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Nachbarschaft online

Geht das? Die Nachbarschaftsplattformen nebenan.de und Polly & Bob stellen sich vor.

Nachbarschaft online – ist das nicht ein Widerspruch in sich? Um dies zu ergründen, luden am 26. April die WeddingWandler und das QM Pankstraße zu einer Diskussionsrunde zu diesem Thema. Die Unterstützung der Nachbarschaft ist bei der täglichen Quartiersarbeit ein zentrales Anliegen. Um die Gemeinschaft im Quartier noch aktiver werden zu lassen, soll hier die Chance gegeben werden, sich mit den Möglichkeiten, aber auch den Gefahren der digitalen Nachbarschaftsvernetzung auseinanderzusetzen.
 
Erstaunlich viele Nachbarn im Pankstraßen-Kiez interessieren sich für das Thema. Gekommen sind heute gut zwei Dutzend Interessierte und Engagierte. Doch handelt es sich bei den Gästen wirklich ausschließlich um Nachbarn aus dem Quartier? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen und vielleicht auch zur Auflockerung der Stimmung, beginnt der Abend mit einer kleinen Aufgabe: „Wer wohnt denn eigentlich wo?“ Alle Gäste werden aufgefordert, sich an die Stelle des Raumes zu setzen, die nach Himmelsrichtung ihrem Wohnort entspricht.  Schon beginnt das große Stühlerücken, bei einigen sehr zielsicher, bei anderen nicht ganz im Klaren, ob der Gesundbrunnen nun hier oder doch einen Meter weiter rechts liegt. Anschließend stellen sich alle  mit Namen und Wohnort vor. Es wird schnell klar, dass hier so einige sitzen, die eigentlich ihren Stuhl vor der Tür hätten platzieren müssen. Rund die Hälfte der Teilnehmer wohnt nicht im Wedding, engagiert sich oder arbeitet aber hier.
Darauf folgt ein weiteres  Fragespiel bei welchem deutlich wird, dass die heutigen Gäste zum größten Teil von der Idee der digitalen Vernetzung überzeugt sind.

Nun da wir uns im Klaren sind, wo wir und die  anderen Teilnehmer stehen, dürfen wir uns wieder auf den Platz unserer Wahl setzen und beginnen gemeinsam die Nachbarschaftsplattformen zu sammeln, die uns bekannt sind. Hierbei wird auch nebenan.de und Polly & Bob genannt. Wie praktisch, dass die Gründer dieser beiden Plattformen am heutigen Abend auch anwesend sind. Michael, einer der Gründer von nebenan.de, wurde von den WeddingWandlern zum heutigen Informations- und Diskussionsabend eingeladen. Volker Siems von Polly & Bob hatte sich auf der Facebook-Seite zur Veranstaltung geäußert und wurde prompt eingeladen, auch seine Meinung mit uns zu teilen.

Zuerst kommt Michael von nebenan.de zu Wort. Per Beamer zeigt er einige Screenshots seiner Nachbarschaftsplattform. Dazu erzählt er die Geschichte hinter der Idee. Michael kommt ursprünglich vom Land und erinnert sich gern an seine Kindheit. Auf dem Dorf kannte man sich einfach. Doch im großen Berlin fiel ihm dann auf, dass er eigentlich niemanden seiner Nachbarn mit Vornamen kennt. An diesem so nahen und doch so fernen Zusammenleben muss sich etwas ändern, dachte er. Die Idee von nebenan.de war geboren.

Die nebenan.de-Nachbarschaften sind räumlich abgegrenzt. Sobald sich zehn Menschen in einem Nachbarschaftsgebiet angemeldet haben, eröffnet nebenan.de für diese ein Nachbarschaftsportal.  Sinn machen diese dann so richtig ab 100 Personen, sagt Michael. Außerdem wird bei der Anmeldung Wert auf die Echtheit der Namen gelegt. Nachbarn müssen, so Michael: „Gesicht zeigen!“  User sollen hier wie im realen Leben auch dafür einstehen, was sie tun bzw. äußern. Dies wird durch den Verifizierungsprozess der Postadresse gewährleistet. Momentan wird nebenan.de hauptsächlich für die Organisation von Sharing-Aktionen, Hobbys, Festen, Kinderbetreuung, Empfehlungen, Nachhilfe und dergleichen genutzt. Dies geschieht meist über sogenannte Gruppen, in denen die Mitglieder sich zum jeweiligen Thema austauschen. Da der Austausch unter Nachbarn gerade für ältere Menschen eine große Rolle spielt, arbeiten die Gründer derzeit mit dem Entwickler eines seniorentauglichen Tablet-PCs zusammen. Auf diesen Geräten soll dann künftig auch das Netzwerk genutzt werden können. Nebenan.de ist für die User kostenfrei. Momentan arbeitet nebenan.de an einer Idee zur Einbindung von Gewerbetreibenden in den jeweiligen Nachbarschaften. Wie genau dies aussehen soll, ist noch nicht ganz klar. Eine Möglichkeit, die gerade diskutiert wird, sind kostenpflichtige Mitgliedschaften für die Unternehmer.

Klingt alles sehr interessant, doch was ist Volkers Geschichte zu Polly & Bob? Polly ist eine alleinerziehende Mutter aus dem Friedrichshain und Bob gerade erst nach Berlin gezogen und ganz neu in der Stadt. „Bei der Plattform Polly & Bob geht es“, so Volker, „um die große Vision der Gestaltung der digitalen Gesellschaft.“  Er stellt sich die Frage, wie wir damit leben wollen, dass das Leben inzwischen online stattfindet. Das Ziel ist es, durch die Digitalisierung Menschen offline zusammen zu bringen. Für Volker ist dies nicht nur der Grund für die Gründung der Plattform, sondern es ist auch ein Versprechen an die Menschen. Genutzt werden soll Polly & Bob wie nebenan.de für Verabredungen in Gruppen für Sport, Kinder, Hobbys und Ähnliches. Der Gründer ist der Meinung, dass die Mitbestimmung der Nutzer auf sozialen Netzwerken zu kurz kommt. Deshalb möchte er eine Genossenschaft gründen, die es den Mitgliedern ermöglicht, selbst über den Umgang mit ihren Daten zu entscheiden. Das Ziel ist es nicht, Profit aus dem Netzwerk zu schlagen. Mitglieder sollen, sofern sie es sich finanziell leisten können, einen Mitgliedsbeitrag von zwei Euro im Monat bezahlen. Von diesen soll mindestens ein Euro an die Polly & Bob Lokalgruppen gehen, um damit lokale Projekte zu unterstützen und lokale Ressourcen aufzubauen und zu finanzieren. Ein Euro soll in die Plattformentwicklung und zentrale Unterstützung der Community gesteckt werden.
Momentan befindet sich Polly & Bob noch in der Entwicklungsphase und geht voraussichtlich Ende Mai 2016 online. Interessierte konnten sich bereits im Vorfeld registrieren und haben dies auch schon fleißig getan.

Nach einer kurzen Essens- und Verschnauf-Pause geht der Abend in die zweite Runde. Die beiden Gründer stellen sich den vielen Fragen der Gäste.  Hier wird schnell klar: Die beiden sind sich nicht so ähnlich wie es auf den ersten Blick scheint. Der erhebliche Unterschied ist die Philosophie, also Profit vs. Non-Profit.
Der Ansatz von nebenan.de zeichnet sich dadurch aus, dass die Nutzung für Nachbarn kostenfrei sein soll, was sich langfristig allerdings nur über die Einbindung von Gewerbetreibenden bzw. Werbung umsetzen lässt. Volker hingegen ist sich im Klaren darüber,  dass seine Plattform Polly & Bob anders funktionieren muss als Facebook. Sie soll nicht durch Werbung, sondern durch die Beiträge der Mitglieder finanziert werden.

Man ist sich einig, dass sich in Zukunft nur eines der beiden Modelle durchsetzen kann. Doch welches wird dies sein?

 

Text und Fotos: Anna Lindner