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Demokratie live und direkt

Vierte Kinder- und Jugendjury des QM-Gebiets Pankstraße im Haus der Jugend

Samstag, 15. März. Eine mehrwöchige Schönwetterphase findet ihr Ende, zum ersten Mal wieder Regen, Wind und Wolken. Durchnässt stelle ich mein Fahrrad vor der Tür ab. Angekommen im Haus der Jugend lacht mir die Sonne entgegen - von einem Plakat. Selbst gestaltet von Kindern, die zu einem Fest einladen – zu ihrem Sommerfest in ihrer Schule, für das sie heute Geld einwerben wollen.

Es tagt die Kinder- und Jugendjury, zum vierten Mal in unserem Kiez. Jugendjury – wer sitzt da drin? Die Jury besteht aus allen anwesenden Projektgruppen, jedes Projekt hat zwei Stimmen. In den Projektgruppen sitzen Kinder und Jugendliche. Erwachsene bestimmen nicht mit, sie moderieren nur. Und was ist die Idee dahinter? Es liegt auf der Hand, dass es in unserem Kiez Defizite im Alltags(er)leben der Kinder gibt. Defizite, für deren Beseitigung Geld nötig ist. Dieses Geld ist da, aber leider nicht genug. Ebenso selbstverständlich ist, dass Kinder eigene Vorstellungen und eigene Prioritäten haben, wenn es darum geht, ihr Leben zu verbessern. Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen und die Kinder darüber entscheiden lassen, wohin die zur Verfügung stehenden begrenzten Mittel genau fließen? Nebenbei erhalten die Kinder somit eine fröhliche Lehrstunde in Demokratie und sie lernen, sich für ihre Interessen aktiv einzusetzen.

Los geht’s mit den Projektpräsentationen. Wer fängt als erster an? Ein gigantischer Würfel wird von Gruppe zu Gruppe geschoben, bis endlich eine die "Sechs" würfelt. Es sind Kinder aus der Albert-Gutzmann-Grundschule, die sich vorgenommen haben, ein Sommerfest für ihre Mitschüler zu organisieren. Früher gab es das regelmäßig, nun aber seit drei Jahren nicht mehr. Das Fest soll im September stattfinden, unter anderem soll ein Theaterstück, das eine der Schülerinnen geschrieben hat, einstudiert und aufgeführt werden. Ein gutes Projekt? Die Jury sagt: Ja!

Aber auch die Jugendjury unterliegt Vergaberichtlinien. Bestimmte Kriterien müssen erfüllt sein, damit eine Förderung möglich ist. Zu allererst muss das Projekt das Leben der Kinder und Jugendlichen verbessern, Spaß machen. Die Idee dafür sollte von den Kids selbst kommen. Bis Ende des Jahres müssen alle Projekte abgeschlossen sein und mehr als zehn Kinder sollten vom Projekt profitieren. Wer all dies berücksichtigt, hat gute Chancen auf eine Finanzspritze der Jury.

Als nächstes kommen die Stars des Nachmittags nach vorn - Breakdancer, die regelmäßig im Haus der Jugend trainieren. Die Jungs sind zwischen 13 und 17 Jahre alt und beantragen Geld, mit dem sie Matten und Boxen kaufen wollen. Das Equipment soll nicht nur ihre Trainingssituation sicherer und professioneller machen, es soll allen Besuchern der Einrichtung zugänglich sein. Dass die Jungs es verdient haben, unterstrichen sie nach ihrer kurzen Projektvorstellung mit einer kleinen Vorführung, die von den anderen Teilnehmern frenetisch gefeiert und mit großen Augen bestaunt wird. Kein Wunder, dass bei der Gretchenfrage, ob die Förderung gerechtfertigt ist, alle Stimmzettel nach oben wanderten: bewilligt!

Maude Fornaro und Gottfried Uebele, die beiden Betreuer der Jugendjury von „Kulturen im Kiez“, bereiten mit den Jugendlichen die Jury und die Projektpräsentationen sorgfältig vor. Oft ist es auch notwendig, die Wünsche und Ansprüche der Gruppen so zu formulieren, dass eine Förderung möglich ist – denn alles geht auch hier selbstverständlich nicht. Ihnen hilft, dass sie die Kinder oft schon seit Jahren kennen, denn sie sind permanent auf den Plätzen und Straßen, in Einrichtungen und Schulen im Kiez unterwegs. Die Abstimmung mit Lehrern und Sozialpädagogen aus den Schulen geschieht permanent im ganzen Jahr: Man sieht sich wenigstens drei Mal, um die Jurys zu planen, vorzubereiten und auszuwerten.

Es treten auf: die Kochlöffel. Es ist eine Gruppe von Kindern, die sich im A 13 in der Amsterdamer Straße treffen, um dort gemeinsam zu kochen. Für ihre kulinarischen Aktivitäten mangelt es leider noch am Equipment; die Jury soll Abhilfe schaffen. Die Kleinen stehen tapfer vor der Versammlung, tragen ihr Anliegen vor, stehen Rede und Antwort. Auf Nachfrage sagt ein kleiner Junge „Hier steht doch alles!“, und weist auf das mitgebrachte selbstgestaltete Plakat. Ein Lacher, der gute Laune macht, ebenso wie die putzige Rechtschreibauslegung auf den Plakaten. Für Schürzen, Töpfe, einen Wok, Schüsseln und eine Fotokamera zur Dokumentation ihrer Leckereien beantragen die Mädchen und Jungen 500 Euro – die Höchstsumme je Projekt. Ihr Anliegen unterstreichen sie mit einer Vorführung ihrer jetzt schon beachtlichen Fertigkeiten, ein Tablett mit Muffins geht herum und findet allgemeine Verzückung. So umschmeichelt gewährt die Jury das erfragte Plazet.

Am Ende des Nachmittags werden elf Anträge gefördert, ebenso viele, wie beantragt wurden. Wobei dies nicht der Selbstläufer ist, nach dem sich diese Quote anhört: Die Kinder und Jugendlichen fragen meist genau nach, wenn sie etwas nicht verstehen oder sie die Fördersumme für ungerechtfertigt hoch halten. Es kam auch schon vor, dass die beantragte Fördersumme von der Jury gekürzt wurde, wie Gottfried Uebele erzählt. Das Verfahren lohnt sich auf jeden Fall, wie er findet, denn die Kids lernen, für ihre Sache zu kämpfen und dafür zu argumentieren.

Wie zum Beispiel auch die Gitarrengruppe im Haus der Jugend. Sie wollen das Musiktheaterstück „Oh wie schön ist Panama“ einstudieren. Im Juni soll es dazu ein Probenwochenende geben. Engagiert, aber auch ein wenig aufgeregt tragen sie ihr Anliegen vor. Mehrere Nachfragen decken den Bedarf auf, der vorher etwas unstrukturiert vorgebracht wurde: Ein Schlagzeuglehrer ist zu bezahlen, Kostüme und Requisiten werden benötigt und das Catering für das Probewochenende ist auch noch nicht finanziert. Ob da die Jugendjury nachhelfen kann? Ja, sie kann und die grünen Zustimmungszettel wandern nach oben. Freudestrahlend verlassen die Kinder das Podium.

Bis zur Pause präsentieren alle elf Gruppen ihre Projekte. Aber jetzt steht erstmal Stärkung auf dem Programm. Aus dem Netzwerk, dass Maude Fornaro und Gottfried Uebele in ihrer jahrelangen Kieztätigkeit mitentstehen ließ, fanden sich Monique und Valentina, die Waffeln backen wollten. Das Backwerk fand reißende Abnahme bei den kleineren und größeren Teilnehmern. Für viele der Kleinsten – die Jury hatte Teilnehmer von Drittklässlern bis zu 17-jährigen – war die Veranstaltung mit der Pause auch vorbei. Überhaupt sind Fornaro und Uebele stolz auf „ihre“ Jugendlichen und deren Engagement. Sie sind auch beim Jugendrat des QM-Gebiets Pankstraße dabei, der gerade entsteht. Leonny, Abir und Rimona sind heute Nachmittag auch gekommen, als Assistentinnen im Saal. Die Mädchen empfangen die Kinder und Jugendlichen, erklären ihnen den Verlauf der Sitzung und führen die Anwesenheitsliste.

Jugendjurys sind in Deutschland und Berlin seit einigen Jahren gängige Praxis. Fast jeder Stadtbezirk hat inzwischen seine eigene Jury, wie Maude Fornaro berichtet. Allerdings hat die Jugendjury im QM-Gebiet Pankstraße auch etwas Besonderes. Bei anderen Jury-Veranstaltungen, zum Beispiel der für den Stadtbezirk Mitte, treffen sich sehr viele Kinder oder Jugendliche - hier sind die Altersgruppen getrennt – aus großen Gebieten. Sie müssen dann über Projekte in Gegenden entscheiden, die sie oft nicht kennen und über Kids, die sie auch nicht kennen. So fehlt ihnen der Bezug zum persönlichen Erleben. Anders bei der hiesigen Jury. „Kinder denken in kleinen Zusammenhängen.“, sagt Gottfried Uebele, „Und wenn die Kinder hier Geld für ein Sommerfest in einem Hof in der Gottschedstraße beantragen, dann zeigen sie in die Richtung und sagen, das ist da hinten. Und wirklich jedes Kind weiß, um welchen Hof es sich handelt.“ So erfahren die Teilnehmer auch etwas über die Relevanz ihrer Entscheidungen, weil sie die Resultate in ihrem Alltag erleben können. Und anders als Kinder- und Jugendräte oder AGs sind Jurys punktuelle Gremien, die sehr konkrete Ergebnisse liefern. Das lieben die Kids.

Mit der Wiederaufnahme der Versammlungstätigkeit nach der Pause kam es nun zu einem Problem, das viele Stadtkämmerer und Finanzminister gern hätten: Geld ist übrig! Insgesamt wurden in der ersten Hälfte der Veranstaltung 250 Euro zu wenig beantragt. In guter Praxis sollte nun auch hier Demokratie walten. Es wurden Vorschläge eingefordert, wie mit dem Überschuss umzugehen sei. Der erste Vorschlag: spenden! Ein guter Vorschlag, wie die Versammlung bescheinigte; erstaunlich die Selbstlosigkeit der Kinder. Hier nun musste Maude Fornaro die Spielverderberin sein: Natürlich sind die Mittel zweckgebunden und jedes Projekt muss im Anschluss an die Mittelvergabe Rechenschaft ablegen darüber, was mit dem Geld geschehen ist und Rechnungen einreichen. Eine Spende geht also nicht. Vorschlag zwei: Der Überschuss wird zu gleichen Teilen an alle Projekte vergeben. Vorschlag drei: Projekte die mehr Geld benötigen werden zusätzlich gefördert. Aber der Teufel steckt auch hier im Detail. Die Jury beschloss, Projekte die schon 500 Euro, die Höchstsumme beantragt hatten von der weiteren Förderung auszunehmen. Projekte mit weniger als 500 Euro Förderung erhalten die Möglichkeit, noch zusätzlich Bedarf anzumelden – und zu begründen! Weil, die Jury muss ja wissen, wofür die Mittel eingesetzt werden sollen. Und so fanden die 250 Euro ihre Abnehmer und die Veranstaltung nach gut viereinhalb Stunden ihr Ende.

Und die Kinder? Sie gehen nicht mit leeren Händen nachhause. Alle Gruppen erhielten am Ende der Jury einen symbolischen Scheck über die bewilligte Summe. Anfang April dann gehen Maude Fornaro und Gottfried Uebele mit Bargeld zu allen Projekten, lösen die Schecks ein und überlegen mit den Kindern, wie sie das Projekt durchführen und abrechnen können und wer sie dabei unterstützt.

Nach ihren Eindrücken gefragt, antwortet Maude Fornaro: „Es war wieder eine gute Jury, unsere vierte. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, mit welchem Engagement die Kinder ihre Ideen vortragen und wie viel Begeisterung sie bei ihren Altersgenossen auslösen. Eine gute Erfahrung war es auch, die Jury erstmals im Frühjahr stattfinden zu lassen. Denn im Herbst, da fanden die anderen Jurys hier statt, haben sich die Klassen noch nicht gefunden und es ist schwieriger, konkrete Projektideen vorzutragen. Außerdem haben die Kids schlichtweg mehr Zeit, ihre Projekte bis zum Jahresende durchzuziehen.“

Die Kinder- und Jugendjury: Ein starkes Stück gelebter Demokratie vor unserer Haustür. Unbedingt weiterempfehlen, unbedingt weiter verfolgen, unbedingt mitmachen!

Bildergalerie Jugendjury 2014 im Haus der Jugend

Dieses Plakat begrüßt die Juryteilnehmer
Die Jury bei der Arbeit
Die Breakdancer präsentieren ihre Wünsche
Im Anschluss führen sie gemeinsam …
… ihr Können vor
Klares Votum: Die Breakdancer bekommen ihre Matten!
Gruppenfoto der versammelten Jury
Interessierte Zuschauer während der Präsentationen
Die Kochlöffel stellen sich und ihre Wünsche vor
Am Ende zeigen die Kochlöffel stolz ihren Scheck
Pausenbeschäftigung Waffeln backen
Die Waffeln kommen gut an
Stimmzettel hoch für das nächste Projekt
Johannes Hayner