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Dienstag, 17. Juli 2018  18:30 Uhr

Kiez-Gewerberunde

Freitag, 06.07.2018

Let's Talk!

Stadtspaziergang mit Ephraim Gothe

Treffpunkt BND: Vorm Geheimdienst fing die Route an
Ab in den Dschungel: Hier wartet der Wedding mit dichtem Dickicht auf
Sprechen und schieben: Heute Ephraim Gothes wichtigsten Aufgaben
Jochen Uhländer verschönert die Pause mit Kaffee
Engagiert (nicht nur) im Gespräch: Ephraim Gothe
Im Haus Bottrop endet der Spaziergang mit einem allgemeinen Gesprächstermin

Politik am Wasser! Bezirksstadtrat unterwegs zu neuen Ufern! Zwischen BND und Bottrop! Mit Gothe gegen die Strömung! – Dies alles wären auch mögliche und plakative Headlines für diesen Artikel über ein Event, das am 13. Juni mit Ephraim Gothe, stellvertretender Bezirksbürgermeister in Mitte und Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit, stattfand. Ein Stadtspaziergang war angesagt, Ausgangspunkt war das BND-Gebäude in der Ida-von-Arnim-Straße, dann ging es stromaufwärts die Panke entlang bis zum Haus Bottrop in der Gerichtstraße.

Und so treffen sich kurz vor drei am neuen BND-Gebäude Chaussee-/ Ecke Ida-von-Armin-Straße circa 35 Leute und warten auf Bezirksstadtrat Gothe. Der erscheint auch pünktlich und zwar - wie es sich für einen modernen Stadtentwicklungs-Politiker gehört – mit dem Fahrrad. Dass daran eine Halterung für einen Kindersitz prangt, ist dem Ansehen des Lokalpolitikers bei der versammelten zumeist älteren Wählerschaft sicher nicht abträglich. Ein Stimmenfang-Accessoire ist sie allerdings nicht, das wird später noch deutlich.

Die Begrüßung durch dem Stadtteilkoordinator Jochen Uhländer geht ein bisschen im Verkehrslärm der Chausseestraße unter, sodass man beschließt, sich vorm BND-Eingang in der Ida-von-Arnim-Straße weiter zu unterhalten. Dort wird die Begrüßung kurzerhand wiederholt und man erfährt kleine Details über die neue BND-Zentrale. Zum Beispiel, dass schon ca. 2.000 Menschen hier arbeiten, am Ende sollen es 7.000 sein. Dass hier eine Abteilung sitze, die in James-Bond-Manier Dinge wie fliegende Autos, Fernrohr-Kugelschreiber und Pistolen-Bananen entwirft, kann offiziell nicht bestätigt werden. Aber eine schöne Story ist es doch, die Ephraim Gothe hier anklingen lässt.

Während sich der Tross in Richtung Südpanke weiter bewegt, komme ich mit einem Anwohner ins Gespräch. Er sei 1947 hier geboren und wohne schon immer hier, berichtet der weißhaarige Mann, der mit einem Klapprad die Runde begleitet. Früher sei das hier alles Sperrgebiet an der Mauer gewesen. Und noch früher, vor 1961, sei er in seinen Hofpausen gern über einen kleinen Fußgängerübergang in den Wedding gegangen, wo er sich "Schmöker" und Zeitschriften geholt habe. Die wären ihm sonst an den großen Übergängen von den "Vopos" (umgangssprachlich für Volkspolizisten) abgenommen worden. Sehr gut abgeschirmt sei zu DDR-Zeiten auch das Regierungskrankenhaus gewesen, das heutige Bundeswehrkrankenhaus. Trotzdem war er einmal dort, als er im damaligen Walter-Ulbricht-Stadion – später Stadion der Weltjugend und heute zugunsten des BND abgerissen – von einem Polizeihund gebissen wurde. Der Rock'n'Roll war seine Stütze in der DDR-Zeit, sonst hätte er es nicht ausgehalten. Jedes Wochenende sei er seinen Bands wie Freygang, Engerling oder Renft hinterher gereist und habe dabei das Freiheitsversprechen des Rock geatmet. Heute ist er hier, um sich ein Bild von den Veränderungen zu machen, die sein Kiez nun erneut erwarte – nachdem er ja in den letzten Jahrzehnten wiederholt sein Gesicht total gewandelt hat.

Die nächsten Stationen des Rundgangs sind den Entwicklungen entlang der Panke gewidmet. Teilweise kann man schon Renaturalisierungsergebnisse bewundern, teilweise wird noch geplant und gebaut. Südlich der kleinen Brücke in der Ida-von-Arnim-Straße sieht die Südpanke aus wie ein Grasbächlein irgendwo im Brandenburgischen. Der restliche Verlauf des Flüsschens wird heute unterirdisch in Rohren kanalisiert, soll aber auf 700 m Länge wieder als offenes Gewässer erlebbar werden. An seinen Ufern entsteht ein fast drei Hektar großer Park, dessen Wege für Radfahrer und Fußgänger konzipiert sind. Auch Spielplätze gehören zum geplanten Terrain. Fertig werden soll das gesamte Ensemble 2020, dann wird es einen 20 km langen Grünzug geben, an dem man aus Berlins Mitte ununterbrochen bis in die Auen des nördlichen Umlands gelangt.

Vorerst aber müssen sich Menschen, die den Verlauf des Areals heute schon vor-empfinden wollen, durch eine Art grüne Hölle des Wedding begeben. So wie unsere Gruppe, die sich auf unbefestigten Wegen, an Bauzaun-Sperren vorbei und durch dichtes Dickicht zur Chausseestraße durchschlägt. Bezirksstadtrat Gothe mittenmang, beim Schieben seines Fahrrads mit wechselnden Menschen im Gespräch. Dabei geht die Idee der Veranstaltung, Kommunalpolitiker und Anwohner zueinander zu führen, vorbildlich auf. Viele nutzen die Möglichkeit, ihre Fragen los zu werden und sich offiziöse Antworten zu holen.

Entlang führt der Weg an Wasserpflanzen und wellenartig angeordneten Betonelementen, von der Panke keine Spur. Diese verläuft hier unterirdisch und wird es auf diesem öffentlichen Hinterhof kurz vor der Chausseestraße auch bleiben. Die Wasserelemente nehmen das Thema auf und weisen den Weg zur Original-Panke. Heut prallt man allerdings dort gegen einen Mauer, wo später der Weg weiterleiten wird.

Ein neuralgischer Punkt des neu entstehenden Parkzuges ist der Übergang über die Chausseestraße. Diese ist hier stark befahren, zudem gibt es die gut genutzte Linksabbiegerspur zur Wiesenstraße. Ein direkter Fußgängerübergang ist also schwierig zu realisieren. Allerdings böte sich ohnehin eine Ampelanlage an, da Fußgänger es im weiteren Umkreis wirklich schwer haben, die Chausseestraße zu passieren. Im Amt scheint es dazu noch keine endgültige Antwort zu geben, jedenfalls konnte Ephraim Gothe hier nicht mit einem "Masterplan" glänzen und verwies auf die Fach- und Sachbearbeiter in der Verwaltung.

Die Chausseestraße als wichtige Verkehrsader des Wedding quert man am besten weiter nördlich, an der Boyenstraße nahe des Erika-Hess-Eisstadions. Zwar wurde die zeitweise hier aufgestellte und gerade für Fußgänger sehr wertvolle Ampelanlage leider wieder demontiert, aber immerhin gibt es eine Mittelinsel, auf die man sich (oft im Sprint) retten kann. Ehe man gemeinsam die Chausseestraße quert, wird noch kurz der hier geplante Neubau der Grundschule Europacity Mitte vorgestellt, die hier entstehen soll. Das Gros des Auditoriums freut sich über Mittes ersten Schulneubau nach der Wende, der sehr "platzeffektiv" sei und dessen Sporthalle in den 5. und 6. Etagen über den vier Klassenraum-Etagen geplant ist.

Eine gute Stunde ist man nun unterwegs - Zeit für Kaffee und Kuchen. Im Lastenfahrrad von Jochen Uhländer verbergen sich heimliche Schätze in Form von Thermoskannen, die das wertvolle Nass unter die Leute bringen. Derweil steht Gothe Modell für Foto- und Selfiewünsche. Die Teilnehmer kommen ins Gespräch, tauschen Informationen und Adressen aus.

Nun geht es weiter zum letzten Ort des Tages, Haus Bottrop, der thematisch nicht so recht zum Rest der Tour passen will. Denn ging es bis hier vor allem um die geplanten Projekte an der Panke, steht nun ganz klar die Seniorenpolitik in Berlin Mitte im Fokus.

Gut 50 Menschen, zumeist ältere Jahrgänge, füllen den großen Versammlungsraum des Haus Bottrop. Auf Nachfrage bejahen fast alle die Frage, ob sie öfter hierher kämen. Zunächst stellt Gastgeberin Dorothea Reinhardt Haus und Konzept vor. Das einst mit Mitteln aus Westdeutschland zur Unterstützung der Kriegswitwen gebaute Haus Bottrop helfe dabei, Netzwerke unter den Senioren zu knüpfen und sei ein wichtiger Anlaufpunkt für Senioren im Kiez. In letzter Zeit habe man aber Probleme, gute Mitarbeiter zu finden. Da eine Festanstellung nach den jetzigen Konditionen nicht möglich ist (keine Planstellen vom Bezirk), greift man notgedrungen auf Vermittlungen durch das Jobcenter zurück. Aber seit der in Schwung gekommenen Konjunktur sind die Leute von dort schlechter geworden und brauchen oft selbst eine Betreuung. "Wir gehen auf dem Zahnfleisch", fasst Frau Reinhardt die Verfassung der Mitarbeiter dramatisch zusammen und bittet um Unterstützung.

Herr Gothe räumt denn auch angesichts des nachgelassenen Sparzwanges neue Möglichkeiten ein und lädt spontan zu einem Info- und Vernetzungstreffen nach dem Sommer ein. Darüber will er alle, die in der Seniorenarbeit in Mitte aktiv sind, informieren und hinzu bitten. Nun kommen viele Senioren mit unterschiedlichen Anliegen zu Wort. Sie kritisieren die Politik des Bezirks in den vergangenen Spar-Jahren, nehmen Vergleiche mit anderen Stadtbezirken vor, erkundigen sich nach gefährdeten Senioren-Projekten in der Stralsunder Straße und nehmen Ephraim Gothe gehörig in die Zange. Dieser, der erst auf dem Weg hierher erfahren hat, wo der Spaziergang endet und worum es dort gehen soll, schlägt sich tapfer. Er hört aufmerksam zu, fragt nach, nimmt Anregungen mit und hinterlässt einen positiven Eindruck als ansprechbarer, uneitler und in der Sache kompetenter Politiker.

Ein eloquenter älterer Herr stellt die Kardinalsfrage nach der Stellung der Senioren in der Bezirkspolitik. Man versuche immer wieder, mit verschiedenen Anliegen vorzudringen, fühle sich aber zuweilen abgeblockt. "Wir haben keine Zeit!", " Wir wollen es noch erleben!" und: "Da muss Knete her!" bringt er den Saal zum Klatschen. Aber Ephraim Gothe ist gut informiert. Im Ausschuss für Soziales gäbe es in jeder Sitzung einen Tagesordnungspunkt für Senioren-Themen, und diesen zumeist als einen der ersten oder direkt an erster Stelle. Von daher lässt er den im Raum stehenden Vorwurf der Vernachlässigung von Senioren-Themen nicht zu. Außerdem werde gerade ein hauptamtlicher Mitarbeiter im Amt gesucht, der eine Bestandsaufnahme der Seniorenarbeit im Bezirk übernehmen soll und neue Stadtteilzentren analog zum Sprengelhaus seien geplant, in denen Seniorenarbeit ein starker Schwerpunkt ist.

So sieht man sich denn auch durchaus miteinander im Frieden, denn der Bezirksstadtrat hatte diesmal mehr als nur Versprechen im Säckel. Hinzu kommt der spontan zugesagte Senioren-Gipfel im Herbst als zusätzliche Möglichkeit, die Anliegen der Alten vorzubringen. Nun heißt es aber hurtig: Ephraim Gothes Tochter muss aus der Kita abgeholt werden, der Kindersitz kommt ans Fahrrad und schnellen Tritts verlässt der Bezirksstadtrat einen interessanten Nachmittag, wie man ihn in dieser Form mit anderen Themen und anderem Personal gern öfter sehen würde.

Text und Fotos: Johannes Hayner