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"Starke Eltern – Starke Kinder®" auch auf Türkisch - Ein Quartiersprojekt erhält den Kinderschutzpreis
Die Mutter holt ihren Dreijährigen vom Kindergarten ab. Die Kindergärtnerin gibt ihr noch einen Beutel mit, darin ist eine nasse Hose - der Junge hatte eingemacht. Sofort setzt es eine Ohrfeige. Die fassungslose Erzieherin sagt der Mutter, dass das nicht nur falsch, sondern sogar verboten ist, doch die versteht kein Deutsch. Mükerrem Demirkan erklärt es auf Türkisch. Die Mutter ist sehr jung und überfordert, wird von ihrem Mann geschlagen. Der Sohn kennt keine Grenzen und kein "Nein", wird andererseits geschlagen und versteht die Welt nicht mehr. "Ein Teufelskreis der Gewalt", sagt Mükerrem Demirkan. Und nur eine Geschichte von vielen, die die Erzieherin in der Kita A13 inzwischen kennt. In etlichen Familien wird immer noch geprügelt, eine Ohrfeige nicht als Gewalt, sondern als bewährtes Erziehungsmittel angesehen.
Gewalt gegen Kinder ist seit 2000 gesetzlich verboten. "Aber danach ändert sich ja nichts von allein", sagt Katrin Hentze vom Kinderschutzbund Berlin (KSB), dem Träger der Kita A13. Seit Jahren bietet der KSB den Kurs "Starke Eltern – Starke Kinder®" an, um die Eltern bei der Erziehung zu unterstützen und zu beraten, ihnen Wege der gewaltlosen Erziehung zu zeigen. In dem Kurs geht es um das Selbstvertrauen von Eltern und Kindern, darum, dass Eltern keine perfekten Übermenschen sind und Kinder kein Besitz, dass starke Eltern auch ihre Kinder stark machen, damit die lernen können, selbst Probleme zu lösen. Es geht um Vertrauen, Zuhören, Ernstnehmen, um klare Kommunikation und das Setzen von Grenzen.
Seit zwei Jahren gibt es den Kurs auch auf Türkisch. Aus dem Quartiersfonds des QM Pankstraße wurde die Übertragung, die mehr war als eine bloße Übersetzung, gefördert. Dafür wurde der KSB jetzt mit dem Kinderschutzpreis der HanseMerkur-Versicherung ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld werden weitere LeiterInnen für Kurse auf Deutsch und auf Türkisch geschult, denn die Nachfrage ist hoch. Dreizehn weibliche und vier männliche TrainerInnen gibt es bereits, als besonders erfolgreich haben sich Kurse mit zwei LeiterInnen erwiesen: männlichen und weiblichen.
Doch zu den türkischsprachigen Kursen kommen bislang fast ausschließlich Mütter. "Viele suchten anfangs nur fertige Lösungsrezepte für ihre Probleme", sagt Mükerrem Demirkan. Es ist ein Erfolg, wenn die Frauen verstehen: Lösungen findet man in der Kommunikation miteinander, im Austausch. "Viele türkische Frauen stammen aus ländlichen Gegenden, sie werden durch Heirat hierher geholt und fühlen sich fremd und verunsichert. Sie haben Angst, dass ihre Kinder ihnen entfremdet werden, dass die deutsche Gesellschaft schlechten Einfluss ausübt. Sie haben aber auch Angst, sich mit ihrer traditionell geprägten Kultur und ihren Sitten lächerlich zu machen und nicht akzeptiert zu werden." Deswegen würden die Mütter nicht an einem Elternkurs mit einer deutschen Kursleiterin und deutschen Eltern teilnehmen, sagt Mükerrem Demirkan. Bei ihr lernen sie, dass Strafmethoden wie zu Bett gehen oder drei Seiten zusätzlich lesen zu müssen eher nach hinten losgehen und dass ein Kind kaum zu maßvollem Fernsehkonsum oder zu Ehrlichkeit zu bewegen ist, wenn die Mutter selbst den Fernseher von morgens bis abends laufen lässt oder lügt. Sie lernen, dass es kein guter Kompromiss ist, die Tochter zwar zum Schwimmunterricht gehen zu lassen, aber nur im T-Shirt. Mükerrem Demirkan erzählt dann gern von dem berühmten Foto der Schauspielerin Bo Derek im nassen Hemd. Und fragt die Mütter, ob sie sich vorstellen können, wie die Tochter sich fühlen würde. "Ich arbeite immer mit konkreten Beispielen, möglichst mit krassen."
In den zwei Jahren hat es bislang nur ein Vater in ihren Kurs geschafft. "Die Väter haben meist kein Interesse oder lehnen das sogar ab." Viele Frauen dürften ohne die Erlaubnis ihrer Männer gar nicht kommen. Manchen Frauen wurde die weitere Teilnahme verboten, andere Männer verfolgen misstrauisch bis neugierig das Geschehen. Denn die Mütter werden in dem Kurs auch selbst stärker und selbstbewusster und lernen, sich besser durchzusetzen. Das ist ungewohnt. Und hier und da auch unerwünscht. Doch manchmal interessieren sich dann auch die Väter für die Inhalte und sprechen mit ihren Frauen über die Wochenaufgaben.
Es kommt auch vor, dass Frauen selber das Handtuch werfen. Wenn sie zu viele Probleme haben, wenn sie selbst geprügelt werden und durch den Kurs merken, wie viel schief läuft in ihrem Leben, verlieren sie den Mut, kapitulieren. Es müsste sich so vieles ändern, und dem fühlen sich diese Frauen nicht gewachsen. "Sogar manche älteren Söhne haben mehr Macht als ihre Mütter", sagt Mükerrem Demirkan.
Doch insgesamt sind Erfahrungen meist positiv. Inzwischen wurden bereits neun Kurse auf Türkisch durchgeführt. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen zeigen, dass viele sich selbstbewusster und sicherer fühlen, gelassener und klarer in der Erziehung, und sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen.
Kontakt vermittelt das Quartiersbüro, Tel: 030-74746347






