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Montag, 19.03.2012

Interview mit dem Leiter der Abteilung Gesundheit in Mitte, Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke

Bürgermeister Dr. Christian Hanke - im Interview beantwortete er Fragen zum Thema Gesundheit in Mitte




Dr. Christian Hanke setzt sich aktiv für die Gesundheit im Kiez ein

Eine erste Frage an Sie als Bezirksbürgermeister und nicht als Leiter der Abteilung Gesundheit. Welchen Stellenwert hat Gesundheit im politischen Rahmen eines Stadtbezirks Mitte generell?

Wir sind seit vielen Jahren Mitglied im Gesunde-Städte-Netzwerk, das heißt wir haben uns den Ottawa-Richtlinien angeschlossen und sehen im Bereich Public Health eine sehr wichtige Aufgabe. Natürlich haben wir erst einmal damit zu tun, dass unsere Regeldienste laufen, also zum Beispiel Kinder- und Gesundheitsdienste, Psychiatrische Dienste, unser Zahnärztlicher Dienst. Wo wir darüber hinaus gesundheitspolitisch tätig werden könnten, fehlt zumeist das Geld. Um richtig wirksam zu werden, reicht es nicht, die Symptome zu kurieren. Wir haben einen umfassenden Gesundheitsbegriff, Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Obwohl wir gute Ideen haben, fehlt uns das Geld. In unserer Bezirklichen Gesundheitskonferenz haben wir unter Beteiligung der BVV und anderer Akteure eigene Gesundheitsziele entwickelt für den Bezirk. Diese beinhalten auch klare Ziele bei der Kindergesundheit oder für Senioren.

Aber wir sind darauf angewiesen, Projektgelder zu akquirieren. Eine Hilfe ist, das wir das eine oder andere Projekt über die QMs finanzieren können. Für uns ist das Thema Gesundheit immer eine Querschnittsaufgabe, also schauen wir, dass in Regelprojekten der Gesundheitsaspekt mit drin steckt. Gesundheit hat einen hohen Stellenwert, weil es einen unmittelbaren Zusammenhang gibt zwischen sozialer und gesundheitlicher Situation. Wenn man die soziale Situation verbessert, verbessert man auch die gesundheitliche und umgekehrt. Ein Bespiel: Wir haben viele Kinder, die deutsch oder die Muttersprache ihrer Eltern nicht gut sprechen, praktisch immer verbunden mit grobmotorischen Schwierigkeiten. Wir wissen, wenn wir mit den Kindern, die dann fünf Jahre alt sind, aber in der Entwicklung auf dem Stand eines dreieinhalb-Jährigen sind, wenn wir mit denen ein Programm machen, bei dem sie drei Mal pro Woche eine Stunde Sport machen, dass sie nach einem Jahr die Defizite aufgeholt haben. So einfach ist das eigentlich, aber wir haben das Geld nicht. Deshalb haben wir versucht mit der Uni Potsdam, mit Frau Professor Ketelhut, ein Programm aufzulegen, in dem Erzieherinnen ausgebildet werden, Bewegungsangebote mit den Kindern zu machen. Gleichzeitig fungieren sie als Multiplikatoren für die anderen Kolleginnen in der Kita nach dem Schneeball-Effekt. Wir mussten nur die Implementierungsphase bezahlen. Also Gesundheit hat einen sehr hohen Stellenwert, aber im Bereich der Prävention fehlt häufig das Geld für sinnvolle Maßnahmen. Und wir wissen, was sinnvoll wäre.

In wie weit können denn langfristige Ziele mit QM-Projekten verfolgt werden. Wir haben hier ja immer einen begrenzten zeitlichen Rahmen.

Erstens bin ich froh, dass wir Drittmittel in den Bezirk bekommen. Zweitens ist der große Vorteil von QM, dass wir experimentieren können und gucken was läuft und was nicht. Aber das Dritte ist: Die sehr guten Sachen bekommen wir so gut wie nie regelfinanziert. Das ist das strukturelle Problem.

Sie haben Sponsorenbeteiligung erwähnt, wie erfolgreich sind Sie bei der Akquise von Sponsoren?

Schwierig, alle sind auf der Suche nach Sponsoren. Eigentlich müsste man eine Fachfrau, einen Fachmann in der Verwaltung haben, die sich nur diesem Thema widmet. Man schreibt ja nicht nur einen Brief und sagt: „Bitte gebt mir Geld“, sondern muss eigentlich herausfinden, welcher Sponsor zum Projekt passt und welchen man anspricht. Außerdem: Wie kann ich eine Win-Win-Situation herstellen. Wie kann man Verbindlichkeit erreichen. Da wir vieles in der öffentlichen Verwaltung nicht finanzieren können, sind wir darauf angewiesen, dass wir bei Krankenkassen eine Möglichkeit finden, in irgendeinem Programm, das wir uns angucken können. Beim Bundesministerium schauen wir auch nach Programmen, die man nutzen kann. Manchmal gibt es Glücksfälle, zum Beispiel eine familienorientierte Stiftung, mit der wir ein Sprachförderzentrum eingerichtet haben und gerade überlegen, es zu einem kommunalen Bildungsbüro auszubauen. Dieses Sprachförderzentrum ist multiprofessionell, da sind nicht nur Schulverwaltung, sondern auch Jugendamt, Volkshochschule, Gesundheitsamt und andere mit dabei, damit wir wirklich Qualität entwickeln. Mit einem ganzheitlichen Ansatz. Die Stiftung fördert mit 500.000 über drei Jahre, damit können wir nicht nur Materialien beschaffen, sondern auch Personal einstellen. Die dann zum Beispiel in der Kita beraten. Gesundheit und Sprachförderung, oder Mathematikförderung, hängen total eng zusammen. Ein Kind, das von links nach rechts hopsen kann und weiß wo oben und unten, vorne und hinten ist hat gute Voraussetzungen, sich auch kognitiv zu entwickeln.

Ich komm jetzt vielleicht etwas ins Plaudern, aber gestern hat der Leiter vom Kinder- und Jugenddienst, Dr. Brockstedt, der auch in unserem Sprachförderzentrum arbeitet, zwei von fünfjährigen Kindern gemalte Bilder mitgebracht. Auf dem einen Bild sah man eine schöne Prinzessin mit Haus und Baum und auf dem anderen Bild sah man einen Kopffüßler. Der Unterschied zwischen den beiden Kindern ist ganz einfach. Das Kind mit dem Kopffüßler guckt mehr als drei Stunden am Tag fern und das andere Kind nicht. Also dieser Fernsehkonsum ist der absolute Bildungskiller in unserem Bezirk. Bei der Schuleingangsuntersuchung sehen wir, dass die Kopffüßler-Kinder einen eigenen Fernseher im Zimmer haben. Wir versuchen dann, die Eltern auf das gravierende Problem hinzuweisen.

In wie weit engagiert sich denn Bayer HealthCare im Gesundheitsbereich hier im Kiez?

Bayer HealthCare engagiert sich. Sie haben eine Stiftung mit dem klaren Stiftungsziel, Naturwissenschaften im Bildungsbereich zu unterstützen. Deshalb haben wir auch vor zwei Tagen die Abschlussveranstaltung des Regionalwettbewerbs „Jugend forscht“ gehabt. Sie unterstützen die Einrichtung von naturwissenschaftlichen Lehrräumen in Schulen. Also, es muss etwas mit Naturwissenschaften und Forschung zu tun haben. Da profitieren auch Bildungseinrichtungen bei uns. Aber direkt im Gesundheitsbereich machen sie meines Wissens im Bezirk nichts.

Welche Aufgaben verfolgen Sie genau, als Gesundheitsamt hier im Kiez?

Wir haben eine Arbeitsteilung zwischen Land und Bezirken. Die Bezirke sind für viele Aufgaben im Gesundheitsbereich zuständig. Wir haben den Sozialpsychiatrischen Dienst, da geht es also um die Betreuung von psychisch Erkrankten, Zusammenarbeit mit freien Trägern, Stationäre Unterbringung, Wohngemeinschaften. Wir haben den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, der Eingangsuntersuchungen und Beratung von Eltern macht und ganz wichtig: Er besucht die Kinder, wenn sie geboren werden und betreut im Zweifelsfall die Kinder bis zum zweiten Lebensjahr, dann steigt in der Regel das Jugendamt ein. Beim Jugendamt zucken viele Eltern und haben sofort Angst, da haben wir als Gesundheitsamt einen großen Vorteil. Wir geben uns große Mühe alle Kinder, die geboren werden, zu besuchen. Dabei sehen wir schon bei welchen Familien Hilfen eingeleitet werden sollten. Dann haben wir noch den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst mit dem Themenfeld Kinder und Jugendliche, die psychisch erkrankt sind. Dann gibt es den Zahnärztlichen Dienst mit der Untersuchung der Zahngesundheit und mit Aktionen in den Grundschulen zur Stärkung der Zahngesundheit. Dann haben wir die Beratungsstelle für Sehbehinderte. Das ist eine Aufgabe, die wir in Mitte für ganz Berlin vornehmen, bei der Sehbehinderte oder blinde Menschen untersucht und beraten werden. Wir haben da Musterschauen an Lesegeräten, die vergrößern, oder Dinge die anzeigen, ob ein Becher voll ist, solche praktischen Dinge für den Alltag, aber auch eine fachliche Beratung. Zudem sind wir zuständig für Kampfhunde. Wenn so ein Tier jemanden gebissen hat überprüfen wir, ob der Halter geeignet ist, den Hund zu halten. Wir sind zuständig für das Trinkwasser, wir ziehen Lebensmittelproben nach europäischem Recht, also vom Lippenstift über abgepackte Wurst oder Brot und wir sind zuständig für die Hygiene in Krankenhäusern. 

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich denn aus der speziellen Bevölkerungszusammensetzung, gerade auf Alt-Wedding bezogen?

Dadurch, dass die soziale Situation in Mitte in vielen Stadtteilen sehr angespannt ist, haben wir auch eine hohe gesundheitliche Belastung. Sie ist vor allem bedingt durch Langzeitarbeitslosigkeit und deren Folgewirkungen. Die finanzielle Situation beeinflußt natürlich die soziale und psychische Situation. Wir unterscheiden in Mitte eigentlich nur ungern zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, weil das so gut wie gar keine Erklärung gibt. Es gibt manchmal kulturelle Unterschiede, ein Beispiel ist der anatolische Gesamtkörperschmerz. Viele Menschen aus der türkischen Community der ersten Generation somatisieren psychische Probleme. Dann tut der ganze Körper weh. Da tut der Arm weh, das Bein weh, das Herz tut weh und der Kopf ist schwer. Das ist das Körperkonzept dieser Bevölkerungsgruppe. In Mitteleuropa haben wir ein anderes Körperkonzept. Wenn wir uns den Arm gebrochen haben, können wir unseren Geist vom Körper trennen und sagen „da“ tut es weh. Da muss man erst mal hinter kommen. Auch im Rahmen von Schulungen interkultureller Kompetenz, damit ein Arzt entsprechend reagiert. Da haben wir eine tolle Expertin, die Frau Schouler-Ocak, die an der Charité arbeitet. Aber in Wirklichkeit hängt es vom Milieu ab. Und wenn ich aus einer Mittelschichtsfamilie komme mit oder ohne Migrationshintergrund, dann sind die Milieu-Faktoren die entscheidenden und die Familien sind auch viel mehr vergleichbar. Und wenn ich aus einer prekären Situation komme, dann habe ich migrationsübergreifend gleiche Probleme. Klar, es gibt noch zusätzliche Belastungsfaktoren durch die Einwanderung selbst, das muss man bedenken, aber wir trennen uns etwas von dem Thema Ethnien, das ist nicht unser Thema. Unser Thema ist Milieu und damit kann man, glaube ich, viel erklären. Da wir viele Milieus haben, die in absolut schwierigen Verhältnissen leben, ist das auch ein starkes gesundheitliches Thema. Aus dem Bericht geht hervor, dass über 20% der Kinder an den Schulen adipös sind. Wir haben Jugendliche mit Alters-Diabetes, so etwas gab es vor 20 Jahren nicht.

Braucht man bestimmte Mechanismen der Ansprache um die Eltern zu erreichen. In wie weit betreten Sie dabei neue Wege?

Viele Dinge wie die Schuleingangsuntersuchung sind verpflichtend. Übrigens ist das bei vielen Kindern das erste Mal nach fünf Jahren, dass wir sehen: Sie leben noch. Bei der Geburt sind wir da, da haben wir als Gesundheitsamt das Recht, aufzusuchen und das nehmen wir wahr. Bei den U-Untersuchungen gibt es in Berlin ein neues Verfahren. Wenn die Eltern diese Untersuchungen nicht wahrnehmen, werden wir benachrichtigt und schreiben die Eltern an. Natürlich können wir die Eltern nicht zwingen, aber das wirkt schon aktivierend. Darüber hinaus versuchen wir ein Netzwerk zu knüpfen, natürlich mit den Kinderärzten, aber auch mit Einrichtungen des Kinderschutzes, den wir hier im Bezirk sehr ernst nehmen. Es gibt beispielsweise eine Vereinbarung mit der Charité, dort gibt es den Kinder-Fachbereich, den jährlich ca. 10.000 Kinder passieren. Da haben wir Meldeverfahren entwickelt, natürlich unter Vorgaben des Datenschutzes, damit uns hier kein Kind verloren geht. Wenn hier der Eindruck entsteht, es könnte etwas sein, gehen unsere Sozialarbeiterinnen raus und gucken sich das Kind an. Und natürlich sind wir auch mit dem Jugendamt vernetzt, die ja ab 2 verantwortlich für die Kinder sind. Wenn wir können, beschreiten wir auch neue Wege, klar. So versuchen wir, Menschen mit Zuwanderungsbiographien einzustellen, um uns den Zugang zu den Communities zu erleichtern. Das ist nur deswegen schwer, weil derzeit so gut wie kein Einstellungskorridor existiert. Und wir versuchen über unsere Kommunikationslotsenprojekte die Leute in ihren Communities zur erreichen. Zur Zeit gibt es vier Mütterprojekte, das ist nicht pille-palle, die Mütter, die hier mitarbeiten werden sehr anspruchsvoll qualifiziert und geschult, die wissen, welche Leistungen das Gesundheitsamt anbietet und kennen dann auch die richtigen Leute. Sie wissen, was das Bürgeramt macht und so weiter. So können sie als Expertinnen im Stadtteil Familien ansprechen oder umgekehrt angesprochen werden. Und sie genießen als "einfache Bürger" einen ganz anderen Zugang als wir als Staat. Also wir sind hier nicht nur experimentierfreudig, sondern haben gerade im Bereich der Mütter- und Lotsenprojekte einen hohen Qualitätsstandard.

Gibt es dort schon erste nachweisbare Erfolge?

Wir bekommen regelmäßige Berichte von unseren Integrationslotsen und natürlich gibt es auch Berichte von den Mütterprojekten. Aber mir liegen jetzt keine Zahlen vor.

Gesundheit im Alter. Im Wedding gibt es einen hohen Anteil an älteren Menschen, die früher schwer körperlich gearbeitet haben. Ergeben sich daraus besondere Probleme?

Insgesamt ist es ja erfreulich, dass die Menschen länger leben. Auf der anderen Seite sterben die Menschen in Mitte früher als in den bürgerlichen Bezirken. Das hat natürlich zum Teil etwas mit dem genannten Phänomen, zum anderen Teil viel mit der sozialen Situation hier im Bezirk zu tun, die zusätzlich gesundheitliche Beeinträchtigung nach sich zieht, etwa durch hohen Alkoholkonsum. Da hat man schon einen ersten Indikator, der auf den Gesundheitszustand unserer Alten hinweist. Was unser Gesundheitsbericht aussagt: Insbesondere die Zuwanderer aus der 1. Generation sind körperlich in der Regel zehn Jahre älter als ihr biologisches Alter. Das sind die Menschen, die über Jahrzehnte Schwerstarbeit in der Industrie hinter sich haben, wo auch die Frauen jahrelang zum Beispiel schwere Putztätigkeiten verrichtet haben. Bei denen ist die Gesamtverfassung häufig um zehn Jahre schlechter als in einer vergleichbaren Gruppe. Also entspricht der körperliche Zustand eines 75jährigen dem eines durchschnittlichen 85jährigen. Das ist ein deutlicher Hinweis auf die Spätfolgen dieser besonderen körperlichen Belastung.

Seit Jahren folgt Gesundheitsreform auf Gesundheitsreform. Hat das hier im Kiez Spuren hinterlassen?

Da kann ich statistisch belastbar wenig dazu sagen. Aber natürlich hat das hier, wo viele Menschen so wie ich gesetzlich versichert sind, spürbare Auswirkungen. Und Sie kennen das Problem der Wartezeiten im Vergleich zu privat Versicherten. Wir haben das Problem, dass wir aus den sozial schwierigen Gebieten einen Wegzug von Ärzten haben, das hat auch etwas mit der Steuerung der Niederlassungen in Berlin zu tun. In bestimmten Bereichen sind wir zwar überversorgt, wenn man sich zum Beispiel die psychosoziale Versorgung anschaut, aber wenn man genau hinschaut, konzentriert sich viel in Alt-Mitte rund um die Friedrichstraße. Aber dort geht in der Regel kein Moabiter oder Weddinger hin. Wir haben in der psychotherapeutischen Versorgung Lücken, Kinderärzte könnten auch mehr sein. Also hier merkt man schon teilweise die Auswirkungen. Bei den Zuzahlungen ist man ja teilweise befreit, aber es ist auch ein bürokratischer Akt dafür notwendig. Und manchmal frage ich mich auch: Wie bekommt ein normaler Weddinger, der von Transferleistungen lebt, das hin sich einen neue Brille zu leisten? Gerade hier gibt es ja keine Zuzahlungen mehr, früher gab's ja noch das sprichwörtliche Kassengestell. Das sind schon Auswirkungen, die arme Menschen sehr viel härter treffen. Da wünsche ich mir mehr Gerechtigkeit, aber das ist weit von meinen Möglichkeiten als Kommunalpolitiker entfernt.

Vereinsamung alter Menschen - ein erheblicher Anteil gerade der deutschstämmigen Alten lebt in Singlehaushalten. Gibt es in diesem Personenkreis mehr Depressionen?

Interessantes Thema. Klar ist das ein Ergebnis der Individualisierung in Europa, die wir seit ca. 40 Jahren beobachten können. Die Tendenz hin zum Singlehaushalt hält an. Es ist natürlich gut, dass wir eine Menge ambulanter Versorgungsangebote haben, die es den Menschen ermöglicht, sehr lange in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Andererseits kommen die Menschen erst dann in Senioreneinrichtungen oder auch Pflegeheime, wenn sie garnicht mehr können. Die durchschnittliche Verweildauer in den Pflegeheimen schrumpft zusammen. Deshalb unterstützen wie Projekte der Nachbarschaftsentwicklung, der Hausgemeinschaftsentwicklung, wo dann vielleicht die junge Familie der älteren Frau mal beim Einkauf hilft oder regelmäßig klopft und schaut, wie es den älteren Nachbarn geht. Wir unterstützen Mobilitätsdienste, so dass Menschen Ansprechpartner haben, wenn sie mal zum Arzt müssen oder Einkaufen wollen. Und wir versuchen im Rahmen unseres Bündnisses gegen Depression gegenzusteuern. In den letzten Monaten hatten wir hier eine Plakataktion, mit der wir vor allem jungen Frauen mit Migrationshintergrund eine Beratungsangebot machen. Dort haben wir nämlich eine riesiges Problem: Prozentual begehen ungefähr doppelt so viele Frauen mit Zuwanderungsgeschichte Suizid als das bei den "deutschstämmigen" Frauen der Fall ist. Das zeigt, dass gerade auf den jungen Frauen beim Wandel zwischen zwei Welten ein enormer Druck liegt. Da müssen wir unbedingt gegensteuern. Aber auch bei älteren Menschen haben wir große Probleme. Alkoholismus und Alter ist nicht nur bei Männern ein Riesenthema. Auch bei den Suiziden ist es problematisch. Wobei hier Frauen eher die Beratung etwa beim Berliner Krisendienst suchen und Männer gleich "kurzen Prozess" machen. Also Depression und Alter ist seit längerem ein großes Thema, gerade was das Problem der Erreichbarkeit betrifft.

Wie sieht es mit den Suchtkrankheiten im Bezirk aus?

Das geht von illegalen bis zu ganz legalen Drogen, hier liegt viel Arbeit vor uns. Auch bei den anderen Süchten - Spielsucht etwa, dahinter verbergen sich manchmal Familiendramen. Das sind alles ziemlich relevante Themen. Klar, wir machen Aufklärungs- und Präventionsarbeit, was wir vor allem erreichen wollen sind starke Kinder schon im Grundschulbereich, die "Nein" sagen können. Das ist die beste Prävention. Abschreckende Prävention mit Spritze und Totenschädel wie in den 1970ern - das hat nichts gebracht. Erfolge haben wir hier schon beim Rauchen - Jugendliche greifen seit Jahren zunehmend weniger zur Zigarette.

Eine Frage zur mentalen Gesundheit. Ein ausgefülltes, glückliches, abwechslungsreiches Leben befördet ja nachweislich das körperliche und geistige Wohlbefinden enorm. Vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit, der sozialen Probleme, der Budgetgrenzen - fühlt man sich dem dann nicht ein wenig machtlos ausgeliefert?

Klar, wir sind schon sehr eingeengt durch die immer weniger werdenden Ressourcen. Trotzdem arbeiten wir unter dem Leitziel "Gesundheit für alle", das in der Ottawa-Erklärung festgelegt ist. Klar gibt es das Problem der Arbeitslosigkeit, aber es ist auch wichtig, dass unsere Kinder in schöne Schulen gehen können, wo sie sich wohlfühlen. Für viele Kinder sind Kita und Schule in ihrem Erleben die Räume, die wirklich kindgerecht und schön sind. Auch das gemeinsame Essen - hier eröffnen sich den Kindern Erfahrungsräume, die sie zuhause häufig nicht mehr haben. Da isst jeder allein. Wir achten darauf, dass das Lebensumfeld gesund ist, schöne Parkanlagen, Tempo 30-Zonen, Lärm und Luftverschmutzung reduzieren. Also es gibt schon viele Bereiche, in denen wir arbeiten und wo es auch Stellschrauben gibt, an denen wir drehen. So pessimistisch bin ich da auch wieder nicht. Wir haben Ziele, wir wissen, was wir machen müssen, machmal sind es nur kleine Schritte, aber es gibt einen Weg. Gerade das Thema psychische Erkrankungen gewinnt an Bedeutung in unserem großstädtischen Umfeld. Das kann ich schon bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehen, man sieht es bei den Erhebungen der Krankenkassen. Das modere Leben ist voller Stressfaktoren - Handy hier, Email da, die Menschen kommen nicht mehr zur Ruhe. Und wir müssen die Akzeptanz von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung steigern. Ein Manager kann heute ein Burnout eingestehen, das ist schon fast ein Ritterschlag, schaut her, so hart habe ich gearbeitet. Immerhin, man kann darüber reden. Aber wenn sich jemand als psychisch krank outet, wirkt das noch sehr stigmatisierend. Obwohl man dazu wie zu einem gebrochenen Arm kommen kann. Es wird zu wenig darüber gesprochen, und daran liegt es, dass es durchschnittlich sieben Jahre dauert, ehe einen Depression erkannt wird. In der Diagnostik ist man nach wie vor sehr somatisch orientiert. Ein aktuelles Beispiel sind Fußballer mit Depression. Im Fußball gab es viele Sonntagsreden, die Betroffenen haben jetzt aber keine Anstellung mehr.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

(lacht) Zu wenig, eindeutig zu wenig. Ich habe keine Zeit, regelmäßig Sport zu treiben. Ich weiß, dass mein Arbeitspensum ein Raubbau ist. Meine Tochter, die gerade FSJ und dort ihren Rettungssanitäter macht, bearbeitet mich auch schon, nachdem sie neulich meinen Blutdruck gemessen hat. Also insgesamt: zu wenig. Damit bin ich leider Teil einer noch viel zu großen Bevölkerungsgruppe.

 

Seien Sie gespannt, denn die kommende Quartier2-Zeitschrift wird das Thema Gesundheit ganz genau unter die Lupe nehmen. Ab dem 21.03.2012 wird sie an allen öffentlichen Auslageorten im Kiez erhältlich sein. 

 

Johannes Hayner