Suche

Aktuelle Veranstaltungen

Sonntag, 16. Dezember 2018  13:00 Uhr

Weihnachtlicher Weddingmarkt auf dem Leopoldplatz

Donnerstag, 13.09.2018

Partizipative Kunst = Kunst für alle in der Plantagenstraße

Wie in unserer Nachbarschaft ein neues Mauerbild entsteht

Silke Kirschning vor der Wand, die das Wandbild schmücken soll
Man trifft sich auf der Bank vorm QM-Büro
Impression vom Friedhofsgelände
Die Urnen sind oft reich geschmückt
Überall zu finden: das Engelsmotiv
"Du fehlst" - solche Nachrichten sind öfter zu lesen
Erste Skizzen entstehen auf einer Friedhofsbank
Dr. Jutta Zitzewitz führt über das ehemalige Krematorium

Silke Kirschning wird gerade zur Expertin für den Kiez rund um das silent green Kulturquartier. Denn hier, an der Außenmauer zur Plantagenstraße, wird sie ein gigantisches Wandbild malen, für dessen Gestaltung sie Anregungen aus dem Areal hinter der Mauer und von den Anwohnern aufnimmt. Für die Künstlerin ist es das zweite Bild, das in und mit der Öffentlichkeit entstehen soll, für die Anwohner rund um die Plantagenstraße wahrscheinlich das erste. Geplant ist die Bemalung einer ca. 130 qm großen Wandfläche auf der Rückseite der Friedhofswand. Das Besondere an der Kunstaktion ist, dass sie offen für jede und jeden ist. Alles sind willkommen und können bei der Ideenfindung und später bei der Wandbemalung mitmachen. Die künstlerische Leitung und Moderation übernimmt Kirschning selbst.

Ich treffe die Künstlerin am 20.8. vor dem Quartiersmanagement Pankstraße (QM). In dieser Woche finden die ersten Spaziergänge über das Gelände des ehemaligen Krematoriums und über den nebenan liegenden Friedhof statt. Diese sollen den Projektteilnehmern ermöglichen, Eindrücke auf dem Gelände für den Entwurf zu sammeln. Im Gespräch mit ihr frage ich: „Wie kommt man auf so eine Wand?“

„Es ist gar nicht so einfach, an so eine Wand zu kommen“, sagt sie lachend. Angefangen hat das Malen auf Wänden 2012 mit einem Fassadenprojekt in Neukölln, Harzer Straße 65, bei dem sie zusammen mit anderen Künstlern zwei Brandwände mit einer Fläche von ca. 1.600 qm bemalte. Das Bild war noch ohne Beteiligung der Anwohner entstanden, obwohl es vor allem für die Anwohner gedacht war. Das nächste Projekt sollte anders werden, und Kirschning wandte sich an die Berliner Stadtmission mit der Idee, ein partizipatives Kunstwerk auf der Fassade am Haus der Berliner Stadtmission, Seydlitzstraße 21, entstehen zu lassen. Mit Erfolg! So flossen unter anderem die Ergebnisse von Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtmission in die Entwurfsarbeit ein. Aus dieser Arbeit heraus entwickelte Kirschning ein partizipatives Konzept, vom ersten Gespräch bis zur Einweihung des Fassadenbildes, das gut in der Stadtteilarbeit angewandt werden kann.

Mit diesen Erfahrungen ist sie auf das QM Pankstraße zugegangen, und ihr wurde diese Wand in der Plantagenstraße vorgeschlagen. Viele Ämter mussten zusagen, bis diese Wand möglich war. Das gesamte Projekt wird mit Mitteln des QM-Aktionsfonds unterstützt.

Aber jetzt soll es mit dem Spaziergang losgehen, der eine Führung durch Dr. Jutta Zitzewitz über das Gelände des ehemaligen Krematoriums beinhaltet. Die Kunsthistorikerin Zitzewitz zieht uns bereits mit den ersten Worten in den Bann. Das ehemalige Krematorium soll ein hochmoderner „Kulturcampus“ werden, bei dem das Bewegtbild ein wichtiger Schwerpunkt ist. „Ein Campus, auf dem Kunst gemacht und Kunst vorgeführt wird“, sagt Zitzewitz. Im Innenhof erfahren wir Beachtliches aus der Geschichte der Feuerbestattung. Türen werden geöffnet, damit wir uns die ehemalige Trauerhalle, heute Veranstaltungssaal, anschauen können. Die vielen Urnennischen sind im Innenraum deutlich sichtbar. Wir gehen ins Untergeschoss und erhalten Einblick in die Arbeit der ehemaligen Krematoriumsmitarbeiter. Zum Schluss besichtigen wir das im Bau befindliche Atelierhaus. Eine langgezogene Rampe bringt uns in wesentlich kühlere Räume unter der Erde. Diese riesigen Wände sollen einmal mit 360-Grad-Projektionen bespielt werden, und in einem der Räume wird es ein modernes Studiokino geben, dass wirklich alle Filmformate wiedergeben kann. Das silent green soll in naher Zukunft ein Zentrum für audiovisuelle Forschung und erstes und modernes Ausstellungszentrum für Kunst und Film werden, meint Zitzewitz.  

Erst im Anschluss der Führung registriere ich, dass mir gerade 108 Jahre seit der Erbauung des Krematoriums klarer geworden sind. Und genau das ist auch Kirschning für die Ideenfindung so wichtig: „Was ist das eigentlich für ein Gelände, auf dem ich mich befinde?“. Und nicht nur das. Sie sagt: "Das Wandbild soll Fragen aufwerfen, zum Nachdenken anregen. Ich stelle mir vor, dass wir uns Zeit nehmen, uns besinnen und über Themen wir Leben und Sterben oder Leben und Endlichkeit nachdenken."

Ein paar Tage später, beim nächsten Spaziergang über den Friedhof, enstehen erste Skizzen. Wir besuchen auch das Kolumbarium, ein Raum, in dem Urnen der Verstorbenen in Nischen aufgestellt sind. Diese Nischen sind zumeist liebevoll geschmückt und ausstaffiert. Es finden sich auffallend viele Urnen von Menschen, die aus dem südostasiatischen Kulturkreis stammen. Als Weggaben werden den Verstorbenen Dinge mitgegeben, die sie geschätzt haben. So findet sich Nordhäuser Doppelkorn neben Pfirsichen, Schokolade oder Duftstäbchen. Ganz viele Grabstellen sind mit Fotos der Verstorbenen bestückt.

Die Impressionen von Friedhof und Urnenhalle werden nun in erste Skizzen verwandelt. Auf einer Friedhofsbank reicht Silke Kirschning Zeichenpapier und Stifte herum. "Du fehlst" erscheint auf den Skizzen, mit Herzen verziert. Außerdem das Engels-Motiv, das überall hier zu finden ist.

Was genau es davon auf das Wandbild schaffen wird, bleibt abzuwarten. Genug Ideen hat Kirschning auf jeden Fall und wir können hier nur sagen – unbedingt mitmachen. Es lohnt sich! Denn auch wenn die Malereien auf der Wand nicht 108 Jahre halten werden: eine Weile werden sie bestimmt bleiben. Und dann kann man sagen: "Hier habe ich mitgemacht!"


Dr. Silke Kirschning ist Künstlerin, Sozialarbeiterin und Soziologin. Etliche Jahre war sie wissenschaftlich tätig. Inzwischen ist die Kunst in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Ihre Leidenschaft gilt partizipativen Kunstprojekten.

Text und Fotos: Maja Schudi/Johannes Hayner




Jetzt haben Sie noch die Gelegenheit an dem Projekt teilzunehmen. Gegenwärtig wird die Mauer in der Plantagenstr. 12 – 15 bemalt.  
Bei schönem Wetter in den Kernzeiten von Montag bis Freitag von 10.00 – 16.00 Uhr und manchmal auch am Wochenende.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Jede Person ist willkommen!

Silke Kirschning bittet um Anmeldung, unter info@silke-kirschning.de

oder im Büro des Quartiermanagements in der Prinz-Eugen Str. 1.



Historische Führung: Vom Krematorium zum Kulturquartier

Eine Führung dauert ca. 90 Minuten.
Tickets kosten 12 , ermäßigt 8
(Das Gelände ist nicht barrierefrei)
Treffpunkt für die Führungen ist das MARS | Küche und Bar.

Nächsten Termine

Sa 06.10.2018 14:00 Uhr        
Fr 19.10.2018    16:00 Uhr
Führungen finden ab fünf Teilnehmern statt!

Maja Schudi/Johannes Hayner