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SV Norden Nordwest 1898 e.V. - Fußballclub im Kiez

NNW-Vorsitzender Ingo Böttcher mit den "Minis" Görkem Acikbas (l.) und Ardian Sylumetaj

Es ist der erste richtig schöne Tag seit langem. NNW-Vorsitzender Ingo Böttcher begrüßt mit festem Händedruck und bittet zum Interview auf die im letzten Jahr entstandene, sonnige Terrasse des Vereins-Casinos. Auf dem Kunstrasenplatz unter uns trainieren die Minis.

Fußball als Aufstiegschance aus dem sozialen Milieu – kennen Sie diese Motivation bei den Jugendlichen?

Muss ich sagen, ja. Wir haben ja das Glück bzw. das Pech, dass hier drüben mehr oder weniger nur Sozialhilfeempfänger wohnen. Der Landessportbund unterstützt die Vereine bei den Beiträgen, dadurch läuft es sehr gut. Die Kehrseite: 500 angemeldete Kinder sind Karteileichen. Aktiv spielen ungefähr 350 Kinder.

Wie macht sich diese Motivation bemerkbar – trainieren die Jungs härter?

Ja, muss ich sagen. Wir haben ja nur ehrenamtliche Trainer. Das sind überwiegend Elternteile, die selber mal Fußball gespielt haben. Die kommen her, wollen ihr Kind anmelden und ein Vierteljahr später haben sie die Mannschaft an der Backe, auf deutsch gesagt. Und trotzdem oder gerade deshalb ist es für uns ein leichtes, die Kinder hierher zu bekommen. Es spricht sich rum dass es bei uns gut ist. Wir haben hier einen richtigen Boom.

Und gibt es denn tatsächlich NNW-Spieler, die es in den Profibereich schaffen?               

Ja, das gibt es. Zum Beispiel der René Renno, ehemals Hertha-Torhüter, spielt jetzt in der 2. Liga (A.d.Red: beim VfL Bochum). Assani Lukimya, erst Hertha, dann Rostock, jetzt bei Fortuna Düsseldorf hat hier angefangen. Unser erfolgreichster Mann ist Michael Fröhlich, der pfeift international und macht Ausbilder für FIFA-Schiedsrichter. Der ist auch ab und zu hier, hat auch Mittwoch Abend immer mal mitgeknödelt.

Gibt es eine Mädchenmannschaft?

Hatten wir bis vor 2 oder 3 Jahren, haben wir aufgelöst, die ist hier im Wedding gar nicht angekommen.

Hat sich denn die Jugendarbeit im Verein geändert?

Ja, vor allem weil wir mehr Migranten geworden sind. Wenn zum Beispiel ein Türke kommt, da kommt auch gleich der Onkel, die Tante und die bringen ihre Kinder her, das ist so. Und wenn man hier mal ein Kind rausschmeißen muss, muss man aufpassen, dass man nicht gleich zehn andere aus anderen Teams mit verliert.

Als ich damals als Jugendleiter übernommen habe, rückten aus dem eigenen Nachwuchs keine Spieler mehr nach. Dann habe ich zunächst gesagt, dass muss doch der Grundgedanke eines Vereins sein, dass er nicht rumgehen muss und viel Geld für seine Spieler ausgibt, sondern seine Spieler aus dem eigenen Nachwuchs holt. Und das klappt in den letzten Jahren, dass so eins, zwei, drei Spieler den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, einige in die zweite Mannschaft.

Wie ist der Umgang der Kids untereinander?

Gut. Ist immer mal ein schwarzes Schaf drinne, wie überall. Ist auch schon vorgekommen bei der C-Jugend, die 12-14jährigen, da stellt sich ein neuer Spieler vor und fragt beim Training, ob er sich mal umziehen kann und klaut seinen Kameraden die Handys. Kam am Ende raus, aber das passiert schon mal.

Wie sieht die finanzielle Situation im Verein aus?

Was in so einem Verein wie hier fehlt ist das Geld. Ist schwer zu überleben. Ich meine, wir werden immer wieder bestaunt dafür, dass wir mit so einem Standort, in so einem Kiez überhaupt in der Landesliga spielen können. Und wir haben eine sehr gute Landesligamannschaft.  Was vor allem fehlt ist ein neuer Belag für unsere Plätze.

Gibt es Disziplinprobleme?

Wir haben verschiedene Trainer. Der eine zieht das knallhart durch, wenn da was vorfällt,  sagt er: „Mach mal 4 Wochen Pause.“ Der andere Trainer setzt sich mit dem Jungen in die Kabine und versucht mit dem 2 Stunden zu reden. Aber das ist meist genau der falsche Weg. Nach den 4 Wochen kommen die Jungs von alleine an.

Wieviele Trainingseinheiten absolviert ein Jugendspieler bei Ihnen?

Minis, F-Jugend und E-Jugend machen zweimal die Woche Training, im Winter dreimal. Ab D-Jugend wird das ganze Jahr dreimal die Woche trainiert.

Wem drücken die Kids die Daumen – eher ihren Herkunftsländern oder den Deutschen?

Also ich muss sagen, die sind eher bei ihren Ländern. Aber wenn Deutschland gegen die Türkei spielt sagen sie: Egal wie es ausgeht – wir gewinnen immer.

Ihr WM-Tipp?

Höchstens Viertelfinale für Deutschland. Und Weltmeister – mein Tipp ist Spanien. Muss sagen, die spielen den cleversten Fußball und es macht Spaß, denen zuzugucken.

 

Ingo Böttcher fing 1963 in der Jugend bei Norden Nordwest 1898 an. Nach schweren Verletzungen hörte er auf Weisung seines Arbeitgebers – der Berliner Polizei – mit dem aktiven Fußball auf. Seit Anfang der 1990er ist er Jugendleiter und seit sieben Jahren erster Vorsitzender des Vereins.