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Mittwoch, 11.07.2012

Pflanzer statt Panzer

Guerilla Gardening im Bild

Reichlich Zuschauer für eine Geheimaktion

Stadtguerilla - das war in den 1970ern ein Furcht einflößendes Projekt einer radikalisierten Jugend. Die RAF hat sich längst aufgelöst; heute geht Guerilla (wörtlich: kleiner Krieg) in der Stadt anders. In urbanen Gesellschaften weltweit bringen Stadtmenschen ihre Lust auf naturnahe Betätigung mit Guerilla Gardening zum Ausdruck. Was macht dabei Guerilla Gardening so besonders, unterscheidet es von normaler gärtnerischer Betätigung? Es ist vor allem die gestalterische Inbesitznahme öffentlichen, zumeist brach liegenden Landes. Guerillagärtner fragen nicht nach dem Grundbucheintrag. Mit ihren Aktionen verfolgen sie unterschiedliche Ziele, von der Eigenversorgung mit Lebensmitteln bis hin zur Verschönerung der Umwelt. Richard Reynolds, Vorreiter der Bewegung aus England, formuliert es in seinem Standardwerk „Guerilla Gardening“ so: „Ich warte nicht auf Genehmigung, ich grabe überall, wo ich gärtnerisches Potenzial sehe.“ In seinem reich bebilderten Buch erstrahlen dann auch Verkehrsinseln, Autowracks und Brachflächen aller Art in neuer Blütenpracht. (Richard Reynolds: „Guerilla Gardening“, orange press, 2009)

Guerilla Gardening – das Phänomen interessiert die Redaktion. Wie müsste eine solche Aktion hier im Kiez aussehen? Klandestine Befragungen bei Szene-Insidern führten zu keinem Ergebnis. Offensichtlich ist die Welle noch nicht in den Wedding geschwappt. Also mussten wir unter dem alten Revoluzzer-Motto „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“ selber ran. Zunächst ging es um die Beschaffung der Munition für die Guerilla-Attacke: Pflanzen und Samen. Auf zum Gartenmarkt. Für den Einstieg hatten wir uns drei verschiedene Standorte mit drei verschiedenen Nutzungsarten vorgenommen. Ein Beet mit Kräutern und Tomaten. Eines mit Blumen, die wir einpflanzen wollen. Und ein Beet, auf dem wir Blumensamen einsäen. Schnell bekamen wir mit: Guerilla ist teuer. Für Saat- und Pflanzgut sowie ein bisschen Dünger gehen locker 25 drauf.

Mit unseren Schätzen in der Hand und bewaffnet mit Spaten, Hacke und Harke geht es auf Kiezbesichtigung. Wo ist ein guter Ort für unsere Guerilla-Aktion? Eins ist klar: Das Grünflächenamt fragen wir nicht um Genehmigung, der Versuch soll unter „echten“ Bedingungen stattfinden. Wir entscheiden uns für Standorte in Pankenähe. Unser erstes Blumenbeet kommt hinter den Zaun an der Pankebrücke zwischen Pank- und Gerichtstraße. Hier ist es einigermaßen sonnig und durch den Zaun kommen auch keine Hunde an unsere Pflänzchen. Zunächst gilt es, im hohen Gras eine Schneise für unser Minibeet zu schlagen. Eine Sense hat dieses Stück 2012 mit Sicherheit noch nicht gesehen. Umso besser, denken wir: Mit Sonnenblume, Celosia, Edellieschen und Begonie setzen wir lustige Farbtupfer in die Wiese. Pflanzen angießen, düngen und weiter geht’s. Wenn wir von unseren Kräutern etwas haben wollen, ist Hundeschutz für den Kräutergarten zwingend. Deshalb nehmen wir den Abhang an der S-Bahn-Unterführung am Pankegrünzug, um Schnittlauch, Petersilie, Basilikum und zwei Tomatenpflänzchen zu setzen. Viel an Bewuchs zu vertreiben gibt es dort ohnehin nicht, beim Graben merken wir schnell, dass die Mutterbodenschicht dünn ist. Aber vielleicht klappt’s ja mit ausreichend Dünger und Wasser. Passanten schauen interessiert an beiden Stationen, aber so richtig nimmt keiner Notiz von unserem revolutionären Tun.

Also beschließen wir: Jetzt erst recht! Mit den Sämereien stürzen wir uns mitten in den tosenden Verkehr – auf den Grünstreifen der Pankstraße, just dort, wo diese die Panke überquert. Rechts und links brausen Autos, in der Mitte werden zwei schmale Streifen ausgehoben, in denen wir Sonnenblumen und Kapuzinerkresse pflanzen. Das Gras steht relativ hoch – der letzte Schnitt ist also schon ein wenig her. Mal sehen, vielleicht haben wir Glück und bei der nächsten Mahd sind unsere Pflänzchen noch zu klein. Zufrieden ob des Geleisteten trottet die neue Stadtguerilla nach Hause.

Drei Wochen vergehen. Regelmäßig schauen wir nach unseren Schützlingen, gießen, zupfen Unkraut, reden gut zu. Für die Begonie war das Leben in der Illegalität wohl zu heiß. Vielleicht hat sie auch nur einem Passanten gefallen – jedenfalls ist sie eines Morgens verschwunden. Die Sonnenblume sieht ein wenig mickrig aus – liegt vielleicht auch am regnerischen Juniwetter. Die Tomaten müssen bald hochgebunden werden. Und unsere Sämereien entwickeln sich prächtig. Und tatsächlich: Die Wiese ist gemäht, aber unsere Pflänzchen waren für den Mähbalken noch zu niedrig.

Wer es der Redaktion nachtun möchte, den bitten wir doch um Kontakt zum Grünflächenamt. Auf Nachfrage wird uns bestätigt, dass gerade bei privaten Verschönerungsaktionen im öffentlichen Raum der lange Atem das A und O ist. Bepflanzungen z.B. auf Baumscheiben brauchen halt permanent Pflege. Deshalb empfiehlt das Grünflächenamt auch, sich nicht zu übernehmen (lieber eine kleine Fläche regelmäßig bearbeiten) und die Flächen in Wohnortnähe auszusuchen. Gerade beim Wässern ist es gut, wenn der Gärtner möglichst direkten Zugriff auf Gießwasser hat. Auch ist nicht jede Bepflanzung geeignet. Zum Beispiel Rasen entzieht dem Baum jede Menge Wasser, die dieser selbst benötigt. Mehr Infos dazu gibt es beim Grünflächenamt.

Und unser Fazit? Vorerst sind wir froh, dass die meisten Pflanzen sich wohl zu fühlen scheinen. Und Guerilla Gardening? Warum nicht, wenn es zur Verschönerung des Kiezes beiträgt.

Johannes Hayner