Sie befinden sich hier: kiez.info - Aktuell / KU(LTU)RBAD

KU(LTU)RBAD

Abtauchen im Partylicht - die Schwimmhalle des ehemaligen Stadtbads lockt als neuer Veranstaltungsort

Die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung von „MyBadBank“ laufen auf Hochtouren. Für ihr Kunstprojekt haben Beate Geibel und David Johannson das frühere Schwimmbad-Café vom Muff der 50er-Jahre und des jahrelangen Leerstands befreit und es mit viel Herzblut und Eigeninitiative in eine hippe Bar verwandelt. Auffallend ist der in edel-schwarzem Holz gefasste Geldautomat. Der gehört zur Ausstellung und bietet den Besuchern nichts Geringeres als eine „Bad-Bank“ nach staatlichem Vorbild. Nur können hier die „kleinen Leute“ ihre Verbindlichkeiten aus Hypotheken, Dispo- und sonstigen Krediten loswerden, denn, so Beate Geibel: „Wir bleiben ja auf unseren Schulden sitzen, da springt kein Staat ein.“ Mit „MyBadBank“ hinterfragen die Musik-Managerin und ihr Künstler-Kollege humorvoll die undurchschaubaren Machenschaften von Politik und Wirtschaft, vor allem aber wollen sie die Menschen zu aktivem Handeln ermuntern.

Der „Schuldensaldo“ weist bei meinem Besuch rund 2,5 Millionen Euro auf. Das entspricht in etwa der Summe, die Arne Piepgras, Investor der Quantum Immobilien- und Projektentwicklungs-GmbH, für den Umbau veranschlagt. Im vorderen Bereich zur Gerichtsstraße hin sollen Künstlerateliers und Büroräume für Architekten, Grafik- oder Modedesigner entstehen. Die zwei ehemaligen Schwimmhallen bieten ein fantastisches Ambiente für Konzerte und Ausstellungen, für Kongresse, Tagungen oder Unternehmensfeiern – und sie beeindrucken schon im jetzigen Zustand.

In der riesigen, gelb gefliesten Halle stehen auf dem Grund des 25-Meter-Beckens Gitarren, Trommeln, ein Schlagzeug und Lautsprecher inmitten leuchtend blauer Kacheln: Das Equipment der Band Robert Lee & The Frees, die an diesem Abend die Lesung des Weddingers Joe „Wiesenburger“ Dumkow begleiten wird und danach für Party-Stimmung sorgt.

Zurück in der Bar treffen wir Herrn Gienau, der drei Jahrzehnte lang Badebetriebsleiter im Stadtbad war und seit nunmehr 40 Jahren im Dachgeschoss wohnt. Stolz präsentiert der Rentner den jungen Leuten seine Fotodokumentation. Schwarzweißaufnahmen zeigen noch den Ursprungszustand des 1907 in rotem Klinker erbauten Gebäudes, von dem nach dem Krieg nur noch die Becken übrig waren. Anfang der 1950er-Jahre wurde das Schwimmbad wiederaufgebaut. „Da gab es sogar eine Entlausungs- und Desinfektionsanstalt, und in der großen Schwimmhalle wurde der Film ‚Die Halbstarken’ gedreht - mit Karin Baal“, schwärmt Herr Gienau.

Der Stand des virtuellen Schuldenkontos dürfte sich am Eröffnungsabend noch einmal kräftig erhöhen; denn die ersten Veranstaltungen mit ihrer Mischung aus Kunst, Performance und Party lockten weit über 1000 Besucher an. Der Wedding ist im Kommen! Dass das ambitionierte Unternehmen kein Kopfsprung ins kalte Wasser wird, davon ist Jochen Küpper überzeugt. „Hier gibt es jede Menge kreatives Potenzial, und natürlich hat ein kulturwirtschaftliches Zentrum auch Renditeerwartungen“, sagt der gelernte Diplom-Kaufmann. Das Nutzungskonzept soll mit hochkarätigen Veranstaltungen und renommierten Künstlern internationales Flair in den Wedding holen. Aber auch den Blick für die Menschen aus dem Kiez wollen sich die Initiatoren bewahren; für Vereine, Seminare, Workshops oder Hochzeiten und, so Küppers: „Internationalität kann ja auch bedeuten, dass eine Tanzgruppe aus Istanbul auftritt.“

Herr Gienau jedenfalls freut sich über die Wiederbelebung und hofft, dass er auch nach dem Umbau im künftigen „Stattbad“ wohnen bleiben kann.

Stattbad, Gerichtstraße 65
Öffnungszeiten nach Vereinbarung
Kontakt:
Jochen Küpper
Telefon: 859 71 724
E-Mail: info@kooperdavid.com

Michaela Nolte