Vortrag im Dezember 2003: Schulen in Finnland - sind sie so erfolgreich wie ihr Ruf?

Kinder sind wie Blumen: sie brauchen guten Boden zum wachsen. Frau Jauhiainen ist der Überzeugung, daß Kinder im Wedding die gleiche Intelligenz und die gleichen Fähigkeiten haben wie Kinder in Finnland.

Zur Einstimmung in das Thema wurde zunächst ein Film über nordische Schulen gezeigt, anschließend trug die Referentin die Schwerpunkte des finnischen Schulsystems vor.
Eltern, Lehrerinnen und Lehrer konnten an diesem Abend über die Schule und das Lernen in der Gemeinschaft mit unterschiedlichen Erfahrungen, Nationalitäten und kulturellen Besonderheiten diskutieren.

Kati Jauhiainen, Diplom-Pädagogin, ist 300 km unter dem Polarkreis in Finnland aufgewachsen und lebt gern in ihrer Wahlheimat Berlin. Sie ist seit zwanzig Jahren in der Erwachsenenbildung tätig. Seit Veröffentlichung der PISA-Studie wird sie in alten und neuen Bundesländern, von Schulen, Schulämtern, BildungspolitikerInnen und ElternvertreterInnen zu Vorträgen, Seminaren und Podiumsdiskussionen eingeladen. Als allein erziehende Mutter einer schulpflichtigen Tochter ist ihr der Berliner Schulalltag sehr vertraut.
Der Vortrag wurde unterstützt durch das Quartiersmanagement Pankstraße.

Hier der Text:


In Finnland wird das "Kindsein" auch während der Schulzeit gefördert. Das ganzheitliche Lernen ist Selbstverständnis, das in den Schulen umgesetzt wird. Ein Kind geht in die Schule als "ganzer Mensch" mit seinen psychischen und körperlichen Bedürfnissen und Belangen. Seit Anfang letzten Jahres ist diese Ansicht auch gesetzlich geregelt: Erziehung hat Vorrang vor der Lehre. Eine Konsequenz davon ist, daß Fachlehrer der Gemeinschaftsschulen und der gymnasialen Oberstufen sich in Erziehungswissenschaften und Psychologie weiterbilden müssen.
 
Rahmenbedingungen
Die finnischen Regelschulen sind Gemeinschaftsschulen, in denen alle Kinder ab dem siebten Lebensjahr, neun Jahre lang in einem heterogenen Klassenverband unterrichtet werden. Der Unterricht ohne Leistungsdifferenzierung ist eine ständige Herausforderung für Lehrerinnen, Lehrer und für die gesamte Schulorganisation. Er bietet aber den Schülerinnen und Schülern die Sicherheit, erst als 15 - 16-jährige endgültig entscheiden müssen, ob sie Abitur machen oder einen Beruf in einer Fachschule erlernen wollen. Das Schulsystem ist so aufgebaut, daß mehrere Wege bis zur Hochschulreife führen und Teile der Abschlußprüfungen beliebig oft wiederholt werden können. Die zehnte Klasse nach der Regelschule ermöglicht den spätmotivierten SchülerInnen genau so wie den langsameren, den versäumten Stoff oder das Lernen für ein bestimmtes Berufsziel nachzuholen. Der Erfolg des Schulsystems wird von der Statistik belegt: Im Jahre 2000 haben in Finnland 83,2% der 20- bis 24-jährigen und 84% der 25- bis 29-jährigen einen Abschluß entsprechend dem Niveau einer Fachhochschule oder Universität erreicht.
 
Die Schule wird für die Schülerinnen und Schüler vorbereitet
Die Verpflichtung der Gemeinschaftsschulen, alle Schülerinnen und Schüler aufzunehmen und neun Jahre lang zu fördern, hat dazu geführt, daß Lehrerinnen und Lehrer Diagnosen stellen, wie dem Kind schon möglichst früh geholfen werden kann, um die Lernziele der Schule zu erreichen. Schon vor dem Schulanfang erkundigen sich Lehrerinnen, Lehrer, Sonderpädagoginnen oder Sonderpädagogen, welche Kinder mit welchem häuslichen Hintergrund oder besonderen Problemen eingeschult werden. In Gemeinschaftschulen gibt es Sondergruppen für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Auffälligkeiten (z. B. Entwicklungsstörungen, geistige und körperliche Defizite, etc.). Fachleute der Schulen, nämlich SchulsozialpädagogInnen (KuratorInnen), ÄrztInnen, PsychologInnen, GesundheitsfürsorgerInnen und SchulhelferInnen nehmen an den Beratungen teil, bei denen die besonderen Hilfemaßnahmen erörtert werden. Hauptziel ist, auch ein behindertes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend zu fördern soviel wie möglich am normalen Unterricht teilnehmen zu lassen. Für SchülerInnen mit ausländischer Herkunft gibt es besondere Fördergruppen (ein bis zwei Jahre lang). Erst dann, wenn sie die finnische Sprache ausreichend können, werden sie in den normalen Unterricht integriert. In Finnland gilt eine einfache und eindeutige Regelung: alle Schülerinnen und Schüler müssen Finnisch lernen und erhalten zwei Stunden pro Woche Unterricht in der eigenen Muttersprache. In der Stadt Helsinki werden 41 verschiedene Sprachen unterrichtet.
 
 
 
Das Wohlbefinden als Voraussetzung für das ganzheitliches Lernen
Die Kinder werden mit sieben Jahren eingeschult. Vor der Einschulung gibt es kein gezieltes Training in den Schulfächern im Kindergarten oder der Vorschule. ABC und Einmaleins sind immer noch Aufgabe der Schule. Dafür wird in der vorschulischen Erziehung auf das körperliche und geistige Wohlbefinden, soziale Kompetenzen und Förderung der eigenen persönlichen Entwicklung und Kreativität besonders geachtet. Sie sind die Grundvoraussetzungen für ganzheitliches Lernen, das in der Gemeinschaftsschule fortgesetzt wird.
Lange Pausen zwischen den Schulstunden ermöglichen natürliche Bewegung auf dem Schulhof und Erholung von der geistigen Anstrengung. Das gemeinsame Mittagessen – gesunde Kost, das ein Drittel von dem täglichen Nahrungsbedarf eines Kindes decken soll – ist für die Kinder, deren Eltern außer Haus sehr beschäftigt sind, oft die einzige ausgewogene Mahlzeit am Tag. Das körperliche und psychische Wohlbefinden der SchülerInnen und Schüler ist auch das Zentralthema der Arbeitsgruppe, die in den meisten Schulen einmal wöchentlich tagt. Unter der Leitung des Schulrektors beraten KuratorIn, PsychologIn, Schulgesundheitsfürsorge, die SonderpädagogInnen und abwechselnd die zuständigen KlassenlehrerInnen, wie akute Probleme der Schülerinnen und Schüler am besten zu lösen sind.
KuratorInnen und SchulsozialarbeiterInnen gehören schon seit zwanzig Jahren zum Schulteam, eine Schulkrankenschwester steht den halben Tag lang zu Verfügung und eine ÄrztIn hält regelmäßig Sprechstunden in der Schule ab. Seit zwei Jahren hat jede Gemeinschaftsschule in Helsinki mindestens zwei Tage in der Woche eine(n) SchulpsychologIn zur Verfügung.
 
Das Geheimnis der Lesekompetenz finnischer Schülerinnen und Schüler
In Finnland wird viel gelesen: 80 kg Zeitungen pro Einwohner. Bibliotheken werden 12,5 mal jährlich pro Einwohner besucht. 20 Bücher werden pro Jahr pro Einwohner ausgeliehen.
Das ist kein Zufall. Fast jede Schule hat eine eigene Bibliothek oder eine öffentliche Bücherei befindet sich in der Nähe. Die Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken und Schulen ist ein Teil des Schulsystems. Kinder werden ständig zum Lesen ermutigt. Schülerinnen und Schüler bringen auch ihre Privatbücher mit zur Schule. Sie können während des Unterrichts vorgestellt werden. Wenn alle Arbeiten, die während des Unterrichts zu verrichten sind, erledigt wurden, können auch die eigenen Bücher gelesen werden. Darüber hinaus werden gemeinsame Lesetage oder -stunden veranstaltet, in denen jede® für sich allein liest. Dabei wird nicht geprüft, was gelesen wird.
Ein Beispiel:
Ich besuchte im September 2003 eine Gemeinschaftsschule in Helsinki. Sofort in der Eingangshalle fiel mir die Bibliothek mit ihren Glaswänden auf, die sehr einladend mit ihren vielen bunten Büchern wirkte. Ein Mittelpunkt der Schule, den die Schülerinnen und Schüler beliebig benutzen können. Der Rektor erzählte, daß auch DichterInnen und SchriftstellerInnen zu Lesungen in die Schule einladen werden, damit die Schülerinnen, Schüler und ihre Eltern eine lebensnahe Begegnung mit Literatur haben können.
Ein weiteres Beispiel:
Zweimal im Jahr gibt es in den Schulen ein "Buch- und Bonbontag". Kaufleute der Umgebung spenden Süßigkeiten, die in dem Moment in den Mund gesteckt werden, in dem der Rektor durch den Lautsprecher alle 550 Schüler auffordert, ihre Lieblingsbücher aufzuschlagen und eine Stunde lang das Lesen mit dem süßen Geschmack einfach zu genießen. 
  
Evaluation statt Schulaufsicht
Bei der Betrachtung der finnischen Schulkultur wird mir das alte Sprichwort: "gut geplant, ist halb gewonnen", deutlich. Es wird auf allen Ebenen des Schulwesens evaluiert.
Jede Schule wertet durch Befragungen jährlich für sich aus, ob die gesteckten Ziele in einzelnen Fächern erreicht wurden und ob das körperliche und psychische Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und des gesamten Personals gut ist. Die Eltern werden ebenfalls in die Befragung mit einbezogen. Die Ergebnisse finden bei der Planung des nächsten Schuljahres Berücksichtigung.
Das Zentralamt für Unterrichtswesen untersucht im ganzen Lande:
Jedes zweite Jahr die Lesekompetenz, den Gesundheitszustand und das Wohlbefindenden der Schülerinnen und Schüler. Jedes vierte Jahr die Erfolge des Mathematikunterrichts.
Auch das Schuldezernat in Helsinki prüft jedes Jahr, wie es seine Dienste verbessern kann.
Die Ergebnisse aller Befragungen dienen allein der Verbesserung der Qualität der Schulen. Öffentliche Ranglisten der einzelnen Schulen oder Kommunen wären in Finnland undenkbar. Die Schulen können ihre Ergebnisse nach dem finnischen Landesdurchschnitt messen und daraus ihre Schlußfolgerungen beziehen. Die Untersuchungen sind weitgehender als die Pisa-Studie, weil dabei auch die Schülerinnen und Schüler ihre Leistungen und Fähigkeiten selbst einschätzen und die Qualität des Unterrichts geprüft wird.
 
Die Schülerinnen und Schüler sind selbst ihre besten SchulmeisterInnen
Erst ab der siebten Klasse ist die Benotung der SchülerInnen Pflicht in Finnland. Vor der siebten Klasse können Lehrerinnen und Lehrer selbst entscheiden, wie sie ihren SchülerInnen vermitteln wollen, auf welchem schulischen Leistungsniveau sie sich befinden. Für die Lehrerinnen, Lehrer und für die Schule bilden drei Fragen die Grundlage, egal ob sie die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler benoten oder schriftlich darstellen:
1. Sind die vorgenommene Ziele im Unterricht erreicht?
2. Haben die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen vertieft und verstehen sie die Zusammenhänge?
3. Kritische Betrachtung: Ist das Leistungsniveau angemessen? Sinnvoll? Wem nützt der Unterricht am meisten? u.a.
Die Beurteilung soll immer analytisch und informierend sein. Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, was sie lernen und warum sie lernen, wie sie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt haben und wie sie sie aktiv anwenden können. Die Kinder lernen schon in der ersten Klasse ihre eigenen Lernprozesse selbst einzuschätzen. Ziel der Selbsteinschätzung ist, das eigene Leistungsniveau realistisch zu betrachten, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken, weiterzuentwickeln und zu erfahren, inwieweit die eigene Arbeitsleistung die Ergebnisse beeinflußt.
Es gibt sehr unterschiedliche Methoden zur Selbstbeurteilung der Schülerinnen und Schüler. Auch in diesem Fall können die LehrerInnen selbst auswählen, ob sie Portfolien, Lerntagebücher, Fragebögen, Einzelgespräche, formlose schriftliche Beurteilung oder mehrere Methoden gleichzeitig benutzen. Die Eltern sind in den Auswertungen der Selbsteinschätzungen ihrer Kindern beteiligt.
 
Voneinander miteinander lernen
In finnischen Schulen arbeiten mehrere Berufsgruppen zusammen. Seit dem einheitlichen Schulsystem gehören mindestens zwei SonderpädagogInnen zum Kollegium. Auf die KuratorInnen, besonders in der Gegend von Helsinki, möchte keiner mehr verzichten. Durch die zunehmende Integration der geistig und körperlich behinderten Kinder in den Regelschulen (die Sonderschulen sind aufgelöst) ist eine neue Berufsgruppe entstanden: SchulassistentInnen. Grundvoraussetzung ist ein erfolgreicher Abschluß in der Gemeinschaftsschule. In Praxis sind die meisten Schulassistenten Abiturienten oder haben unterschiedliche Berufserfahrungen im erzieherischen oder pflegerischen Bereich. Die Ausbildung zur SchulassistentIn dauert ein Jahr. Sie ist entweder berufsbegleitend oder wird in der Berufsschule absolviert. In Helsinki arbeiten, je nach Größe der SchülerInnengruppe und je nach Grad der Behinderung, 1 – 9 SchulassistentInnen in einer Schule.
Die SchülerInnen sind daran gewöhnt, wenn mehrere Personen mit ihren Arbeitsgruppen gleichzeitig in einem Raum arbeiten. Auch für LehrerInnen ist wichtig, einen regelmäßigen kollegialen Austausch zu haben.
Selbstverständlich gehören auch Küchenpersonal und Hausmeister zum Arbeitsteam und sind ebenfalls gleichberechtigt für die Erziehung der Schülerinnen und Schüler zuständig. Jeder Erwachsene in der Schule ist ein Vorbild für die Kinder. Wenn Erwachsene Kinder respektieren, werden auch sie von den Kindern respektiert.
Beispiele:
Zum Schulanfang versammeln sich alle MitarbeiterInnen und SchülerInnen in der Aula der Schule. Der Schulleiter stellt die MitarbeiterInnen vor: "Wir alle 60 Erwachsenen sind eure Bezugspersonen hier in der Schule".
Mir fiel auch auf, daß derselbe Schulleiter den Kindern oft die Tür öffnete und die Kinder bedankten sich höflich.
Wenn ein Gast in die Klasse kam, standen die Kinder auf und begrüßten freundlich.
In Finnland ist allgemein üblich, nur mit Hauschuhen oder Socken die Klassenräume zu betreten. Für Sauberkeit in ihrer Umgebung sind die Schülerinnen und Schüler zuständig. Für Gemütlichkeit in der Schule sorgen viele Grünpflanzen, für deren Pflege die SchülerInnen ebenfalls mitverantwortlich sind. In der siebten Klasse in der Hauswirtschaftslehre machen die Schüler bei den Reinigungskräften ihrer Schule ein Praktikum. Neben dem umweltbewußten Reinigen lernen sie auch die Arbeit der Reinigungskräften zu respektieren.
 
Finanzen und Fazit
Deutsche und finnische Schulen haben aber auch etwas gemeinsam: Sparen auf allen Ebenen.
Das Geld ist knapp und staatliche Hilfen sind begrenzt. Der finnische Staat fordert von reichen Kommunen eine höhere Beteiligung als von ärmeren, um die gute Qualität des Schulunterrichts überall zu gewährleisten.
Die Bezahlung finnischer LehrerInnen beträgt in etwa die Hälfte dessen, was deutsche KollegInnen verdienen. Darüber herrscht Unzufriedenheit.
Viele Lehrerinnen und Lehrer sind auch deswegen unzufrieden, weil 16% der Schülerinnen und Schüler es nicht schaffen, den weitergehenden Schulabschluß zu erreichen, um an Fachhochschulen oder Universitäten zu studieren.
In einer Sache sind sich jedoch alle Finnen einig: das existierende Schulsystem soll weitergeführt werden.
Und mein Beitrag zeigt auch, daß es in finnischen Schulen vieles gibt, was Kreativität und Anstrengung von allen am Schulalltag beteiligten Menschen fordert, aber nicht unbedingt besonders viel Geld.

                                                                                                                                 Kati Jauhiainen

QM