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Nudelessen am Leopoldplatz - Wie aus dem runden Tisch eine lange Tafel entstand
Die Zustände auf dem Leopoldplatz sind in jüngster Zeit mal wieder Thema in deutschlandweiten TV-Magazinen und Nachrichtensendungen geworden. Trinker, Obdachlose und Drogendealer prägen hier das Bild des Platzes. Auf der anderen Seite stehen Anwohner, Passanten und sogar eine Kita, die das Leid ertragen müssen. Dass es neben „Pöbeleien, Pinkeleien und Prügeleien“ (ZDF-Reporter Christhard Läpple in heute) inzwischen auch positive Erscheinungen und Initiativen auf dem deutschlandweit berühmten Leopoldplatz gibt, wird medial meistens ausgespart.
Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (SPD) will niemanden vom Platz vertreiben, sondern strebt ein harmonisches Miteinander aller Gruppen an. Sozialarbeiter sollen den Abhängigen helfen, statt sie zu verjagen. Eine Initiative, um Aktionen zu erdenken und umzusetzen, den Platz mit Leben und attraktiven Angeboten zu bespielen, ist der Runde Tisch Leopoldplatz.
Eine dort entstandene Veranstaltung ist der „White Wedding“. Am 4. Juli wurde zu einem riesigen Spaghetti-Essen auf dem Leopoldplatz geladen. An einer langen Tafel unter den Alleebäumen entlang der Nazarethkirchstraße im nördlichen Teil des Platzes saßen gut 250 Gäste an weiß gedeckten Tischen. Auch die Alleebäume waren mit weißen Tüchern geschmückt und zauberten bei hochsommerlichen Temperaturen mediterranes Flair auf den Leopoldplatz. Teller und Besteck musste jeder selbst mitbringen und bekam für einen Euro eine anständige Portion Nudeln mit Tomatensoße. Alkohol wurde nicht ausgeschenkt. Beim gemeinsamen Essen kamen die unterschiedlichsten Anwohner schnell mit bekannten und unbekannten Tischnachbarn ins Gespräch.
Direkt vor der Veranstaltung sprachen wir mit Ina Rieck, der Projektsprecherin und Mitorganisatorin. der langen Tafel „White Wedding“.
Rieck: Das ganze ist eine Aktion vom Runden Tisch Leopoldplatz, dessen Ziel es ist, sich verschiedene Events zu überlegen, die den Leopoldplatz attraktiver und spannender machen. Einfach mal was Schönes machen, etwas, das jetzt nicht mit den langfristigen baulichen, Umstrukturierungsmaßnahmen zu tun hat, sondern etwas, das man kurzfristig umsetzen kann. Eine Aktion davon ist unser „White Wedding“.
Wir haben uns überlegt, dass hier sehr viel über die Probleme am Platz gesprochen wird, die ja wirklich kaum zu übersehen sind. Aber zum Teil ist es auch so, dass durch die Fokussierung auf die Probleme die positiven Seiten komplett aus dem Blickfeld geraten. Unsere Lange Tafel soll das ändern.
Bei der Vorbereitung dieser Aktion haben wir den Leuten beispielsweise erzählt, dass die Tafel auf der Allee zwischen den Bäumen auf der Promenade aufgebaut werden soll. Die reagierten überrascht: „Welche Allee, welche Bäume“?
Den meisten ist leider gar nicht mehr bewusst, was der Leopoldplatz für ein Schmuckstück ist, weil sie immer nur auf die Probleme gucken. Wenn wir es mit dieser Aktion schaffen, die Perspektive ein bisschen mehr auf das Schöne und die vorhandenen Ressourcen zu lenken, dann haben wir viel erreicht!
Quartier: Diese Idee mit der Tafel ist doch eine französische Tradition?
Rieck: Ja, genau. „White Wedding“ ist eine Mischung aus der französischen, etwa 20 Jahre alten Tradition und der langen Tafel in der Bergmannstraße.
In Paris ist das so, dass man sich für einen Zeitraum verabredet und erst kurz vorher den Ort erfährt. Ich weiß gar nicht, wie man das früher ohne SMS oder Email gemacht hat. Alle kommen und haben dann weiße Klamotten an. Ein spontanes Picknick im öffentlichen Raum.
Das andere ist die lange Tafel in der Bergmannstraße. Beide Arten des öffentlichen Picknicks dienen dazu, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Die Kommunikation miteinander, der Austausch und natürlich auch die gemeinsame Mahlzeit stehen dabei im Vordergrund. Diese Konzepte hatten wir im Kopf als wir uns das erste Mal getroffen haben. „White Wedding“ ist eine Art Fusion daraus.
Getragen wird das etwa 1.200,- Euro teure Projekt vom Quartiersmanagement Pankstraße und vom „Aktiven Stadtzentrum Müllerstraße“. Sehr engagiert hat sich auch das „Bistro im Paul-Gerhard-Stift“. Wir sind von allen beim Runden Tisch toll unterstützt worden. Und auch ganz spontan von den Nachbarn, von den Jugendlichen aus den verschiedenen Initiativen, die hier am Platz aktiv sind: „Outreach“, „Gangway“, die sind alle mit beteiligt und haben irgendwo mit Hand angelegt. Ganz großartig wurden wir auch von der Kirchengemeinde „Neue Nazarethkirche“ unterstützt. Da können wir zum Beispiel die Toiletten benutzen und um 17 Uhr die Glocken betätigen, um „White Wedding“ einzuläuten.
Obwohl es auch „durchaus Spannungssituationen gab“, war das Spaghetti-Essen „ein Erfolg“, weil an diesem Nachmittag Menschen friedlich beieinander saßen, aßen und sich austauschten. Eine Aktion, die viel Lust auf mehr macht und endlich mal wieder positive Bilder und angenehme Stimmungen vom Leo verbreitete.










