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Dienstag, 11.10.2016

Schaut auf diese Schule

Feierstunde zum 100jährigen Bestehen der Erika-Mann-Grundschule

Im Kreise seiner ehemaligen Schüler: Günther Hesse (l.), Direktor der Schule in den 1980ern
Schulleiterin Birgit Habermann begrüßt die Gäste
Bezirksbürgermeister Hanke spricht, die Zugvögel hören zu
Die Zugvögel singen: Zogen einst fünf wilde Schwäne
Der frühere Schüler Reinhard Klostermann erzählt
In ihrer kleinen Revue feiert die 5a die Namensgeberin der Schule
Die ehemalige Schulleiterin Karin Babbe und Baupilotin Susanne Hofmann
Silberdrachen sind in die Schulkorridore eingezogen
Teil des Festtages: Schule wie vor 100 Jahren
Die Schule kann auf viele Partner bauen

Liest man Interviews oder auch Autobiographien mit bzw. von älteren Menschen, dann staunt man bisweilen, wie richtungsweisend Lehrerinnen und Lehrer selbst aus der Grundschule von ihren ehemaligen Schülern empfunden werden. Wenn der 80jährige, oftmals preisgekrönte Schriftsteller davon erzählt, dass ihn nur seine einfühlsame Deutschlehrerin auf den literarischen Pfad gebracht habe oder die betagte Forscherin von ihrer Biologielehrerin schwärmt, dann ist das einerseits bemerkenswert, denn die ehemaligen Schüler haben ja zumeist ein viel höheres Renommee erreicht als ihre damaligen Lehrer. Andererseits ist es aber auch glaubhaft, denn viele Menschen lernen im Laufe ihres Bildungsweges Menschen kennen, die sie bewusst in eine Richtung lenken und fördern. Schule wird also von sehr vielen als eine, wenn nicht gar DIE prägende Erfahrung ihres Lebens wahrgenommen.


Was Wunder also, dass sich zum Jubiläum einer Schule viele Menschen auf den Weg machen, um diesem Ereignis beizuwohnen. Solches geschah in unserem Kiez am 23. September, als die Erika-Mann-Grundschule ihren 100. Geburtstag beging. Beim Festakt in der Aula trafen ehemalige Schüler, Lehrer und Direktoren auf das aktuelle Kollegium, den Schulchor, eine Theater spielende Schulklasse sowie viele Gäste.


Schon auf dem Weg über den Schulhof konnte man beobachten, welcher Art diese Zusammenkunft sein wird. Auf dem Schulhof steht eine Gruppe älterer Herren, die aufmerksam das Gebäude begutachten. "Das Dach ist neu gemacht", sagt einer von ihnen, Zustimmung erntend. Viele der ehemaligen Schüler freuen sich über den guten Zustand der Schule und vor allem über die Gestaltung der Schulhöfe. Dass das Schulanwesen heute so gut im Schuss ist wie selten zuvor in seiner Geschichte verdankte es auch dem Projekt "Wir strahlen in den Kiez - der Kiez leuchtet in uns". Dabei wurden 2016 mit QM-Mitteln Sanierungsmaßnahmen in der Schule gefördert. Viele ehemalige Schüler nahmen das Jubiläum zum Anlass, ihre alten Schulräume wieder zu besuchen. Eine Klasse hängt gleich ein Klassentreffen dran. Später wird es in den beiden Schulhöfen ein Hoffest mit Band, Spielangeboten und Buffet geben. Außerdem Unterricht wie vor 100 Jahren und wie von heute - jeweils spannend für unterschiedliche Altersstufen. Überall wuseln Kinder und ihre Eltern herum und man bekommt einen guten Eindruck, wie wichtig dieses Jubiläum für das Leben der Schule ist.


Im Kreis der oben genannten Herren ist einer, der den Altersdurchschnitt wohl noch etwas nach oben treibt: der 90jährige ehemalige Direktor Günther Hesse. Jedenfalls fällt das Wiedersehen äußerst herzlich aus und als sich kurz darauf ehemalige Mitschülerinnen und Mitschüler im Treppenhaus begegnen, werden Küsschen getauscht.


Schon 10 Minuten vor Beginn der Feierstunde um 13 Uhr ist die Aula gut gefüllt. Halbe Klassen stehen zusammen, albern rum und lachen, als wenn sie gerade erst die Schule verlassen hätten. Geräuschpegel und –gemisch erinnern an eine Grundschulklasse, kurz bevor die Lehrerin den Klassenraum betritt. Als die Schulleiterin Birgit Habermann ans Mikrofon tritt, hört man (man möchte fast sagen: konsequenterweise) einen unterdrückten Ruf: „Ein bisschen mehr Disziplin!" Alle lachen. Es kann losgehen. Kurz begrüßt Habermann die Gäste um dann umgehend an Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke zu übergeben. Mit warmen Worten gratuliert dieser dem Lehrerkollegium, der ganzen Schule sowie den Gästen zum Jubiläum und würdigt die Strahlkraft dieser Wissensinstitution in ihr Umfeld. Die Schule stamme aus einer Zeit, in der der Wedding gewachsen sei. Wie vor 100 Jahren sei die Gegend auch heute wieder dabei, sich extrem zu verändern. Und die Aufgabe von Schule sei es, solche Veränderungen zu begleiten und zu moderieren. Darin sei diese Schule beispielgebend. Hanke spricht von der „Trias“, der Dreiheit der Erika-Mann-Grundschule als Lernort, Lebensort und Beziehungsort. Die Schule sei gekennzeichnet durch ihre mächtige Architektur, die mit ihren hohen Räumen autoritär wirkt. Dabei sei sie ja für kleine Menschen gedacht – die Schule für sie „menschlicher“ gemacht zu haben, nennt Hanke einen Meilenstein in deren Entwicklung. Von diesem wird noch zu reden sein.


Wieder übernimmt Birgit Habermann das Wort und meint schmunzelnd, nun sei eigentlich alles gesagt, ihre Rede könne sie sich sparen. Was sie dann allerdings vorträgt, ist interessant: ein kurzer Abriss der Geschichte dieser Schule. Der damalige Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann baute die Schule vor mehr als 100 Jahren. Die ersten 40 Jahre der Schulexistenz waren sehr wechselhaft. Was heute die Erika-Mann-Grundschule ist, waren ursprünglich zwei Schulen: die 291. Schule für Jungen und die 273. Schule für Mädchen. Eigentlich war die Eröffnung des Neubaus  für 1914 geplant, dann kam aber der Krieg dazwischen. So wurden die beiden Schulen mitten im ersten Weltkrieg 1916 eröffnet. Als Wahrzeichen Berlins befinden sich an den Eingangsportalen zur Utrechter und zur Malplaquetstraße hin jeweils lesende Bären, die mit Globen spielen. Schon kurz nach der Eröffnung war der Schulalltag von den gesellschaftlichen Umständen der Kriegs- und Nachkriegszeiten geprägt. 1919/1920 war das Heizmaterial so knapp, dass der Unterricht für Mädchen und Jungen abwechselnd stattfand. In der Schulchronik findet sich auch der Eintrag, dass der Hausmeister erfolgreich eine Manteldiebin fassen konnte und der Polizei übergab. Im 2. Weltkrieg wurde der Schulkeller zum Luftschutzkeller umgebaut und viele Behörden zogen im Kriegsverlauf in unterschiedliche Klassenzimmer ein. Wie die Zustände vor allem in den letzten Kriegsjahren waren, darüber gibt auch diese Zahl Aufschluss: 1942 wurden 2 Klassen mit jeweils 57 Kindern eingeschult.


Nach dem Krieg wurden die beiden Schulen umbenannt in 13. Grundschule und Rübezahl Grundschule, blieben also auch weiterhin getrennte Bildungseinrichtungen. Um aus dieser Zeit zu erzählen, wird nun Reinhard Klostermann nach vorn gebeten, eine ehemaliger Rübezahl-Schüler, der 1955 eingeschult wurde. Neben einer ganzen Reihe lustiger Anekdoten, die zum Teil diskursiv im Raum erarbeitet werden, berichtet Klostermann über viele Dinge, die den Schulalltag von damals plastisch machen. So fuhr die erste Klasse zur Klassenfahrt auf die Insel Amrum – für 6 Wochen!! Das ist für heutige Eltern sowohl unvorstell- wie auch unbezahlbar. Damals kostete die Fahrt pro Schüler 10 DM, wovon 5 DM der Senat übernahm. Unterricht wurde in der Dorfschule in Amrum gegeben. Die ganze Aktion diente dazu, die Schüler aus der immer noch stark zerstörten Stadt (Reinhard Klostermann erzählte von Räuber-und-Gendarm-Spielen mit echten Handgranaten-Blindgängern) einmal für längere Zeit in die Natur zu bringen. Besagter ehemaliger Direktor Hesse, damals noch ein "einfacher" Lehrer, versorgte eine von einer Kreuzotter gebissene Schülerin durch Aussaugen der Wunde und nachfolgendes Abbinden, wofür er noch heute, mehr als 60 Jahre später, tosenden Applaus erntet. Aber die Zeit war nicht nur lustig. Klostermann erinnert sich an alte Nazis im Lehrkörper und daran, dass die Prügelstrafe noch gang und gäbe war. Trotzdem freut er sich heute mit seiner alten Schule über deren Geburtstag. Ernst Reuter habe 1948 gesagt: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ In Anlehnung daran wolle er heute rufen: „Bürger dieser Stadt, schaut auf diese Schule!“ Unter Applaus verlässt Herr Klostermann das Podium und macht den Weg frei für die Schüler der Klasse 5a.


In einer kleinen Theaterrevue präsentieren sie eine Hommage an die Namensgeberin dieser Schule. Denn die Rübezahl-Schule wurde mit der zwischenzeitlich 20. Grundschule 1999 zur Erika-Mann-Grundschule zusammengeführt. Die knapp 20 Schülerinnen und Schüler präsentierten biographische Daten, Zitate aus ihrem Werk und setzten sich in Szenen sich mit der Namensgeberin auseinander. Eine kurzweilige Einlage, die den Theaterschwerpunkt der Schule beeindruckend vorführt und zum nächsten und letzten Punkt der Feierstunde überleitete.


Denn nun kam die ehemalige Rektorin Karin Babbe gemeinsam mit Susanne Hofmann von den Baupiloten nach vorne, um über ihren Umgang mit dem alten Baukörper zu berichten. Denn die Baupiloten, bekannt für ihre partizipative Architektur, wurden damit beauftragt, gemeinsam mit den Schülern zu überprüfen, wie sie das Schulgebäude kindgerechter gestalten können. Entstanden ist dabei die Welt des Silberdrachen. Wer heute nach vielen Jahren erstmals wieder das Schulgebäude betritt, versteht sofort, worum es sich dabei handelt. Mit Lichtern, sich durch die Gänge ziehenden illuminierten Gebilden, Nischen und Installationen wird die starre Architektur des Baukörpers aufgebrochen und es entstehen Aufenthaltsräume, die in ihrer Nutzungsqualität weit über die der vorherigen Flure hinaus gehen.


Bei diesem Jubiläum konnte man gut beobachten, was es heißt, Schule als Lebens- und Gemeinschaftsort für die Kinder zu etablieren. Es braucht offene Ohren, Mut, die Fähigkeit, zuzuhören und auch "gute", engagierte Pädagoginnen und Pädagogen. Und vor allem natürlich Kinder, die sich in der Schule angenommen fühlen und bereit sind, sich zu öffnen. All dies kann man im Alltag der Erika-Mann-Grundschule und natürlich erst recht an diesem besonderen Tag erkennen. Wir wünschen der Schule und den Menschen, die dort arbeiten und lernen, alles Gute mindestens für die nächsten 100 Jahre!

Text und Fotos: Johannes Hayner