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Ich bin ein Geschichtenerzähler

- Sidikie Coker wurde 1970, in Sierra Leone geboren und lebt seit Ende 1996 in Deutschland. Der freischaffende Musiker, Musiklehrer und Musik-Redakteur studierte Musik und afrikanischen Kultur am Bunumbu Teachers-College in Sierra Leone. Sidikie Coker lebt mit seiner Frau und seiner Tochter im Wedding.
Gegen Ende unseres Gesprächs gibt Sidikie Coker eine Kostprobe seiner Sangeskunst. Leise - denn wir sitzen in einem Café am Nettelbeckplatz - singt er mit einer schönen, hell klingenden Stimme ein Lied, mit dem er manchmal seine siebenjährige Tochter Hanna aufheitert, wenn sie weint. Der typisch afrikanische Rhythmus entsteht allein durch den Gesang. Der swingt selbst ohne eine der 24 Trommeln, mit denen Sidikie sonst in die Schulen und Kitas oder zu den Auftritten mit seiner „Sierra Leone Cultural Group“ fährt.
„Ich bin ein Geschichtenerzähler“, sagt Sidikie, “meine Musik, meine Texte und Gedichte – alles dreht sich um Geschichten. Schon als ich Kind war, haben wir zu Hause beim Essen immer etwas erzählt.“ Aufgewachsen ist Sidikie Coker in einem Dorf im Moyamba-Distrikt im Süden von Sierra Leone. Er ist das jüngste von 24 Kindern, hat vier Mütter, und bei Sidikies Geburt hatte der Vater weißes Haar und einen weißen Bart.
1996, während des Bürgerkriegs, der das westafrikanische Land über ein Jahrzehnt lang bis 2002 erschüttert hat, hat Sidikie seine Heimat verlassen.
Der junge Mann mit den Jeans und dem Basecap wirkt besonnen und ernsthaft. Aber wenn er über seine Arbeit erzählt, über den Spaß der Kinder, wenn zwischen Mathe und Deutsch eine Stunde getanzt und getrommelt wird, spürt man eine große Liebe und Begeisterung und auch, dass sich diese Leidenschaft auf die Kinder überträgt. So, wenn er mit einer zweiten Klasse der Wedding-Grundschule eine Traumreise nach Afrika unternimmt.
„Frau Herz, die Lehrerin, und ich haben einen Raum mit afrikanischen Instrumenten und Stoffen ausgestattet, und ich habe mich versteckt. Als die Kinder kamen, haben sie sich gleich ein bisschen so gefühlt, als wären sie in Afrika. Frau Herz hat sie dann gefragt: >Wollt ihr denn einen Mann aus Afrika kennenlernen?< >Jaaa<, haben die Kinder gerufen, und Frau Herz hat >Sidikie< gerufen, und ich bin aus dem Versteck gekommen. Das war ein großer Spaß! Wir haben über das Leben der Kinder in Afrika geredet, und sie wussten, dass man dort eine Schuluniform trägt. Gemeinsam haben wir Spielzeuge gebaut und ich habe ihnen natürlich Lieder beigebracht.“
Die „Afrika-Reise“ ist auf „Radijojo“ zu hören, dem Kinderradio, das vom Haus der Jugend via Internet in die ganze Welt sendet (www.radijojo.de), und wo Sidikie als Musik-Redakteur arbeitet. Im Rahmen des internationalen Austauschprogramms stellt er afrikanische Musiker vor: spielt ihre Musik, berichtet über ihr Leben und aus welchem Land sie stammen.
Die Texte zwischen den Musiktiteln lesen Schüler ein. Manche Aufnahmen werden in den Schulen produziert, für andere geht Sidikie mit ihnen ins Tonstudio von „Radijojo“. „Die Kinder sind begeistert, und vielleicht wird es für einige sogar später ein Beruf“, sagt er. Aufgenommen werden die Moderationen in englischer Sprache, so dass die Kinder ganz nebenbei noch ihre Englischkenntnisse aufbessern.
Für den Zirkus Internationale schrieb Sidikie 2006 die Vorlage zu „Jatu – eine afrikanische Geschichte“. Das Zirkustheater von Kindern für Kinder erzählt von einem Mädchen, das nicht lachen kann – am Ende aber natürlich zum Lachen erweckt wird.
Mit derlei Geschichten oder Liedern, wie dem von einem alten Baum, der Vögeln als Rastplatz und Menschen und Tieren als Schatten dient, bis er eines Tages in der Regenzeit bei einem Gewitter auf immer zerstört wird, vermittelt Sidikie etwas von seinen kulturellen Wurzeln. „Ich möchte den Kindern eine Idee von Musik geben, eine geistige und körperliche Vorstellung, und ich möchte ihnen zeigen, dass wir alle gleich sind.“
Dass leider nicht alle Leute so denken, hat Sidikie Coker schon nach kurzem Aufenthalt in Deutschland erfahren. In Rathenow, wo er zunächst in einem Asylbewerberheim wohnte, einen Deutschkurs und eine einjährige Weiterbildung belegte, wurde er von Nazis krankenhausreif geschlagen - zwei Wochen vor der staatlichen Prüfung zum kaufmännischen Assistenten.
Als Sidikie nach vier Monaten aus dem Hospital entlassen wurde, beantragte er die Übersiedelung nach Berlin. Den Wechsel in einen kaufmännischen Beruf hat er glücklicherweise aufgegeben. Denn vielen Kindern im Wedding würden Sidikies Musik und seine Geschichten sicher fehlen.






