmaßnahmen zu entwickeln. Die von Geißler genannten einheitlichen Fahrradständer seien nur ein Beispiel, auf dessen Umsetzung er keinesfalls bestehe.

Wieder rauscht der Polizeiwagen über den Platz. Zackig werden die Verbrecher eingesackt, die Szene war wohl doch noch nicht im Kasten. Also, wenn das Projekt "Unterstützung der Kiezgewerbe" es schafft, den Gewerbestandort Pankstraßen-Kiez so gut zu verkaufen wie den Drehort Pankstraßen-Kiez, dann ist viel geschafft. Denn Dreh ist hier eigentlich immer.

Text und Fotos: Johannes Hayner