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Ich bring eben den Müll weg, Schatz!

BSR
"Orange fährt ab" : Lutz Kultus und Gerhard Steinborn

Ich bring mal eben den Müll weg, Schatz! Die geflügelten Worte, die auf ihrem Müllwagen prangen, könnten auch von Lutz Kultus oder Gerhard Steinborn direkt stammen. Manchmal, gestehen sie, fühlen sie sich wie ein altes Ehepaar. „Mit meinem Kollegen verbringe ich ja mehr Zeit als mit meiner Frau; vielleicht feiere ich deswegen bald meinen 31. Hochzeitstag“, feixt Lutz Kultus.

Wir treffen uns auf dem BSR-Betriebshof, gleich im Anschluss an ihren Dienst. Die Herren tragen noch Arbeitskleidung. Orange natürlich, das Markenzeichen der BSR. Privat wollen sie nicht unbedingt mit orangefarbenen Pullovern beschenkt werden, aber im Arbeitsalltag finden sie die Farbe schon passend, und: „Man wird gesehen!“, sagt Gerhard Steinborn.

Die Verlockung des öffentlichen Dienstes hat beide Ende der 1970er-Jahre zur BSR geführt. „Zuerst als Straßenfeger. ‚Handreiniger’ hieß das damals“, so Lutz Kultus und Gerhard Steinborn erklärt: „Da gab es strenge Hierarchien: Mit 16 Jahren auf die Straße, ab 21 durfte man dann zur Müllabfuhr.“ Seit zwölf Jahren fahren sie ihre Touren gemeinsam, auch im Pankstraßen-Quartier.

Es ist gegen 14 Uhr. Herr Kultus und Herr Steinborn haben seit Dienstbeginn, um sechs Uhr, 20 000 Kilogramm Hausmüll entsorgt. Die durchtrainierten Körper in den sommerlich kurzen Hosen und Träger-T-Shirts lassen etwas von der täglichen Schwerstarbeit erahnen. Trotzdem sitzen sie entspannt und gut gelaunt in der kleinen Runde. „Sie wollen Fotos machen?“, fragt Lutz Kultus mit gespieltem Erschrecken, „aber ich bin ja gar nicht geschminkt!“. Als ich ihm mein Make-up-Täschchen reiche, verzichtet er und steht bereitwillig Rede und Antwort - ungeschminkt.

Die Tour im Pankstraßen-Kiez fährt das eingespielte Team seit vier Jahren, aber den Wedding kennt es wie die eigene Westentasche. Lutz Kultus lebt seit 1984 im englischen Viertel am Schillerpark, Gerhard Steinborn ist am Leopolplatz geboren und erzählt, wie er als kleiner Junge auf der Schulstraße noch Fußball spielen konnte: „Während der Weltmeisterschaft 1966, da haben wir mitten auf dem Damm trainiert.“

Das Fußballspielen musste er inzwischen aufgeben, weil der Beruf des Müllwerkers Bandscheibenprobleme mit sich bringt. 1100 Liter fasst ein großer Container, zwischen 120 und 660 Liter gehen in die kleineren Behälter. Das muss erst einmal aus Häusern und Höfen, über Treppen oder Stufen bewegt werden.

Wurden vor fünfzehn Jahren täglich 100 Kubikmeter abgeholt, so ist das System mittlerweile auf 200 Kubikmeter optimiert, und während die Besatzung früher fünfköpfig war, sind es heutzutage nur noch zwei Müllwerker und ein Kraftfahrer. Da muss auch Lutz Kultus ‚mitlaufen’, sonst würden sie das erhöhte Pensum nicht schaffen.

„Gerade im Wedding sind die Rollenbehälter, wie wir in der Fachsprache sagen, immer voll. Und bei der Mülltrennung tun sich die Anwohner leider schwer. Der Müll ist ohnehin mehr geworden, besonders der Verpackungsmüll“, sagt Herr Kultus. In Zehlendorf, da sind sich beide sicher, wird mehr getrennt. „Im Wedding finden wir Fernseher, Wäscheständer, kaputte Kinderwagen oder zusammengefaltete Matratzen“, so Gerhard Steinborn. „Das fliegt alles in den Hausmüll. Wenn eine Schrankwand im Hof steht, weiß man genau: die hast du nächste Woche im Behälter.“

Vieles davon verschwindet unter den gewöhnlichen Abfällen und wird zum Schaden der Umwelt unsachgemäß entsorgt. Wenn die Müllwerker bei ihren Kontrollblicken Computer oder Kühlschränke entdecken, werden sie entfernt und auf dem ‚Meckerblatt’ notiert; dann gibt es kostenpflichtige Extrafuhren. Wo die Tonnen ständig überfüllt sind, wird eine „Zwangserhöhung“ angeordnet. Man muss mehr Behälter aufstellen und auch mehr zahlen.

„Dabei kann jeder auf den Betriebshöfen bis zu einem Kubikmeter kostenlos abgeben. Manche Leute sind einfach zu bequem. Der Höhepunkt war ein Kachelofen in der Togostraße“, lacht Gerhard Steinborn. „Der war zerlegt und sehr ordentlich in einem 660-Liter-Behälter gestapelt. Den haben wir nicht einmal zu Dritt bewegt, und einige Tage später stand er dann in der Kammeruner Straße. Da müssen zehn Mann geackert haben.“

Wenn wir uns zukünftig mal wieder ärgern, weil gerade ein Müllwagen die Straße versperrt, sollten wir daran denken, dass Herr Kultus und Herr Steinborn dafür sorgen, dass wir nicht in unserem Müll untergehen. Sie tun das gerne und mit Überzeugung. Da üben wir uns gerne auch ein wenig in Geduld.

Michaela Nolte