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Mittwoch, 15.09.2010

"Verhüte die Straftat, ehe sie geschieht"

Interview mit Polizeioberrat Dr. Hubert Schuster, stellvertretender Leiter des Abschnitts 36

Dr. Hubert Schuster, 42, ist geborener Münchner. 1996 kam er über Hessen nach Berlin. Seine Doktorarbeit im Fach Geschichte schrieb er über das historische Berlin im 18. Jahrhundert. Außerdem hat er einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre.
Lutz Henning, 51 ist der neue Leiter im Abschnitt 36. Seit Anfang September ist der Polizeioberrat im Amt. Vorher wirkte er in Hohenschönhausen.
Die Uniform, durchgehend aus atmungsaktiven Funktionsstoffen besteht in der Anfangs-Ausstattung u.a. aus 9 Hemden, drei Hosen und verschiedenen Kopfbedeckungen (Klassische inzwischen 8-eckige Polizeikappe, Sonnencap, Wintermütze, ...) Jeder Polizist bestellt sämtliche Teile mit seiner Personalnummer in einem elektronischen Warenhaus online.
Entspannt und doch konzentriert: Dr. Schuster im Gespräch
Das Berliner Polizei-Logo im neuen Blau
So sehen Kinder "ihre" Wache

 

 

ZUR PERSON HUBERT SCHUSTER

 

Guten Tag, Sie Sind ja, wie man hören kann, nicht aus Berlin oder?

Schuster: Ich bin Münchner. Ich bin seit 1996 in Berlin. Das war damals während des Regierungsumzugs, da wurden hier ja sehr viele Beamtenstellen aufgemacht und ich war in Hessen bei der Polizei. So kam ich hier ganz schnell zum höheren Dienst, weil ich ein Studium habe.

Was haben Sie studiert?

Ich habe Betriebswirtschaft und Geschichte studiert.

Können Sie das einsetzen hier im Dienst?

Ja, täglich, das sind hier im Endeffekt Management-Tätigkeiten, die man macht, und da ist es fast egal, ob man eine Keksfabrik führt oder eine Polizeidienststelle organisiert. Diese Großeinsätze, die man hier fährt im höheren Dienst, die sind eher selten. Die häufigsten Tätigkeiten sind Verwaltung, Strategien, Analysen, Öffentlichkeitsarbeit, Repräsentation. Da hat das Studium genau gepasst.

 

DIE NEUE POLIZEI-UNIFORM

 

Was sagen Sie denn zu der neuen Polizeiuniform?

Eine sehr positive Entwicklung. Es sind sehr alltagstaugliche Schnitte und auch die Stoffe sind moderner. Die alte Uniform, die war ja 30  Jahre alt, also 1972 wurde sie eingeführt von Oestergaard, das war damals der Stardesigner und seitdem ist weder am Design noch an den Stoffen was verändert worden. Inzwischen haben wir jetzt alles aus Gore-Tex, das ist atmungsaktiv und das ist schon ein wesentlicher Vorteil. Meine Kollegen und ich, wir sind damit sehr zufrieden.

Sie gehören in Berlin zu den ersten Abschnitten, die in Blau auftreten.

Richtig, die Direktion 3 ist ja in Mitte, also da wo eigentlich der Bär abgeht, wo Hauptstadtanlässe, Staatsbesuche und die Problembezirke sind. Wir haben als Pilotprojekt im April begonnen und sind jetzt seit Juli dabei.

Wie ist Ihre Meinung zum neuen Blau?

Das ist ja ein europäisches Konzept, eine EU Richtlinie, die besagt, alle Polizisten in der EU sollen blau uniformiert sein und das ist sozusagen eine europäische Erkennbarkeit. Psychologen haben behauptete, das Blau auch weniger Aggressionen weckt, als andere Farben und das es eher beruhigend wirkt.

 

KRIMINALITÄT IM KIEZ

 

Wie verhält es sich mit der Kriminalität speziell hier im Kiez?

In Deutschland ist die Kriminalität relativ gleichförmig und ein Großteil der Kriminalvorgänge sind Betrugs- und Vermögensdelikte. Das erklärt sich allein schon aus der hohen Zahl der Schwarzfahrer, eine Beförderungserschleichung, eine Straftat. Ebay-Betrügereien werden immer populärer und rangieren auch ganz weit vorne. Ware wird bestellt und nicht geliefert oder es ist nur ein Holzklotz drin.

Ein weiterer großer Block ist die Körperverletzung. Das klingt immer sehr kriminell, aber darunter fällt auch jede kleine Kneipenrauferei, jede Rempelei, wenn´s verbal nicht mehr ausreicht. Meistens unter dem Einfluss von Alkohol. Da gibt es eine hohe Signifikanz.

Wohnungseinbruch passiert hier in Berlin auch nicht häufiger als in anderen Altbaugebieten in Deutschland. In unserem Gebiet waren das 518 Taten im Jahr 2009, d.h. 1 bis 2 Einbrüche pro Tag, bei 84.000 Einwohnern. Das entspricht etwa der Größe von Duisburg und der Fläche von Gibraltar. Die Bevölkerungsdichte ist in unserem Abschnitt sehr hoch. Ein Spitzenwert in Europa, bedingt durch nur geringe Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg und die sehr gut ausgelasteten Altbauwohnungen durch große Familien mit vielen Kindern.

Das ist durchaus ein Vorteil für die Bevölkerung. Durch die kleine Gebietsfläche erreichen wir einen Großteil unserer Notrufzielorte innerhalb von 5 Minuten.

 

POLIZEI IM KIEZ

 

Wir haben in einer Umfrage das subjektive Sicherheitsempfinden der Anwohner in ihrem Kiez abgefragt. Interessant war für uns, dass entgegen dem Medienbild, ein Großteil sich sicher bis sehr sicher fühlt und mit der Arbeit der Polizei zufrieden ist.

Das erstaunt mich nicht. Es wird zwar viel über die Polizei hergezogen, aber bei sämtlichen, auch bei repräsentativen Umfragen, Image, Ansehen, rangiert die Polizei in Fragen der Beliebtheit mit an der ersten Stelle. Also Bundesverfassungsgericht hat den ersten Platz und danach kommt die Polizei. Mit der Schulnote um 2,0. Das zeigt eben, dass sich Deutschland mit seiner Polizei eigentlich ganz gut arrangiert.

Wie ist Ihr Selbstbild, vor allem hier im Kiez?

Wir sehen uns vor allem als Dienstleister. Einfach da sein und den Menschen helfen. Ich habe einen hohen Gerechtigkeitssinn und ich denke, kein anderer sollte einem was wegnehmen oder auf die Nase hauen dürfen. Daher sehe ich die Polizei als eine helfende Organisation.

Wie genau funktioniert die polizeiliche Arbeit?

Es gibt 3 Säulen: Erstens die Prävention, also der Versuch einer Straftat vorzubeugen, bevor diese geschieht. Vor allen Dingen passiert das durch polizeiliche Präsenz. Wir zeigen uns, machen bei Veranstaltungen mit. Wenn z.B. das Quartiersmanagment Pankstraße eine Veranstaltung durchführt, entsenden wir gegebenenfalls Beamte. Wir sind vor Ort präsent und immer ansprechbar.

Der zweite Teil ist die Bearbeitung von Strafanzeigen, Strafverfolgung. Wenn zum Beispiel ein Bürger eine Strafanzeige stellt. Das passiert auf der Polizeiwache und dort wird einem dann geholfen. Die Strafanzeige wird bearbeitet, mit allem was hinten dran kommt, Zeugenbefragung, Beschuldigtenbefragung usw.

Die dritte Säule ist der Einsatzdienst. Wir sind rund um die Uhr über 110 erreichbar und auch auf der Wache stehen jederzeit Polizeibeamten für Hilfeleistung zur Verfügung. Wenn größere Veranstaltungen sind, wie zum Beispiel eine Demo oder Fußballspiel, dann gibt es geplante Großeinsätze.

 

PRÄVENTION

 

Was bedeutet Prävention im Kiez?

Verhüte die Straftat, bevor sie geschieht. Das ist die Leitlinie.

Nehmen wir zum Beispiel die Wohnungseinbrüche. Wir können ja nicht vor jede Wohnung einen Polizisten stellen. Aber die technische Sicherung ist in Altbaugebieten schlecht ausgeprägt und oft auch nicht bekannt. Oft sind es ganz banale Dinge wie zum Beispiel bei den großen Flügeltüren. Da gibt es ja in der Mitte einen senkrechten Riegel. Den kann man recht einfach mit einer Schraube fixieren und so kann dieser vom Einbrecher nicht mehr hochgezogen und die Tür aufgedrückt werden. Zu solchen und ähnlichen Themen gibt es dann Aktionen mit Flugblättern oder Flyern, die wir an hoch frequentierten Orten verteilen.

Oder wir gehen in Parkhäuser und weisen die Leute darauf hin, keine Wertsachen wie Laptop oder Navigationsgerät im Auto liegen zu lassen. Solche Tipps werden vorwiegend sehr gut aufgenommen.

Eine sinnvolle Einrichtung ist auch unsere Fahrrad-Kodier-Aktion. Da wird jedem, der an der Aktion teilnimmt, kostenlos ein einmaliger Code in den Rahmen geschlagen und dazu ein Fahrradpass mit eben dieser Nummer vergeben. Im Falle eines Diebstahls und anschließendem Wiederauftauchen kann das Rad nun eindeutig seinem Eigentümer zugeordnet werden. Das ist eine große Abschreckung für Diebe, weil sich gestohlene und kodierte Fahrräder später schwer weiterverkaufen lassen.

 

KOOPERATIONEN

 

Ein sehr wichtiger Punkt sind Kooperationen, zum Beispiel mit Schulen, Ämtern, Moscheen, mit den QMs oder mit Medienpartnern wie der z.B. Deutschen Welle, mit der wir die Kampagne „Wir lassen uns nicht betäuben“ gestartet haben.

Die Kooperationen bestehen immer aus Erfahrungsaustausch und Beratung. Nehmen wir mal die QMs. Hier gibt es regelmäßige Treffen alle 2 bis 4 Wochen. Da gehen Beamte von uns hin uns man tauscht sich aus. Zusätzliche gibt es Emailverteiler, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.

Prävention im Stadtbezirk soll alle Akteure zusammenbringen: Jugendamt, Schulen, Ordnungsamt, Polizei, QMs, alle, die im öffentlichen Raum was zu tun haben. Die sollen sich miteinander absprechen und einen „gesamtgesellschaftlichen Konsens“ herstellen. Als Hilfe suchender Bürger soll man sich nicht durch einen Wust von verschiedenen Behörden kämpfen müssen, wo jede eine unterschiedliche Meinung vertritt. Ziel ist, dass es eine einheitliche Linie zu bestimmten Problemen gibt und jeder schnell und einfach Unterstützung bekommen kann.

 

PRÄVENTIONSBEAUFTRAGTE

 

Wer aus Ihrer Dienststelle kümmert sich um diese Belange?

Es gibt zwei Beamte in unserem Abschnitt, die sich ausschließlich mit Präventionsaufgaben befassen. Die treffen sich mit dem QM, gehen zu Veranstaltungen und vor allem sehr viel an Schulen. Die Schulen werden beraten, zum Beispiel in so genannten Anti-Gewalt-Veranstaltungen. Jeder Schüler in Wedding kommt mindestens einmal in Laufe seiner Schullaufbahn in den Genuss, eine solche Veranstaltung zu erleben. Oft gibt es in den Folgejahren auch noch eine zweite darauf aufbauende Veranstaltung.

Die Beamten gehen dann in die Klassen und sensibilisieren für die Gewalt-Thematik. Sie spielen beispielsweise typische Krisen-Situationen als Rollenspiele, z.B. wie jemand auf dem Schulhof geschlagen wird, wie jemandem das Handy geklaut wird usw. Dazu gibt es kleine Trainings. Die Schüler lernen, wie sie sich bei Gewaltanbahnung zu verhalten haben und vor allem, wo sie Hilfe finden können.

Die Kernbotschaft ist: Wenn du ein Problem hast mit Gewalt, kannst du zur Polizei gehen oder zum Jugendamt. Es ist jemand da, wo du Hilfe findest. Stichwort: barrierefreier Zugang!

 

SOFORT-INTERVENTION

 

Wenn es dann tatsächlich mal zu Gewalt an den Schulen kommt, wird die Polizei gerufen. Wir haben eine spezielle Rufbereitschaft unserer Präventionsbeamten, die dann eine Sofort-Intervention leisten. Das ist kriminologisch sehr sinnvoll, weil Ansprache oder Strafe bestenfalls sehr zeitnah zur Tat folgen sollte. Wenn beispielsweise eine Gerichtsverhandlung erst 8 Wochen nach einer Körperverletzung ansetzt, ist der Zusammenhang zwischen der Gewalttat und der Konsequenz nicht mehr gegeben.

Wie sieht so eine Sofort-Intervention aus?

Bei der Sofortintervention fährt umgehend ein Beamter zum Tatort, meistens in Uniform. Derjenige, der andere auf dem Schulhof zusammenschlägt ist nun im Fokus, er ist erkannt und er ist angesprochen. Das wirkt abschreckend und hat einen generalpräventiven Aspekt. Beim nächsten Mal wird er vielleicht nicht mehr handgreiflich. Seit Einführung dieses Prozederes haben sich die Gewaltvorfälle an den Schulen erheblich reduziert.

Dennoch: Mit 14 Jahren fängt die Strafmündigkeit an, wenn der Jugendliche dieses Alter erreicht hat, bekommt er ein Strafverfahren, meistens übers Jugendgericht, über die Jugendgerichtshilfe, dann wird automatisch das Jugendamt eingeschaltet und eine betreuende Führungsaufsicht installiert. Ab dem Zeitpunkt, an dem sie die Straftat begangen haben, wissen sie dass sie im Fokus sind. Bei Wiederholungstaten gibt es dann Intensiv-Täterprogramme. Die jugendlichen Kriminaltäter bekommen dann einen festen Sachbearbeiter, der seine Pappenheimer kennt und zu erreichen weiß. Das ist eine persönliche Ansprache und kein anonymer Staatsapparat.

Oft bauen sich daraus sogar persönliche Beziehungen auf. Die Präventionsbeauftragten fungieren als „Kummer-Onkel“ und stehen den Jugendlichen in vielen Fragen des Lebens mit Rat und Tat zur Seite. Quasi eine Begleitfunktion ihrer Tätigkeit.

 

PRÄVENTION ZUM NACHLESEN

 

Wie kann sich der Bürger über Präventionsstrategien informieren?

Es gibt die bundeseinheitliche Präventionsstelle mit Sitz in Stuttgart. Die geben unter anderem verschiedene Broschüren über die gängigen Themen der Prävention heraus, z.B. „Wie schütze ich mein Kind vor Drogen?“, „Wohnungssicherung“, „Jugendliche in Diskos“, „Sexuelle Gewalt“, „Häusliche Gewalt“, usw. Diese sind inhaltlich sehr gut, ansprechend layoutet und gut lesbar, nicht verwissenschaftlicht. Die Broschüren sind auf allen Polizeiabschnitten kostenlos erhältlich oder auch online abrufbar.

http://www.polizei-beratung.de/mediathek/kommunikationsmittel/broschueren/

Herr Dr. Schuster, vielen Dank für das Gespräch.


 Interview: Volker Kuntzsch