Ruhat-Gülçin Günçekti im Gespräch mit Michaela Nolte

Die Autorin Ruhat-Gülçin Günçekti studierte nach ihrem Abitur in Bursa erstmal Betriebswirtschaft. Seit 2003 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem zehnjährigen Sohn in Deutschland. Mit ihren Geschichten über Frauen, über Kinder und die Liebe ist Ruhat-Gülçin Günçekti bisweilen angeeckt: zu politisch, zu streng, zu traurig, so die Kommentare. „Ich empfinde mich nicht als politisch. Aber wenn das Leben zu politisch ist, dafür kann ich nichts. In der Türkei habe ich schon eine Anhängerschaft, die auf meine Geschichten warten und sie gerne lesen.“ Ihre Geschichte "Eine Frau im Park" haben wir in der aktuellen Ausgabe von QUARTIER abgedruckt.

Vielleicht ist darum das Schreiben eine Art Heimat für Ruhat-Gülçin Günçekti geworden. Sie schreibt seit ihrem zwölften Lebensjahr, und nicht nur die Geschichten sind eigenwillig. Höchst ungewöhnlich ist auch die Form ihres Vertriebs: Viele sind in Briefform verfasst und werden gefaxt oder als Kopie per Post versandt.

So konnte sie sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahren. „Einige habe ich in Zeitschriften publiziert. Die Redakteure haben gesagt: ‚Gülçin, Du bist begabt’, aber dann haben sie die Texte verändert, weil sie mich sehr politisch und streng fanden. Da habe ich es lieber gelassen.“

Den Wunsch nach Unabhängigkeit hat Frau Günçekti schon früh verspürt. Wissenschaftlerin wollte sie werden. Schon als Gymnasiastin entwickelte sie ein System, mit dem ein Kochtopf durch Sonnenenergie erwärmt wurde. So begann sie ein Physik-Lehramtsstudium in Bursa, wo die Familie seit Anfang der 1970er-Jahre lebte. „Aber ich wollte nicht Lehrerin werden. Ich wollte unabhängig von der Familie sein und eine andere Welt kennenlernen“, sagt die zierliche Frau.

Als sie beschloss nach Izmir zu gehen und Betriebswirtschaft zu studieren, sagte der Vater: „Es tut mir sehr leid, aber ich kann dich nicht unterstützen.“ Er war Arbeiter und hatte neben Gülçin noch ihre fünf Geschwister zu versorgen. „Macht nichts, Papa“, antwortete die wissbegierige und freiheitsliebende Tochter, „ich kann arbeiten und studieren!“

Das hat sie mit viel Durchsetzungskraft bewiesen: hat neben dem Studium Waschpulver an der Haustür verkauft, sich als Sekretärin verdingt und sich zu einer Zeit, in der man Frauen bestenfalls die Buchhaltung oder einen Job als Bankangestellte zutraute, im Management hochgearbeitet. „In meinem Umfeld gab es keine Frauen, die gearbeitet haben. Als ich einen Cousin um Hilfe bat, sagte der: ‚Warum willst Du arbeiten? Heirate, das ist leichter.’“ Sie hat viel gearbeitet, sich außerdem gegen den Krieg und für Frauenrechte engagiert und natürlich immer geschrieben.

Schreibend hat sie auch ihren Ehemann kennengelernt, und das ist wieder eine besondere Geschichte. „Freunde haben gesagt: ‚Gülçin, Du schreibst doch viel. Da sitzt ein Freund im Gefängnis, der dichtet. Du könntest ihm schreiben.’ Wie sollte ich jemandem schreiben, den ich gar nicht kenne? Meine Geschichten habe ich immer an Freunde oder Bekannte geschickt. Aber sie meinten, dass er seit Jahren inhaftiert ist und niemanden hat und haben mir einen Stift geschenkt – sozusagen als Bestechung.“

Anfangs hat sie ihm anonym geschrieben, später konnte er ihr an die Adresse eines Freundes antworten. Über die Korrespondenz entstand im Laufe der Jahre die Zuneigung, sie lernten sich persönlich kennen und lebten nach seiner Entlassung zusammen in Istanbul.

„Eigentlich war es mir nie in den Sinn gekommen, die Türkei zu verlassen. Aber als mein Mann politisches Asyl in Deutschland bekam, bin ich mit unserem Sohn mit ihm gegangen. Meine erste Kurzgeschichte in Briefform handelte dann von diesem Gefühl, in einem Raumschiff zu sitzen, und ich bin die Außerirdische. Alles war fremd.“

Fremd war vor allem auch die Sprache. Mittlerweile besucht Gülçin Günçekti einen Deutschkurs, hat sich im Verein Kulturen im Kiez zunächst als Kiezmutter engagiert und arbeitet nun dort im Rahmen einer ÖBS-Maßnahme. Der Neuanfang ist nicht immer einfach. Aber die energievolle und sensible Frau weiß, dass sie für viele andere Frauen ein Vorbild ist. Darauf ist sie sehr zu Recht auch ein bisschen stolz.

Wir danken Nazli Özcan sehr herzlich für die Übersetzung.