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Rassismus, NSU und die Stille im Land
Erzählcafé Wedding- Zu Gast der Kiezläufer Mahmut Hatun und der Filmstudent Johannes Kaczmarczyk
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Die Zukunft der europäischen Stadt - das Beispiel Berlin
Händlerfrühstück Müllerstraße
Lange Tafel Leopoldplatz
NAH DRAN XXXII - Stücke junger Tänzer & Choreografen
Regina Scheer im Gespräch mit Michaela Nolte

- Die gebürtige Berlinerin Regina Scheer leitet und moderiert seit Januar 2009 das Erzählcafé im Bürgersaal Malplaquetstraße. Die studierte Kultur- & Theaterwissenschaftlerin lebt seit 2006 im Wedding.
Ein Gespür für zeithistorische Themen und Menschen mit bewegenden Schicksalen hat die gebürtige Berlinerin schon entwickelt, als sie als „aufmerksames Kind“ in der „Spandauer Vorstadt“ in Mitte zur Schule ging. Später schrieb sie ein Buch über die vergessene Geschichte ihres Schulhauses. Als Journalistin und Lektorin, als Hörspielautorin und Texterin für Rockbands und als Buchautorin hat sie immer wieder lebendige Geschichte erforscht und literarisch beschrieben. Zuletzt in ihrer viel beachteten Biographie „Wir sind die Liebermanns“, über die Deutschlandradio Kultur bemerkte: „Es ist eine Erfolgsgeschichte, die Regina Scheer so genau wie glänzend erzählt.“
Den Wedding hat die Frau mit den dunklen, halblangen Haaren und den wachen Augen durch das Erzählcafé kennengelernt. „Nach der Wende ist Sabine Gieschler, die das Erzählcafé 1987 gegründet hat, auf mich zugekommen, weil sie Zeitzeugen aus Ost-Berlin suchte; und ich kannte viele Leute.“ Seitdem war Regina Scheer der Institution verbunden und hat auch einmal über ihr eigenes Leben berichtet.
Nachdem der Lebensgefährte verstorben und die Töchter aus dem Haus waren, musste sie ihre große Pankower Wohnung aufgeben und etwas Günstiges suchen. Das neue Domizil in der Liebenwalder Straße, in dem sie mich mit Tee und Kuchen empfängt, fand sie eher zufällig. Die studierte Theater- und Kulturwissenschaftlerin erzählt klar und gradheraus, mit einer guten Energie und angenehmer Bescheidenheit. „Ich wohne sehr gerne hier, weil mir die Mischung der unterschiedlichen Nationen gefällt. Das ist sehr lebendig. Es gibt zwar viel Armut, aber wenn ich in Zehlendorf wohne und die nicht sehe, ist sie ja trotzdem da. Ich bin ein Mensch, der hinguckt, und dabei habe ich festgestellt, dass die Menschen hier direkter und freundlicher sind, als es sonst in der Großstadt üblich ist, fast wie auf einem Dorf.“ Natürlich hat Regina Scheer‚ ihre Straße’ auch schon literarisch verarbeitet; der Artikel erscheint im September in „Das Magazin“.
Dass das Erzählcafé 2007 endgültig seine Pforten schloss, hat sie allerdings sehr bedauert. Als der „Europäische Sozialfonds“ Projekte für Künstler ausschrieb, kam ihr die Idee, es wiederzubeleben. Der Antrag wurde befürwortet und das Konzept unter der Trägerschaft der Berliner Kulturinitiative Förderband e.V. für drei Jahre gesichert. Seit Januar 2009 kommen im Erzählcafé wieder „Lebensgeschichten zur Sprache, die sonst vielleicht nicht erzählt würden“, so Scheer. Die Kosten für den schönen, historischen Bürgersaal der Berliner Bau-Genossenschaft übernimmt das Quartiersmanagement Pankstraße.
Den Auftakt der Veranstaltungen, die Regina Scheer im Zweiwochenturnus am Sonnabendnachmittag moderiert, machte die Rektorin der Erika-Mann-Grundschule, Karin Babbe. Es folgten Menschen wie die 98-jährige Schriftstellerin und gebürtige Weddingerin Elfriede Brüning oder Mohammed Abdel Amine. Der Student aus Togo lebt im Wedding, spricht neun Sprachen und berichtete über seinen erfolgreichen Kampf gegen ein zwielichtiges Asylheim.
Die sehr gemischte Auswahl der Gäste ist Programm. Mal kommen prominente Berliner, mal ganz normale Nachbarn zu Wort. „Jeder Mensch hat eine Geschichte, die erzählenswert ist“, sagt Regina Scheer. „Das Erzählcafé bietet eine Möglichkeit, Verständnis für die Verschiedenheit der Lebensformen zu entwickeln und sich mit anderen Lebensentwürfen auseinanderzusetzen. Es geht nicht um passive Unterhaltung. Die Besucher sollen auch ihre eigenen Erfahrungen aktivieren und miteinander ins Gespräch kommen.“
Besonders freut es Regina Scheer, wenn Menschen von sich aus auf sie zutreten. Wie die amerikanische Tänzerin aus der Togostraße, die seit 20 Jahren in Berlin lebt und im Oktober über ihre Lebensstationen berichten wird. „Sie möchte nicht nur erzählen, sondern auch tanzen, weil das ihre eigentliche Ausdrucksform ist. Ich weiß noch nicht wie das zusammengeht“, sagt Regina Scheer, sichtlich amüsiert über die ungewöhnliche Idee, „aber ich bin sehr gespannt!“
Nur die Beteiligung der hier lebenden Einwanderer lässt noch zu wünschen übrig. „Es gibt so viele interessante Leben und Geschichten, die ich hier schon gehört habe, aber leider zögern die meisten, sie öffentlich zu erzählen.“ Regina Scheer wird weiter daran arbeiten, auch mehr Migranten und mehr Jugendliche für das Erzählcafé zu begeistern. Angst, dass ihr der Stoff ausgeht, hat die sympathische und engagierte Gastgeberin auf jeden Fall keine.
Erzählcafé
Malplaquetstraße 15a | 13347 Berlin
Kontakt: Regina Scheer
Tel.: 481 01 64 | E-Mail: Erzaehlcafe@web.de
Nächste Termine:
18. Juli und 5. September, ab 15 Uhr.






