Sie befinden sich hier: kiez.info - Neuigkeiten / Ich wollte, dass wir uns anschauen …

Suche

Aktuelle Veranstaltungen

Donnerstag, 21. Dezember 2017 , 14:00 Uhr

Basteln mit Natur im Himmelbeet

Donnerstag, 21. Dezember 2017 , 14:00 Uhr

Weihnachtsessen im Tageszentrum m32

Sonntag, 24. Dezember 2017 , 14:00 Uhr

Heiligabend - Geselliges Beisammensein im Tageszentrum m32

Dienstag, 26. Dezember 2017 , 14:00 Uhr

Weihnachtscafé im Tageszentrum m32

Donnerstag, 06.04.2017

Ich wollte, dass wir uns anschauen …

Die neuen Räume des Vereins "Kulturen im Kiez" am Utrechter Platz beherbergen ein Kunstprojekt

Innen gut, außen mit Hut: Gottfried Uebele
Der neue Projektraum am Utrechter Platz
Künstlerin Sabine Jahnke

Über Jahre, so erzählt Gottfried Uebele, stand der Raum leer. Immer wieder bemühte sich der Verein "Kulturen im Kiez", dessen Vorsitzender er ist, darum, ihn anzumieten. Denn er ist hell und licht und öffnet sich ebenerdig direkt zum Utrechter Platz. Ein Schaufenster für den Kiez könnte er sein, so Uebeles Idee. Als im Herbst 2016 die Gelegenheit da war, griff Uebele sofort zu. Seitdem sitzen dort oft die Kiezmütter bei Handarbeit. Und ein Schaufenster zum Kiez ist er tatsächlich auch schon.

"Kulturen im Kiez" ist ein Verein, der schon seit geraumer Zeit seinen Sitz hier im QM-Gebiet hat. Gottfried Uebele selbst wohnt schon seit den 1980er Jahren in der selben Wohnung in der Maxstraße, hat also die Entwicklung des Kiezes in den letzten Jahrzehnten hautnah miterlebt. Die heute über den Wedding hinaus bekannten Kiezmütter gehen auf eine Initiative des Vereins zurück, über lange Jahre haben Uebele und sein Team die Weddinger Kiezmütter betreut, auch der Name kommt von ihnen. Weil das Bezirksamt aber beschloss, die Kiezmütter im Stadtbezirk Mitte nur von einem Träger betreuen zu lassen, der in Moabit sitzt, konnte Kulturen im Kiez das Projekt nicht unter diesem Label weiterführen.  Das Konzept wurde modifiziert und unter dem Titel "Weddinger Kulturmittlerinnen für Geflüchtete" mit neuer Zielrichtung neu aufgesetzt. Heute hat der Verein ein großes Team an Kulturmittlerinnen unter Vertrag, Frauen, die in die Communities von Flüchtlingen hinein Unterstützung in allen Lebenslagen bieten. Sie sind inzwischen gerade in den Willkommensklassen als Dolmetscher, Berater und Vermittler gefragt. Ein weiteres wichtiges Vereinsprojekt heißt "Gemeinsam ankommen im Wedding - Eltern und Kinder lernen Berliner Alltag". Hier geht es darum, neu aus anderen Ländern der EU hierher Gezogene zu unterstützen. Dabei handelt es sich vor allem um Sinti und Roma. Der Verein "Kulturen im Kiez" ist natürlich daran interessiert, den Nachbarinnen und Nachbarn im Kiez die Vereinsarbeit vorzustellen. Und dazu war die Anmietung des Raumes am Utrechter Platz ein wichtiger Schritt.

Initialzündung für die Öffnung des Raumes nach außen ist das Projekt, das die freischaffende Künstlerin Sabine Jahnke im Januar dort durchzog. Ihre Idee, die Nachbarschaft zum Porträtzeichnen einzuladen, entstand ganz spontan. Die Leute sollten reinschauen und darauf aufmerksam werden, dass hier etwas Neues passiert und jeder willkommen ist.

Sabine Jahnke, eigentlich Landschaftsmalerin, sagt: „Ich habe das Projekt gemacht, um die Kulturen im Kiez kennenzulernen.“ Wir treffen sie mit Ölpastell in der Hand. Während sie redet, portraitiert sie uns und sagt: „Ich wohne hier und lerne eigentlich gar keine Menschen kennen ... Also zum Beispiel lerne ich keine Frauen mit Kopftuch kennen. Aber es gibt hier ganz viele.“ Sie findet, dass sie nur wenig über ihre Nachbarn weiß. Mit dem Porträtzeichnen will sie mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen, mehr über sie erfahren. Sie will die Frauen mit Kopftuch kennenlernen und die vielen Menschen aus Algerien, Ägypten, Albanien, Libanon, Türkei, Palästina, Mexiko, Russland, ...

Aber sie möchte auch Gelegenheit bieten, dass die Nachbarn durch das Zeichnen miteinander in Kontakt kommen. Jeder kann hier jeden malen. Dabei setzt sie auf Loslassen und übt mit ihnen das „blind Zeichnen“. Eine Person anschauen und sie, ohne auf das Papier zu schauen, zeichnen. Jahnke bezweckt damit, dass „die linke, kreative Gehirnhälfte aktiviert wird.“ Und sie sagt weiter: „Ich wollte, dass wir uns anschauen. Wenn man sich anschaut und zeichnet, dann kriegt man Kontakt.“ Manchmal entstanden durch diesen „Kontakt“ auch Deutsch- oder Häkelkurse. „Alles sehr spontan und an den Bedürfnissen der Leute orientiert.“, sagt Jahnke. Es gab auch einen Nachbarn, der ihr gleich den Raum tapezieren wollten, weil er sah, dass er noch nicht renoviert ist. Sie schmunzelt darüber.

Am Anfang wurde erst einmal nur geguckt. Nur wenige trauten sich rein.  So waren die ersten Modelle und die ersten Künstlerinnen hauptsächlich die Frauen aus dem Projekt Kulturmittlerinnen und aus den Deutschkursen bei Kulturen im Kiez. Das hat sich mittlerweile geändert. Es hängen schon viele Zeichnungen an den Wänden. Die Nachbarn können sich hier auch langfristig eine Kreativwerkstatt vorstellen können, zu der man immer einfach kommen kann – ohne etwas dafür zu bezahlen, meint Sabine Jahnke.

Das Projekt sei auf jeden Fall gelungen, findet sie. Es ist spannend und sie fühlt sich jetzt mehr mit dem Kiez verbunden. Eine Frau aus dem Irak, die jeden Tag kommt und Modell sitzt, ist mittlerweile eine Freundin geworden. „Ich konnte auch Vorurteile abbauen. Wenn man mit den Leuten redet, ist es gleich was ganz anderes.“

Wie sich die Räume entwickeln werden, ist noch nicht ganz klar. Auf jeden Fall möchte Gottfried Uebele, dass hier ein Begegnungsort für den Kiez entsteht. Aus Sicht des Vereins ist deshalb das Projekt von Sabine Jahnke ideal verlaufen. Inzwischen fand im März auch die Redaktionssitzung der Bürgerredaktion Pankstraße hier statt, die sich der Produktion der Stadtteilzeitung Panker 65 widmet. Positiv war dabei, dass Nachbarn vorbei gekommen sind, interessiert schauten und zum Teil auch in den Raum kamen. Ideal für so ein Projekt, das auf die Mitarbeit der Nachbarschaft baut. Ein nächstes Treffen dort ist schon vereinbart. Wichtig ist für Kulturen im Kiez die kommunikative Qualität der Räume. Durch die extrem großflächigen Fensterflächen und die Öffnung zum Utrechter Platz, der in seinem Zuschnitt direkt auf das  "Schaufenster zum Kiez" hinläuft, existieren ideale Voraussetzungen für den kommunikativen Austausch zwischen Projekt und Nachbarschaft.

Und was passiert mit den Ergebnissen ihres Kunstprojektes?, fragen wir Sabine Jahnke. Sie lacht: „Die bleiben vorerst wie eine Tapete hängen.“ Das Projekt endete mit einer Finissage am 3. Februar. Der Verein Kulturen im Kiez kann sich über die Verschönerung des Raumes freuen und Frau Jahnke würde gern weiter mit den Leuten hier arbeiten. Am besten fände sie ein Atelier im Kiez, in das sie die Leute einladen würde.  Zum Abschluss sagt Sabine Jahnke: „Wenn ich die Leute jetzt auf der Straße treffe, dann kenne ich sie. Sie grüßen mich und ich werde sie grüßen.“


Text: Maja Schudi/Oscar Strohmeyer/Johannes Hayner
Fotos: Johannes Hayner