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In Deutschland von 1973 bis 1989 und seit 2001




Als Evrim Soylu sich 2001 in der Türkei als Lehrerin für den Außendienst bewirbt, erklärt sie den Prüfern: "Ich möchte nach Berlin gehen und den Kindern helfen, die genauso wie ich sind." Denn was der ständige Spagat zwischen den Kulturen insbesondere für junge Menschen bedeutet, hat sie selbst hautnah erlebt.
Aus dem türkischen Yalova siedelten die Eltern nach Deutschland über als Evrim ein Baby war. Aufgewachsen ist sie in München-Dachau. "Damals gab es dort zwei, drei Migrantenfamilien. In meiner Klasse war ich die einzige Türkin. Das war nicht einfach. Es gab Sprachbarrieren und was für mich selbstverständlich war, kannten die anderen Kinder nicht. Zum Beispiel, dass man kein Schweinefleisch isst. Aber meine Eltern haben immer dafür gesorgt, dass ich mit meinen Mitschülern zusammen sein konnte. Ich durfte zum Schwimmen, und bei Klassenfahrten haben sie mir Extra-Lebensmittel eingepackt."
Eines Tages steht auf der Schulwand "Ausländer raus". Auf Anraten des Vater gehen die Mutter und die drei Geschwister in die Türkei zurück. Evrim ist 16 Jahre alt. "Anfangs habe ich mich fehl am Platz gefühlt – wie in einem fremden Land. Ich konnte mich nicht richtig ausdrücken, und die Freunde waren ja auch hier. Aber meine Eltern hatten immer das Ziel, dass aus mir etwas werden soll, und dafür haben sie alles gegeben."
Ziel! Das Wort fällt ein gutes dutzend Mal während Evrim Soylu erzählt. Zielstrebigkeit als wesentliche Voraussetzung für Heranwachsende, aber auch für Frauen. "Für mich stand immer fest: erst die Schule und der Beruf - das Heiraten kommt dann schon." Während des Studiums in der Türkei kam es dann in Gestalt eines Kommilitonen. Ihr heutiger Mann ist ebenfalls Lehrer, und mit ihren zwei Söhnen leben sie in Schöneberg.
Ihren Alltag meistert Evrim Soylu, wie viele berufstätige Mütter, mit großem Organisationstalent. Das erlaubt ihr, sich neben der Arbeit, auch noch zum Thema Migrantinnen zu engagieren. Wie bei der Veranstaltung "Frauen der zweiten Generation", die das Quartiersmanagement Pankstraße mit dem "Türkischen Kulturverein" organisiert hat. Natürlich kommt auch die Familie zum Zuge. "Wir treiben mit den Kindern Sport, lesen oder lernen mit ihnen. In den Ferien reisen wir ins Umland oder zeigen ihnen andere Städte wie München oder Stuttgart, wo mein Mann aufgewachsen ist. Im Sommer besuchen wir die Verwandten in der Türkei. Es ist wichtig, mit den Kindern etwas zu unternehmen; nur fernsehen oder diese Spiele, das schadet so!"
Motivation und Selbstmotivation sind weitere Schlüsselbegriffe für Evrim Soylu. Im Vergleich zu ihrer Jugend sieht sie heute viel mehr Möglichkeiten: zum Beispiel in sozialen Einrichtungen, vor allem aber in "ihrer" Schule. Die Trift-Grundschule im Wedding, an der sie seit 2004 arbeitet, unterrichtet von der ersten Klasse an in deutscher und türkischer Sprache.
"Ich hänge sehr an der zweisprachigen Erziehung. Die Migrantenkinder trauen sich mehr zu äußern, fühlen sich akzeptiert, und ihr Selbstwertgefühl wird größer. Die deutschen Kinder lernen früh eine zweite Sprache – das ist immer von Vorteil, auch ökonomisch. Außerdem erfahren sie mehr über meine Kultur, die sie hier ja tagtäglich auch umgibt. An unserer Schule sind wir ein Ganzes! Dadurch wird der Hass gegen eine andere Kultur geringer." Dem Argument, man spreche ja zu Hause Türkisch, hält Evrim Soylu entgegen: "Warum lernen deutsche Kinder in der Schule Deutsch? -. Integration ist nicht, die eigene Sprache zu verlernen."
Ein früherer Türkischlehrer prophezeite, dass mit ihren Türkischkenntnissen gar nichts aus ihr werde. Evrim Soylu hat gekämpft und "geackert". Und der Lehrer hat sich gewaltig geirrt.


Foto [©caveng]:
Geboren                  1973 IN YALOVA   
Studium                   Deutsche  Literatur | Lehramt
Beruf                         Türkisch-Lehrerin
In Deutschland       von 1973 bis 1989 und seit 2001
Familienstand        verheiratet, 2 Söhne

"Mein Alltag fängt früh an: 5.30 Uhr aufstehen · Kinder wecken · Kurzes Frühstück · Um 6.45 Uhr fahre ich in die Schule · Rückkehr: 14.30 Uhr · Haushalt machen · Essen vorbereiten · Gegen 16 Uhr kommen meine Söhne · Mittagessen · Hausaufgaben · Später kommt der Vater · Alles für den kommenden Morgen organisieren . Wenn die Kinder im Bett sind, trinke ich eine Tasse Tee und bereite den Unterricht am nächsten Tag vor. Natürlich gibt es auch Handicaps. Aber ich meine, dass jede Frau Familie und Beruf vereinen kann. Die Energie kommt, wenn man sich Ziele setzt."