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Donnerstag, 07.02.2013

Nachbarn für deine Gesundheit

Stephanie Wetzel vom QM-geförderten Projekt "Gesund sind wir stark!" im Interview

Zum Abschluss der Ausbildung gab es eine liebevoll dekorierte Dankestorte
Die Koordinatorin des Projekts Frau Wetzel von der ZAGG
In den Kursen darf auch diskutiert werden
Ein Plakat veranschaulicht worum es eigentlich geht
Beim QM-Neujahrsempfang 2013 wurden ein paar der neuen Gesundheitsberaterinnen bereits vorgestellt

Ein fahler Morgen im Januar. Schnee wirbelt durch die Luft, es ist kalt und windig. Vom schönen Charlottenburger Dachgeschoss-Büro des Zentrums für angewandte Gesundheitsförderung (ZAGG) aus eröffnet sich der Blick auf die verhangene Kantstraße. Die Koordinatorin des Quartiersmanagement-Projekts "Gesund sind wir stark!", Stephanie Wetzel, nimmt mich an der Treppe in Empfang und führt in den Besprechungsraum.

Das QM-Projekt "Gesund sind wir stark!" startete im  November 2011 und wird zunächst bis November 2013 laufen.  Ausgangspunkt für das Projekt war die Beobachtung, dass ein Teil der Bevölkerung im QM-Gebiet Pankstraße über die üblichen Kommunikationskanäle zu Ernährungs- und Bewegungsthemen nicht oder nur unzureichend angesprochen wird. Also wurde nach einer Alternative gesucht, die gerade in migrantisch geprägten Communities aktuelles Wissen über eine gesunde Lebensführung unter jungen Familien verbreitet.

Wie Stephanie Wetzel ausführt, existierte dieses Wissen in früheren Jahren in Großfamilien und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute sind diese Kommunikatikonslinien durch den Umzug in eine kulturell völlig anders geprägte Gesellschaft entweder gekappt oder die Informationen passen nicht mehr zum Lebensstil. So ist beispielsweise eine möglichst kalorienreiche Ernährung für Menschen, die Tag für Tag schwer körperlich arbeiten, sicherlich angezeigt. In einem körperlich wenig aktiven Umfeld ist jedoch eine leichte, gemüsereiche Ernährung auch schon für Kinder gesünder.

Im Projekt werden "ganz normale" Bürgerinnen und Bürger aus unserem Kiez an zwei Vormittagen je Woche mit insgesamt 16 Kursen zu Gesundheitsberater/innen qualifiziert. Wetzel und ihr Team empfinden die kulturelle Vielfalt des Kiezes als Stärke, die sie gezielt für das Projekt nutzen. So sind in der Qualifizierung verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe vertreten. Auf diese Weise erreichen die Gesundheitsberater/innen möglichst viele Menschen im Kiez. Im Anschluss an die Qualifizierung geben sie ihr Wissen über Gesundheit, Ernährung, Bewegung an Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder weiter. Allerdings nicht als Wiedergänger des trojanischen Pferds – hier wird niemand überrumpelt. Die Beratung liegt im Interesse aller Beteiligten. Die Chance, dass die Beratung in den unterschiedlichen Kulturkreisen ankommt, ist groß: Die qualifizierten Frauen stammen u.a. aus der Türkei, dem Libanon, Irak, Syrien, Deutschland, Bulgarien und China. Es wird Alltagswissen vermittelt: den 1. Babybrei, das richtige Einkaufen von Säuglingsmilch im Drogeriemarkt, Fernsehzeiten für Kinder, Spielzeug für die Sprachförderung, einfache Entspannungsübungen für Erwachsene und vieles mehr. Das Modell der Gesundheitsberaterin im Stadtteil wurde vom ZAGG 2006 entwickelt.  Inzwischen haben rund 150 Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, Spandau und eben im Quartier Pankstraße die Qualifizierung durchlaufen.

Wie nun ist der bisherige Projektverlauf im Quartier Pankstraße? Zunächst gab es 23 Teilnehmerinnen und einen Teilnehmer. Von ihnen haben 14 Frauen im November das Zertifikat "Gesundheitsberaterin im Quartier Pankstraße" erhalten, drei oder vier weitere Frauen werden es noch in den nächsten Monaten erlangen. Der Kurs endete für die Beraterinnen im November 2012. Seither gibt es ein monatliches Treffen über ein weiteres Jahr. Dafür stehen ZAGG-Expertinnen und -Experten aus verschiedenen Bereichen bereit, Stephanie Wetzel beispielsweise ist Ernährungswissenschaftlerin, daneben gibt es Bewegungstherapeuten, Psychologen usw.

Unter den qualifizierten Frauen ist ein hoher Anteil nicht berufstätiger Mütter mit vielen Kindern, die das Projekt als Sprungbrett zu einem möglichen Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit nutzen. Viel wichtiger aber ist den Frauen, dass der Beraterinnenjob ihnen Wertschätzung vermittelt und dass sie Anerkennung in ihren Communities erfahren. Die Gesundheitsberatung geschieht grundsätzliche ehrenamtlich, allein 2013 wird der Einstieg aus Projektmitteln vergütet.

Die Jung-Beraterinnen werden nicht ins kalte Wasser geworfen: Zunächst gehen sie als Tandem mit erfahrenen Kolleginnen auf Tour in Kitas und anderen sozialen Einrichtungen. Wichtig ist auch, dass die Kursinhalte auf ein sinnvolles Maß gebracht werden, nicht zu viel in ein Beratungsangebot gepackt wird. So kann etwa das Thema einer Beratungseinheit sein, was in eine Pausenbrotbox für Schüler gehört. Der Schwerpunkt der Arbeit dieser Frauen jedoch liegt auf der Beratung im privaten Kontext und Aktivitäten im persönlichen Umfeld. So sind viele Frauen aktiv in Kulturvereinen, Moscheen und Stadtteilzentren und können dort direkt und unkompliziert ihr Wissen weitergeben.

Angesprochen auf die Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement zeigt Wetzel sich sehr zufrieden. Gerade die kurzen Wege zwischen dem Kurs-Standort in der Adolfstraße und dem QM-Büro in der Prinz-Eugen-Straße haben zu einem regen Austausch und zu immer neuen Anstößen und Ideen geführt, die dem Projekt zusätzlich Schwung gegeben haben. Die zuständige QM-Mitarbeiterin Ilka Markus sei immer ansprechbar und begleite das Projekt mit Wohlwollen und viel Einsatz.

Das ZAGG selbst ist eine GmbH, die sich unter anderem mit betrieblichem Gesundheitsmanagement beschäftigt. Über Vermittlung von Kommunen oder auch Krankenkassen entwickeln sie gemeinsam mit kleineren oder größeren mittelständigen Betrieben Konzepte für ein gesundes Arbeitsumfeld. Diese Konzepte setzen ganz praktisch direkt dort an, wo der Schuh drückt. So kann zum Beispiel auch der gewöhnungsbedürftige Führungsstil eines Chefs zu Stress und vermehrtem Krankenstand führen. Die ZAGG GmbH hilft, Probleme aufzudecken und aktiv zu beseitigen. Dabei gehen sie werteschonend und prozessorientiert vor.

Gefragt, was sie sich für ihr Projekt wünsche, antwortet Stephanie Wetzel: "Für die ZAGG selbst habe ich keine speziellen Wünsche, wir sind mit dem Projektverlauf bisher sehr zufrieden. Aber für die tollen Frauen, die ich im Rahmen des Kurses kennenlernen durfte wünsche ich mir, dass diese Qualifizierung ihnen eine berufliche Perspektive eröffnet."

Nun – die Aussichten auf die Kantstraße mögen am Morgen des Interviews trübe gewesen sein – die Aussichten für unseren Kiez sind es angesichts dieses interessanten Projekts und vor allem dieser engagierten Frauen sicher nicht.

Johannes Hayner