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Mittwoch, 27.02.2013

Kinder erleben Nachbarschaft

Neugestaltung der Maxgärten im Wittlerblock zwischen Maxstraße und Reinickendorfer Straße

So werden die Maxgärten bald aussehen
Die Kinder gestalten die Entwürfe mit
Was geschieht mit unserem Hof? Das Interesse ist groß.
Kritischer Blick einer Anwohnerin
Tho-Mi Bauermeister von Gruppe F diskutiert die Punktliste mit Kindern
Ein Plakat präsentiert die Wünsche der Kinder

Kinderbücher wie Astrid Lindgrens Klassiker „Die Kinder von Bullerbü“ zeigen ein Idyll, in dem Kinder in ihrer nächsten Umgebung glücklich und unbeschwert aufwachsen können. Leider sieht die Realität – gerade in Großstädten – oft anders aus. Wenig Spielflächen, unzureichende, alte und zum Teil unsichere Spielgeräte, eine das Kindswohl gefährdende Nutzung von Freiflächen, die gefahrenfreies Spielen unmöglich machen und an Kinderinteressen vorbei geplante Wohnanlagen hindern Kinder und Jugendliche daran, sich mit gleichaltrigen Nachbarn zum Spielen vor der Haustür verabreden zu können. In unserem Kiez macht nun eine Hausverwaltung mit QM-Unterstützung vor, wie es anders geht.

Die Vorgeschichte: Im Wittlerblock – das Gelände der ehemaligen Großbäckerei Wittler – erwarb die Harry Gerlach Wohnungsunternehmen GmbH zu einem bereits ihr gehörenden Wohnblock einen zweiten. Damit war die Voraussetzung für eine Neugestaltung der Freiflächen zwischen den Häusern gegeben. Da der Wittlerblock an einem halb-öffentlichen Durchgang zwischen Max- und Reinickendorfer Straße liegt, konnten auch kommunale Gelder diese Umgestaltung unterstützen. Die bisherige Gestaltung der ca. 4000 m2 großen Freiflächen war unzureichend: Wenig Spielgeräte, Nutzung als „wilder“ Treffpunkt von Trinkern und Drogenabhängigen, zum Teil ungesicherte Gefahrenstellen wie Treppenabgänge, eine wenig zum Aufenthalt einladende Hofumgebung – für die mehrere hundert Anwohner gab es zum Beispiel genau eine Sitzbank. Laut Gottfried Uebele vom Verein "Kulturen im Kiez", der das Anwesen bereits seit den 1980er Jahren kennt, herrschten dort zeitweise gar "slumartige Zustände".

Aber - und dies ist der Ansatz zur Veränderung - in den gut 200 Wohneinheiten leben nach vorsichtigen Schätzungen Uebeles ca. 500 bis 600 Kinder und Jugendliche. Kids, für die eine spielgerechte Neugestaltung der Freiflächen eine fundamentale Verbesserung ihres Lebens bedeutet. Deshalb kam der Entschluss, hier im Sinne der Kinder und natürlich auch im Sinne der Wohnumfeldaufwertung etwas zu unternehmen. Erster und wichtigster Punkt war, dass die über die Neugestaltung mit entscheiden, die am meisten davon profitieren: die Kinder. Also ging es zunächst darum, zu ermitteln, welche konkreten Wünsche dazu die hier lebenden Kinder haben. Mit Mitteln des QM-Projekts „Blickpunkt Jugend“ machten sich Maude Fornaro und Gottfried Uebele vom Träger „Kulturen im Kiez“ daran, den Kindern ihre Erwartungen zu entlocken. Dazu besuchten sie einmal pro Woche die Kinder und Jugendlichen am Wittlerblock, diskutierten ihre Ideen, machten Vorschläge und moderierten dort, wo es Interessenkonflikt z.B. zwischen jüngeren und älteren Kindern oder Mädchen und Jungen gab.

Aufbauend auf der Vorarbeit von „Kulturen im Kiez“ wurde im Rahmen eines weiteren Quartiersmanagementprojektes von der Hausverwaltung Harry Gerlach Wohnungsunternehmen GmbH Gruppe F als Planer und Organisator des Beteiligungsverfahrens für die Neugestaltung von 1000 m2 Fläche rund um den schon bestehenden Bolzplatz ausgewählt. Mit diesem Arbeitsfeld wurden die renommierten Landschaftsarchitekten bereits bei der Umgestaltung des Spielplatzes Adolfstraße im Kiez aktiv. Mit verantwortlich für den Beteiligungsprozess und die daraus resultierende Planung ist die Diplomingenieurin Anja Freye. Gemeinsam mit allen Beteiligten veranstaltete Freye drei offene Werkstätten, bei denen jeweils ca. 80 Kinder aus der Nachbarschaft mitwirkten. Hier verwandelten sich Ideen sukzessive zu konkreten Planungen der Spielgeräte und –anlagen. Dazu wurden Modelle der Freiflächen mit den angrenzenden Gebäuden angefertigt, in denen die Kids ihre Schaukeln, Kletteranlagen oder Trampolins maßstabgerecht verorten konnten. Natürlich hatte das Ganze auch einen Spaßfaktor: So bastelten die Kinder ihre Vorschläge selbst und spielerisch ging es auch bei der Abstimmung der Vorschläge zu. Für die Gewichtung der Anregungen entwickelte Gruppe F ein Punktesystem, nach dem jedes Kind sieben Punkte für die ihm am dringlichsten erscheinenden Projekte vergeben konnte. Zusätzlich verdeutlichten Piktogramme die Alternativen – kindgerecht und auch ein Zugeständnis an den immens hohen Migrantenanteil in den Wohnblocks.

Anja Freye zeigt sich sehr zufrieden über den Verlauf des Beteiligungsverfahrens: „Die Zusammenarbeit vor allem mit den Kindern war ungemein gut. Ich habe viel Begeisterung, viel kindliche Freude aber auch viel verantwortliches Handeln und Toleranz erlebt. Auch mit der Hausverwaltung gab es keine Probleme, sie hat den gesamten Prozess wohlwollend und kooperativ begleitet.“ Auch Gottfried Uebele ist vom gesamten Projekt angetan: „Begegnete mir zunächst unter den Kindern eine resignative Stimmung à la ‚Das geht hier sowieso alles ruckzuck wieder kaputt’, wandelte sich das ziemlich schnell in Zustimmung und Vorfreude. Allein die Zahl der Kinder, die wir hier ansprechen konnten, spricht für sich. Und sogar die Polizei hat mir bestätigt, dass während unseres Engagements die Fälle von Vandalismus signifikant zurück gingen.“

Anhand der in den Werkstätten ermittelten Prioritäten wurde eine Zeitleiste erstellt, die festlegt, was nun als Erstes gebaut wird. Auch die Hausverwaltung engagiert sich mit Eigenmitteln bei der Gestaltung der Freiflächen – so wurde beispielsweise der Abriss alter Gebäude und Anlagen, die Vorbereitung des Baugrundes und der Rückbau eines nicht mehr benötigten Weges übernommen. Darüber hinaus spendiert sie zehn mobile Bänke, die auch die erwachsenen Anwohner einladen, die Freiflächen aufzusuchen.

Inzwischen befindet sich das Projekt in der Ausschreibungsphase, Baufirmen können Kostenangebote unterbreiten. Im Frühjahr 2013 soll der Bau beginnen, bis zum Spätsommer abgeschlossen sein. Geplant ist eine "offene Baustelle", auf der Anwohner willkommen und die Bauarbeiter ansprechbar sind. Zu Ende freilich ist der Prozess nicht. Uebele weist darauf hin, dass eine weitere Betreuung aus seiner Sicht unverzichtbar ist. Allerdings läuft das Projekt 2012 aus, eine Fortsetzung steht zwar in Aussicht, aber noch ist unklar, wie. Davon abgesehen erfährt das Projekt „Blickpunkt Jugend“ nun neuen Zuspruch. Kinder aus anderen Straßen kommen zu ihnen, um auch in ihren Häusern ein ähnliches Projekt anzuregen. Nach Uebeles Beobachtungen steht und fällt die Qualität der Freiflächen einer Wohnanlage mit dem Vertrauen, das die Hausverwaltungen ihren Bewohnern entgegen bringt: Gelingt es, bei diesen ein Verantwortungsgefühl für das Anwesen zu erzeugen profitieren beide Seiten davon.

Nun, ein zweites Bullerbü werden die Maxgärten auch jetzt sicher nicht – dafür aber ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche erleben können, dass ihre Meinung zählt, dass Engagement sich lohnt und dass unbeschwertes Spielen nun auch vor der eigenen Haustür möglich ist.

Johannes Hayner