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Montag, 04.03.2013

Nachbarschaft Pankstraße konkret

01

Der Friseursalon Mutlu in der Gerichtstraße 25 ist nicht nur ein Ort an dem Haare geschnitten, Bärte gestutzt und Augenbrauen gezupft werden. Der Salon ist auch Nachbarschaftstreffpunkt. Bereits seit acht Jahren gelingt es dem sympathischen Inhaber Suat Mutlu, sich hier mit seinem Friseursalon zu behaupten. „99 Prozent der Kunden sind Stammkunden. Die Gesprächsthemen der Kunden sind so individuell wie der Wedding selbst. Aber die Männer haben eigentlich nur ein Thema: Sport! Besonders natürlich Fußball!“, erzählt Mutlu, der nebenbei über eine Doktorarbeit nachdenkt. Thema: deutsch-türkische Beziehungen.

02

Morgens Brötchen holen, einen Kaffee zwischendurch oder auch "nur" ein kurzer Plausch: Bäckereien gehören zur Nachbarschaft. Die Bio-Bäckerei Bucco in der Ranvenéstraße gibt es seit sieben Jahren. Zum Teil haben sie ihre Kundschaft vom Vorgänger übernommen, zum Teil haben sie sich einen neuen Kundenkreis erarbeitet. Jedenfalls sind die meisten Käufer Stammkunden. Das Gespräch mit der Inhaberin Daniela Bucco wird immer wieder unterbrochen durch Kunden, die nachmittags vor allem Kuchen und Brot kaufen. Sie selbst empfindet ihren Laden als eine Art Kommunikationskreuz für den Kiez. Kunden lassen ihren Nachbarn etwas ausrichten ("Sagense dem doch mal, er soll sich mal wieder bei mir melden."), sagen einfach so "Hallo" oder geben auch schon mal ihre Wohnungsschlüssel für Freunde hier ab. Regelmäßig kommen auch der Kontaktbereichsbeamte der Polizei oder die Lehrer der Schule gegenüber auf einen Kaffee mit Gebäck. Frau Bucco fühlt sich wohl in der Nachbarschaft. Im Vergleich zu Heiligensee, wo die Familie wohnt, seien die Menschen hier deutlich freundlicher und kommunikativer.

03

Die Stattbar im Stattbad bietet seit April 2012 an Wochentagen „Good Food in downtown Wedding“, nachts verwandelt sie sich oft in eine Cocktailbar mit open End. Unter den Gästen der Lokalität sind nach Angaben von Stattbar-Manager David vor allem die, die im Stattbad beruflich oder als Besucher zu tun haben und viele neu Zugezogene. Erst in den letzten Tagen kamen einige neue Nachbarn, die sich hier über den Kiez informieren wollten. Zum Teil sind auch „Altweddinger“ unter den Gästen, diese aber eher sporadisch und nicht als Stammkunden. Aber durch die Beteiligung an den „Tagen der offenen Tür“ und an den Veranstaltungen im Stattbad versucht die Stattbar, ihr Angebot in der Nachbarschaft weiter bekannt zu machen. Alle angebotenen Speisen kommen direkt hier aus dem Kiez. Außerdem statten lokale Designer die Stattbar im lockeren Wechsel mit Möbeln und Objekten aus, Künstler können hier ausstellen oder Events veranstalten. Die Betreiber der Stattbar sehen die Veränderung des Kiezes zwiespältig: Einerseits freuen sie sich auf neue Läden, die die Infrastruktur aufwerten, andererseits sehen sie die Verdrängung der Alteinwohner skeptisch.

04

Der Wedding hat ein Rathaus und ein Radhaus. Letzteres ist ein alt eingesessener Fahrradladen, der dieses Jahr sein 30. Jubiläum feiert. Mitinhaberin Felicitas Rotzinger gründete den Laden in der Liebenwalder Straße, vor vier Jahren zog das Radhaus Wedding in die Schererstraße. Darüber sind sie froh: In der Liebenwalder Straße sei der Umgang mit den Nachbarn wegen des Drogenhandels dort mühsam gewesen. Aber auch in der Schererstraße war nicht immer alles einfach - vor allem die Streetfighters in der Nachbarschaft haben das Klima vergiftet. Nach deren Auszug blicken die Inhaber optimistisch in die Zukunft. Der kleine Laden will nicht in Konkurrenz zu Billigangeboten der Discounter treten, vielmehr bieten sie qualitativ hochwertige und haltbare Räder an. Neulich erst ließ ein Altkunde sein Rad aufpolieren, dass er vor 20 Jahren im Radhaus gekauft hat. Frau Rotzinger registriert den Zuzug von Studenten mit Wohlwollen: er mache das Zusammenleben lockerer und angenehmer. Überhaupt pflegen die Inhaber zu ihren Kunden nachbarschaftlich-freundschaftliche Beziehungen. So passen sie auch mal auf einen Hund oder sogar ein Kind auf. Das zahlt sich aus: Treue Kunden kommen heute aus allen Stadtteilen. Als vor vier Jahren der Umzug anstand, überlegten die Inhaber kurz, in andere Berliner Bezirke zu gehen. Aber die Liebe zum Wedding hat letztlich den Ausschlag gegeben.

05

Selma Dur kennt ihren Arbeitsplatz seit sie 8 Jahre alt war – und das ist inzwischen einige Jahrzehnte her. Sie arbeitet seit 1976 in der Kolberger Apotheke, einer Institution in ihrer Nachbarschaft. Aufgewachsen ist sie direkt um die Ecke und als die Frage nach einer Lehrstelle aufkam, wendete sie sich direkt an Helmut Schüller, den Apothekenleiter. Der nahm sie an und seitdem ist Frau Dur aus dieser Apotheke nicht mehr wegzudenken. Schüller gab die Apotheke vor einigen Jahren an Michaela Meister ab, heute ist er ausnahmsweise als deren Urlaubsvertretung im Laden. „Schön, dass Sie mal wieder da sind!“, die Kunden kennen ihn und freuen sich. Überhaupt sei die Apotheke und ihre Kundschaft wie eine Familie, findet Selma Dur. Man streckt schon mal was vor, wenn ein Patient den Arzt nicht bezahlen kann und hat immer ein offenes Ohr auch für die seelischen Probleme der Nachbarn. Aber es kommt auch viel zurück. Arabische, türkische und deutsche Anwohner gratulieren zum Zuckerfest oder zu Weihnachten. Dankbare Kunden bringen Essen oder Schokolade vorbei. Und als vor einigen Jahren die Apotheke zweimal überfallen wurde, boten viele Kunden ihre Unterstützung an – zum Beispiel nachts auf Auffälligkeiten zu achten oder ihre Telefonnummer für alle Fälle. Treue Kunden gibt es nicht nur im Kiez – viele, die inzwischen in Kreuzberg oder Wilmersdorf wohnen, holen ihre Medikamente hier. Auch auf die gewerbliche Nachbarschaft achtet das Team um Selma Dur: So kaufen die Mitarbeiter ganz bewusst bei den Läden hier um die Ecke ein.

06

Der Zeitungsladen in der Reinickendorfer Straße 72 ist ein für Wedding typischer Nachbarschaftstreff. Inhaber Cüneyt Yildiz besitzt den Laden seit sechs Jahren und kennt seine Kundschaft genau. Gerne nimmt er sich die Zeit auch mal nachzufragen, wie es ihnen denn gerade so geht. Viele Kunden die den Zeitungsladen mit Lottoannahmestelle regelmäßig besuchen, kennt der Inhaber persönlich. „Etwa 70% der Besucher sind Stammkunden, der Rest ist Laufkundschaft aufgrund des guten Standortes direkt am U-Bahnhof Nauener Platz“, erzählt Herr Yildiz. Auch während unseres Besuchs fällt auf, dass sich der gut gelaunte Lottoladenbesitzer stets die Zeit für einen Plausch oder einen kleinen Scherz mit den Stammkunden nimmt.

07

Nachbarn lernen gemeinsam, machen Musik und sind kulturell aktiv. Die Volkshochschule Berlin Mitte und die Musikschule Fanny Hensel haben den Bildungs- und Kulturauftrag, ihre Kurs-, Veranstaltungs- und Konzertangebote so dicht wie möglich an die Weddinger Nachbarschaft heranzutragen. Deshalb kooperieren sie mit Schulen, Kitas, Nachbarschaftseinrichtungen, Bibliotheken, Vereinen und Kultureinrichtungen, bieten Bildung für alle Generationen und Familien, veranstalten Konzerte im Kiez mit Klassik, Tanz, Theater, Jazz, Rock oder multikultureller Weltmusik. Die vielen Angebote und Orte lassen sich in den Programmheften von VHS und Musikschule nachlesen, die in den Geschäftsstellen Antonstraße 37 und Ruheplatzstr. 4 ausliegen.

08

Kartoffel ist nicht gleich Kartoffel. Es gibt hunderte verschiedene Sorten, ideal für Salate, für Püree oder  Pellkartoffeln. Wohl wenige im Kiez wissen darüber so gut bescheid wie Regina Winkel, die mit ihrem mobilen Kartoffelstand "Kartoffelwinkel" auf dem Nettelbeckplatz steht und ein Geheimtipp für Weddinger Feinschmecker ist. Hier bekommt man zum Beispiel auch die Linda, eine sehr schmackhafte Kartoffelsorte, die vor wenigen Jahren fast flächendeckend aus den Läden verschwunden ist. Angefangen hat Frau Winkel vor vielen Jahren mit einem Stand in der Gerichtstraße, gegenüber dem Krematorium. Seit ca. 25 Jahren steht sie nun schon auf dem Nettelbeckplatz, wenn dort dienstags und freitags grüner Markt ist. Bei ihrem Open Air-Business hängt die Wahrnehmung der Nachbarschaft stark von den Jahreszeiten ab. Gerade jetzt im Winter kommen weniger Menschen und die bleiben nicht lang. Größtenteils hat sie Stammkunden, aber in letzter Zeit kommen vermehrt junge Leute, um sich hier mit Erdäpfeln, Zwiebeln und Eiern einzudecken. Regina Winkel schätzt an der Nachbarschaft, dass man sich Zeit für eine Unterhaltung nimmt und dass man sich gegenseitig unter die Arme greift – wie etwa die Händler des Marktes beim Verlegen der Stromkabel. Überhaupt ist das Verhältnis der Markthändler untereinander gut. Jeder steht für den anderen ein und hilft selbstverständlich, wenn Bedarf ist. Insgesamt fühlt sie sich hier wohl, schließlich wohnt sie auch selbst im Wedding. Allerdings bedauert Regina Winkel sehr, dass die kommerzielle Nachbarschaft am Nettelbeckplatz stark geschrumpft ist – es gibt kaum noch Läden dort.

Johannes Hayner/Volker Kuntzsch/Jessica Quade/Ewald Schürmann