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Interview mit Thomas Schumann

Was nimmt sich die Herbert-Hoover-Schule für diese Ferien vor?

Nach den Ferien haben wir ein großes Ziel: Wie wollen den Unterrichtsbetrieb im eigentlichen Schulgebäude  wieder aufnehmen. Wir ziehen zurück in die Pankstraße 18/19, seit ca. zweieinhalb Jahren sind wir im Ersatzgebäude hier in der Ravennéstraße. So konnten wir in der Pankstraße die Baufreiheit herstellen, damit die Bauarbeiter dort richtig loslegen können und vermeiden, dass ein Jahr lang parallel Bauarbeiten und Unterricht stattfinden. Die Aussicht auf das, was uns drüben erwartet ist grandios. Ich war jetzt zwei, drei Mal dort und muss sagen: Es ist wunderschön. Allerdings muss, wenn wir wirklich nach den Ferien dort starten wollen, alles minutiös klappen. Bauabnahme ist am 22. Juli, unmittelbar danach beginnt die Umräumaktion.

Start in etwas Neues bedeutet für uns in diesem Fall, dass wir das Gebäude so nutzen können, wie es in der Konzeption unserer Schule angelegt ist. Jedenfalls in Ansätzen - denn wir schieben noch einen "Schülerberg" vor uns her, der uns von diesem Schuljahr an mindestens zwei Klassen zu viel ins Gebäude bringt. Das, was wir im Konzept mit Ganztagsangebot und Kulturorientierung festgeschrieben haben, können wir so noch nicht voll ausleben. Den Schülerberg müssen wir abbauen, er kommt daher, dass der Bezirk nicht genug ISS-Plätze (Integrierte Sekundarstufe) hat.

Wie passen Ferien in das Gesamtkonzept der Schule?

Mit dem Ganztagsbetrieb und den Kooperationen und unserem Schulprofil wollen wir nicht nur "normalen" Unterricht machen, das ist ohnehin die Basis, sondern wir wollen aufsatteln bei dem, was wir den Schülern und Eltern anbieten. Da geht's um Profilausbildung, Motivation, Befähigung und das Anbahnen von Dingen, die wir sonst aus dem Unterricht heraus nicht leisten können. Zum Beispiel die Kooperation mit der Musikschule, die Verabredung von Instrumentaleinzelunterricht oder Unterricht in ganz kleinen Gruppen. Ziel ist es, mit den Kooperationspartnern Angebote zur Öffnung der Schule nach draußen zu entwickeln, natürlich auch wenn es geht in die Ferien hinein. Die Ferienschule ist ein überzeugender Start, da kooperieren wir mit umliegenden Grundschulen. In den Ferien nutzen die Schüler auch die Probebühne, spielen hier. Aber könnte es nicht auch sinnvoll sein, in dieser Zeit Musiklehrer hier zu haben? So wären Intensivprobezeiten möglich, anders als sonst nur ein, zwei Mal pro Woche. Die Schüler könnten natürlich Räume und Instrumente nutzen, die ohnehin hier sind. In der neuen Schule stünde dafür Haus B, das ehemalige Wohndienstgebäude, zur Verfügung. So muss der Hausmeister nicht die gesamte Schule offen halten. Dort könnten auch Koch- oder Nähkurse stattfinden. Alles Angebote, die wir aus unseren Ressourcen oder mit Hilfe unserer Kooperationspartner verwirklichen können. Aber es muss auch der Authentizität der Schule entsprechen, sprich es muss eine Person dahinter stehen, es muss schon einmal erlebt worden sein. Bestenfalls führen Appetithäppchen-Angebot darauf zu. So hat es geklappt mit der Ferienschule, so klappt es auch mit einer Segelreise unserer Schüler Hälfte-Hälfte mit Schülern der Wedding Grundschule nach Holland. Das sich Öffnen für Andere ist grundlegendes Element unseres Schulkonzeptes, egal ob außerhalb oder in den Ferien. Und ich verwette ein Monatsgehalt dass diese Schüler, die an so einem Angebot teilnehmen, im Anschluss auch ansprechbar sind für weitere Angebote hier in der Ferienzeit.

Das heißt Ferien sind auch eine Gelegenheit, eine engere Bindung der Schüler an die Schule zu erwirken?

Bei der Beteiligung der Elternschaft am Schulalltag sind wir noch nicht da, wo wir hin wollen. Das hängt nicht nur mit der Zusammensetzung der Schülerschaft zusammen, sondern auch mit dem generell nachlassenden Interesse der Eltern bei Kindern in der Oberstufe. Aber hier könnte sich auch die Einbeziehung der Eltern, die Wahrnehmung der Schule als ein Ort, wo sie sich einbringen können, verbessern. Das lässt sich erfahrungsgemäß in der Unterrichtszeit viel schwerer realisieren. Die Eltern können ihre Kompetenzen an die Schüler herantragen und wir machen die Schule dafür auf. Die Ferienzeit lässt sich vielfältig denken und ich meine auch, dass Eltern und Schüler darauf ansprechbarer sind als viele meinen. Man muss nur Schritt für Schritt denken. Die Ferienschule, bei der 10 bis 15 Oberschüler bis zu 50 Grundschüler unterrichten, mit ihnen spielen und gemeinsam Aktionen unternehmen, ist ein gutes Beispiel dafür. Wir machen das seit drei Jahren und inzwischen ist die Ferienschule zu einer festen Instanz im Schulleben geworden.

Wie ist die Stimmung in der Schule eine Woche vor den großen Ferien?

Dieses Schuljahr war relativ kurz und wir hatten auch mit dem Wetter Glück - große Hitze in der Unterrichtszeit macht die Schüler schulmüde. Die Neunt- und Zehntklässler sind durch ihre Leistungsarbeiten am Schuljahresende ziemlich gefordert und wenn das dann vorbei ist, dann sinkt das Energielevel auch wieder ab. Ich würde jetzt nicht sagen, alle sind ferienreif, aber gut ist es trotzdem, dass jetzt die Ferien kommen.

Aber wir sind dieses Jahr generell in einer spezifischen Situation dadurch, dass wir diese Erwartung an das, was auf uns zukommt, haben. Wir freuen uns auf ein Gebäude, wo viele Dinge einfach schöner sind - und seien es als Beispiel nur die Toiletten.

In welchem Zustand bekommt die Schule ihre Schülerinnen und Schüler nach den Ferien zurück?

Es ist sehr, sehr unterschiedlich. Für die neuen Schüler machen wir eigentlich immer einen nullten Elternabend.

Das haben wir dieses und letztes Jahr leider nicht gemacht wegen der Ortsverlegung. Diese Willkommensrituale lassen sich nicht vom Ort trennen. Als Einstand bekommen alle Schüler von uns Schulkleidung - also ein T-Shirt mit dem Logo der Schule. Die Grundschüler freuen sich sehr auf die neue Schule. Viele waren schon in der Ferienschule hier oder die Geschwister waren hier. Bei den anderen habe ich eher den Eindruck, dass sie von den Ferien geprägt sind, je nach dem, was sie gemacht haben. Die Sommerferien sind Reisezeit. Viele Schüler verreisen nicht und wenn sie verreisen, dann in die Herkunftsländer ihrer Familien. Das ist dann oft nicht wirklich Erholung. Sie müssen sich den traditionellen Regeln ihrer Familien unterwerfen. Hier sind sie gewohnt, im Wedding herum zu streifen. Viele sagen dann, "Es war schön, aber ich freue mich, wieder bei meinen Freunden zu sein." Oft fehlt es ihnen in den Ferien an Anreizen, die freuen sich wieder auf Schule. Nicht unbedingt auf den Unterricht, aber auf Schule als einen Ort der Begegnung. Ich erlebe es selten das Schüler von etwas schwärmen und sagen, "Da wäre ich gerne noch länger geblieben." Und wer hier bleibt der erzählt vom Chillen und vom Chillen vom Chillen. Klar, das war jetzt Satire. Das Angebot für die Ferien ist ja da, wir machen ja auch aufmerksam auf Ferienpass und wo weiter, aber es sind nicht viele, die es wahrnehmen. Wenn die Familien das Angebot kennen, nehmen sie es eher wahr als ihnen unbekannte Angebote. Das ist schade, denn es gibt wirklich viel was sich in den Ferien hier machen lässt. Kinder brauchen für ihre Entwicklung additive Anreize und Angebote, Schule allein reicht nicht. Da kann ich mir vorstellen, dass Schule ein stärker genutzter Raum wird, gerade in den Ferien. Aber Sie glauben nicht, welche Angebote einfach ungenutzt nicht wahrgenommen werden. Über einen persönlichen Kontakt habe ich von einem Projekt der Deutschen Jugendstiftung erfahren. Dort hätten bis zu acht Schülern aus unserer Schule für drei Wochen in den Schwarzwald fahren können. Ferien- und Freizeitprogramm inklusive Berufsorientierung und handwerkliche Schnupperkurse. Alles komplett kostenfrei. Es war sehr schwer, überhaupt jemanden dafür zu begeistern, obwohl es ein richtiges Top-Angebot ist. Die Jugendlichen scheuen es, mit anderen so lange zusammen zu sein, die sie noch nicht kennen. Und die Eltern haben auch Vorbehalte. Ähnliches kennen wir auch von unseren schulischen Angeboten, zum Beispiel unseren Klassenreisen. Seit drei Jahren machen wir wieder verstärkt Klassenfahrten. Eine Klassenfahrt sollt natürlich immer für die ganze Klasse sein, aber wir sind der Meinung, die die wollen, sollen Klassenfahrt machen - auch wenn es nur ein Teil der Klasse ist. Aber es gelingt leider nicht, alle einzubeziehen. Und die meisten von unseren Schülern bekommen das bezahlt. Generell ist noch niemand aus finanziellen Gründen hier geblieben, wir finden dann immer eine Lösung. Und dennoch fahren nicht alle mit …

Liegt das an Desinteresse, an Misstrauen oder Lethargie?

Da muss man zuerst den Einzelfall betrachten. Aber es nach meiner Beobachtung so,  dass Eltern generell größere Ängste als früher haben. Oft auch deswegen, weil sie selbst nie rausgekommen sind aus ihrem Kiez. Das ist zwar die dritte Generation in Berlin und sicher fahren die auch weit weg, zumeist in die Herkunftsländer der Familien. Aber nach Brandenburg oder an die Ostsee - das ist hier die Ausnahme. Dann gibt es eine Ängstlichkeit bezüglich Jungen und Mädchen, wobei das wirklich ganz harmlos ist. Ich freue mich natürlich über jede Abweichung davon und es gibt auch wirklich viele. Aber das Phänomen können wir hier nicht ganz beiseite schieben. Es wird sehr viel angeboten, aber es wird nicht in dem Maße angenommen, wie wir uns das vorstellen. Das hat mit einem bestimmten Level an Abgrenzung zu tun. Es fällt schwer, Fremdheit zu überwinden. Und das, obwohl alle Anbieter mittlerweile ein hohe Sensibilität haben hinsichtlich der multiethnischen Zusammensetzung unserer Schulklassen. Da gibt's zum Beispiel immer ein Alternativgericht zu Schweinefleisch.

Wie nehmen Sie als Lehrer Ferien wahr? Was machen Lehrer in den Ferien?

Lehrer kann man da nicht in einen Sack packen. Grundsätzlich: Alle brauchen Urlaub. Lehrer sein ist schon ein anstrengender Job. Das Wochenende zu erwarten ist eine allgemeine Erscheinung. Im Laufe des Schuljahres gibt es Phasen, die besonders beanspruchen. Zensurenkonferenz, MSA etc. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft zu, Schule nicht nur innerhalb der Schulzeit, sondern auch in den Ferien zu denken. Zum Beispiel ist in der ersten und in den letzten beiden Ferienwochen ein Großteil der Lehrer hier in der Schule beim Umzug. Ich habe die Lehrer gebeten, mitzumachen und ausdrücklich die Schulaufsicht ersucht, das nicht zu verordnen, was auch möglich wäre. Ohne zu Murren haben die Lehrer jeder individuell in diesen letzten beiden Ferienwochen drei Tage gewählt, an denen sie hier für den Umzug zur Verfügung stehen. Das ist ein hohes Maß an Solidarität und Identifikation mit dem, was Schule ist. Klar spielen da auch egoistische Motive mit rein, ich will halt wissen, wo mein Schrank hinkommt. Aber insgesamt ist dies Ausdruck eines guten Klimas hier an der Schule. Das wird auch wahrgenommen bei der Schulaufsicht.

Lehrer sind eigentlich immer im Dienst und sie dürfen es sein. Ob es das Buch am Strand ist oder das Erlebnis in einer fremden Stadt. Ich suche diese Situationen natürlich nicht aufgrund ihrer Unterrichtsverwertbarkeit, aber diese Anregungen oder auch meine Hobbies darf ich in meinen Berufsalltag einbeziehen. Das ist das Schöne an diesem Beruf. So wird andersrum auch der Beruf ein bisschen zum Hobby. Wenn man es gern macht, dann ist Urlaub gleichzeitig Erholung und Vorbereitung auf das, was kommt.  Ich nehme Ferien als Zeit, in der ich Dinge lese, unternehme oder erlebe, die mich dazu befähigen, guten Unterricht zu machen, etwas Neues in das System Schule hinein zu bringen. Nach den Ferien bin ich immer wieder aufgeladen. Allerdings wünschte ich mir schon generell eine frühzeitigere Anwesenheitsmöglichkeit und -selbstverständlichkeit bei den Lehrern. Ich muss ja nicht sechs Wochen auf Bali am Strand liegen. Aber ich hab hier nicht mehr so viele Beispiele die ich hier aufzählen könnte die am ersten Ferientag verschwinden und 3 Stunden vor Unterrichtsbeginn in Tegel landen.

Ferien sind im Schuljahr ein strukturierendes Element - wünschten Sie sich dort eine andere Gestaltung?

Eigentlich bin ich mit dem Ablauf der Ferien insgesamt zufrieden. Das ist ein Maß an Rhythmisierung, mit dem ich ganz gut hinkomme. Ich glaube, dass die meisten auch wenn Sie sich an dieser oder jener Stelle Ferienverlängerungen oder -kürzungen wünschen würden, mit dem deutschen Modell ganz gut hinkommen. Ich würde nicht dazu wechseln wollen wir etwa in Frankreich 2 Monate am Stück Sommerferien und über das Jahr sehr wenig Ferien zu haben. Aber wenn es anders wäre, hätte ich mich in 40 Jahren Dienstzeit auch daran gewöhnt.  

Und was machen Sie in den Ferien?

Ich werde gemeinsam mit meiner Frau wie schon oft an die Biscaya fahren und dort viel Zeit verbringen mit Radfahren, am Strand liegend Bücher lesen - einen halben Meter habe ich letzte Woche gekauft - und ich werde ein bisschen meinem Hobby frönen. Dann arbeite ich an Holz- oder Steinfiguren, das kann ich auf dem Campingplatz sehr gut machen oder auch am Strand. Dabei kann ich mich ganz gut zurückziehen - aber nach drei Wochen kribbelt's schon wieder.

 

Thomas Schumann (63) arbeitet seit sechzehn Jahren als Lehrer im Wedding. An der Herbert Hoover Schule ist er seit  fünf Jahren Schulleiter. Der Schulstandort in der Pankstraße wurde in den vergangenen Jahren vom QM Pankstraße mit Bauprojekten und  soziokulturellen Projekten  gefördert und ist ein wichtiger Partner im kulturellen Bildungsverbund Pankstraße.

 

Johannes Hayner