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Freitag, 04.11.2016

Was tun gegen die Ratten?

Offene Themenwerkstatt des Projektes „Sicher und sauber spielen im Kiez“

Angenehme Gesprächsatmosphäre
Interessante Diskussionen
Einer der Teilnehmer: Thorsten Haas
Erfahrungsaustausch unter Experten
Gastreferent Ralf Koehnlein von Fixpunkt
Veranstalter Jonas Flötotto und Meryem Korun

Sie sind klein und braun-grau, haben einen nackten Schwanz und sie sind Nagetiere. Viele Menschen empfinden einen unüberwindbaren Ekel, wenn sie sie sehen: Ratten. Ihrer Bekämpfung widmete sich eine kleine, aber sehr informative Themenwerkstatt, die ein wenig unfreiwillig zu einem Erfahrungsaustausch unter Experten wurde. Die Projektverantwortlichen von „Sicher und sauber spielen im Kiez“, Meryem Korun und Jonas Flötotto vom himmelbeet, haben am 20. Oktober um 10 Uhr in den Veranstaltungsraum des Quartiersmanagements geladen. Leider war die Beteiligung aus dem Kiez gering, was sicher auch an der ungewöhnlichen Uhrzeit an einem Wochentag liegen mag. Allerdings erhielten somit die Stimmen der Experten mehr Gewicht und wer wollte, konnte richtig etwas mitnehmen aus diesen zwei Stunden. Im zweiten Teil der Werkstatt ging es dann um Konsumrückstände von Drogennutzern auf Spielplätzen und wie man damit umgehen sollte. Davon später.


Das Projekt "Sauberkeit auf Spielplätzen" ist im August 2015 angetreten, das Müllaufkommen auf den Kiez-Spielplätzen zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten die himmelbeet-Mitarbeiter (himmelbeet gGmbH ist Projektträger) daran, Kids und Eltern für das Thema zu sensibilisieren. Gewünscht ist eigenverantwortliches Handeln, das die Projektkollegen den Bewohnerinnen und Bewohnern vorleben. Als eine Schlüsselmaßnahme dabei sieht das Team die Gewinnung von Spielplatzpaten, die sich vor Ort für das Thema stark machen.

Bis zum Projektende im Dezember 2017 haben sich die Kollegen viel vorgenommen. Im Jahr 2015 ging die Arbeit für das Team mit einer Bestandsaufnahme los. Wie ist der Zustand der Spielplätze in unserem Kiez? Was läuft schon gut und was muss noch besser werden? – Dies waren die Fragestellungen, die auch mit Hilfe von Experten beantwortet werden sollten. Das Jahr 2016 nun ist mehr von praktischen Aktionen geprägt. Ein mobiles "Beet namens Wander" war der Held mehrerer Spielplatz-Events, das Projekt entwickelte eine neue Website und die "Müllheldenplakate" wurden gestaltet. Darüber hinaus gab es zwei Themenwerkstätten - von denen eine nun Gegenstand dieses Artikels ist.


Das Rattenproblem ist im Kiez vor allem rings um den Leo unvermindert aktuell. Zwar gibt es keinerlei Zahlen zur Entwicklung der Rattenpopulation in Berlin – wie auch. Aber ein Hinweis auf die Bedeutung ist zum Beispiel, dass sich die Zahl der Sperrungen von Spielplätzen aufgrund von Rattensichtungen erhöht habe. Und auch die Spielplätze werden heute stärker und intensiver genutzt als früher, nicht zuletzt dank der aufwändigen Neugestaltung aller Spielplätze unter Bürgerbeteiligung bei uns im Kiez. Und natürlich auch weil es einfach mehr Kinder gibt. Und mehr Kinder bedeuten mehr Betreuungspersonen auf den Spielplätzen, die wiederum mehr Müll hinterlassen, der als Futter für die scheuen Nager dient.


Allgemein kann gesagt werden, dass es viele Faktoren gibt, die Einfluss auf die Entwicklung der Rattenpopulation haben. Dazu gehören zum Beispiel der zur Verfügung stehende Platz, Nahrung, die für die Ratten erreichbar ist, die Intensität der Bekämpfungsmaßnahmen und der Pflegezustand der öffentlichen Flächen. Verändere sich nun einer dieser Faktoren, so führt Jonas Flötotto aus, kann das die Anzahl der Ratten leicht beeinflussen. Aber auch die Bekämpfung der Ratten sei komplex, Ratten sind schlau. So wird zum Beispiel davon abgeraten, während einer Bekämpfungsmaßnahme weitere Veränderungen auf dem Areal vorzunehmen. Dies vertreibe die ansässigen Ratten und die Bekämpfung läuft ins Leere. Auch eine zu starke Dezimierung der Population sei von Nachteil. Ein rattenfreier Raum entwickele Sogwirkung auf die Nachbarratten, die dann in Scharen das freie Gebiet besiedeln. Ohnehin sei eine rattenfreie Stadt kein Ideal, da schlichtweg unerreichbar, meint Meryem Korun.


Als ein wichtiger Faktor in der Thematik wurde die Konstruktion der Müllbehälter auf Spielplätzen, aber auch auf großen öffentlichen Plätzen ausgemacht. Die Standardmüllbehälter der BSR sind im Prinzip sehr gut, das Problem ist allerdings, dass sich das Konsumverhalten der Menschen im öffentlichen Raum geändert hat. So ist es inzwischen üblich, dass man im Freien isst und trinkt, oft gemeinsam und oft Pizza. Wirft man nun einen leeren Pizzakarton in einen Standard-BSR-Behälter, so ist dieser voll. Als Konsequenz wird dann oft Müll neben den Müllbehältern platziert, der potenzielle Nahrung für Schädlinge ist. Im Prinzip, da ist sich die Runde einig, sei die flächendeckende Aufstellung des Standardmodells (oranger Behälter z.B. an Laternenmasten) sinnvoll, hinzu müssten aber an Müll-Hotspots wie z.B. dem Leopoldplatz voluminösere Abfallsysteme kommen, die gerade im Sommerwochenenden das erhöhte Müllaufkommen stemmen können. Beispielhaft seien hier die Systeme im Mauerpark und am Alexanderplatz, die unterirdische Sammelbehälter haben und dadurch sehr leistungsfähig seien. Allerdings ist die Anschaffung bei Systemen dieser Art deutlich teurer.


Für Kampagnen zur Beseitigung von Missständen im öffentlichen Raum gibt es die 3-A-Theorie. Aufklären – Aufräumen – Ahnden, so Theoretiker und Praktiker des Betriebs, seien die Grundpfeiler für einen Erfolg. Das Projekt „Sicher und sauber spielen im Kiez“ sieht seine Aufgaben vor allem im Präventionsbereich, also beim ersten A. So wird in nächster Zeit eine Kampagne mit den Kindern der Erika-Mann-Grundschule erarbeitet. Hinweisschilder werden auf den Spielplätzen dazu auffordern, generell Verschmutzung zu vermeiden. Dabei soll nicht mit dem erhobenen Zeigefinger argumentiert, sondern es sollen positive Anreize gesetzt werden, die vorhandenen Mülleimer besser zu nutzen.


Das Projekt appelliert mit seinen Aktionen vor allem an die Vernunft der Spielplatznutzer. Und versorgt sie mit dem dazu nötigen Handwerkszeug – in Form der „Spielplatzfegertaschen“, die zunächst auf zwei Spielplätzen in der Adolfstraße und am Maxplatz Werkzeuge zur eigeninitiativen Reinigung der Flächen enthalten. Sollten diese sich bewähren, ist mit einer weiteren Verbreitung im QM-Gebiet zu rechnen.


Eher skurril anmutende Lösungen wie die Ansiedlung von Eulen auf dem Leopoldplatz, auf deren Speisezettel die Ratte einen Ehrenplatz hat, sind wohl eher nicht praxistauglich, zum Beispiel auch deswegen, weil die meisten Eulen auch vor Katzen nicht Halt machen, wenn ihnen der (Geschmacks-)Sinn danach steht. Weit tauglicher nach Meinung der Teilnehmer könnte dagegen eine Umlage auf mobile Speise- und Getränkeverpackungen sein, mit deren Erlös der Müllproblematik in den Städten zu Leibe gerückt werden soll. Aber dies ist Zukunfts-, wenn nicht gar Wunschmusik.


Interessant ist auch, was die Insider der Grünflächenschutz-Szene über die Probleme des Grünflächenamtes zu berichten wissen. So fehle es diesem in einigen Bereichen – etwa bei der privaten Pflege von Baumscheiben oder der Errichtung von Hochbeeten im öffentlichen Raum – schlichtweg an Richtlinien, wie sie entsprechenden Bewohneranfragen begegnen sollen. Somit entsteht für die dortigen Beamten eine rechtliche Grauzone, in der sie mit Eigeninterpretationen der Rechtslage hantieren müssen. Hier sind sich die Anwesenden einig, dass entsprechende Gesetze dringend erforderlich sind und man hofft auf den neuen Senat, der bald seine Arbeit aufnehmen wird.


Als externer Referent ist Ralf Köhnlein von Fixpunkt eingeladen. Sein Thema an diesem Vormittag ist der Umgang mit Konsumrückständen von Drogenabhängigen. Fixpunkt wendet sich an illegale Drogen gebrauchende Menschen und bietet akzeptierende und vorurteilsfreie Drogenhilfe und Gesundheitsförderung an, wie es auf der Website heißt. Köhnlein beschäftigt sich unter anderem damit, was Menschen tun sollten, die auf Rückstände von Drogenkonsum in öffentlichen Grünanlagen treffen. Auch in unserem Kiez werden illegale Drogen konsumiert und es verbleiben Hinterlassenschaften dieses Konsums, auch auf Spielplätzen. Der Referent empfiehlt, solche Objekte – seien es Spritzen, Kanülen, aufgeschnittene Coladosen oder blutige Tupfer – gut geschützt zu entsorgen. Unbedingt rät er davon ab, die Spritzen wieder mit den daneben liegenden Kappen zu verschließen, zu groß sei die Gefahr einer unbeabsichtigten Stichverletzung dabei. Sollte sich allerdings tatsächlich eine Stichverletzung ergeben, ist ein Besuch beim Arzt unerlässlich.


Fixpunkt arbeitet mit der Kampagne „Mein Konsum – mein Müll“ an einer Sensibilisierung der Drogennutzer, allerdings seien nicht alle damit zu erreichen. Wer sich wie viele stark Abhängige im Kreislauf von Geldbeschaffung und Konsum bewege, der habe für andere Fragen als seine Sucht keinerlei Aufmerksamkeit. Am gravierendsten sei die Ansteckungsgefahr mit Hepatitis C, mit der ca. 50% der Abhängigen infiziert seien. Sollte man Zeuge eines Drogenkonsums im öffentlichen Raum werden, empfiehlt Köhnlein, keinen Kontakt zu suchen.


Die Themenwerkstatt endet nach gut zweistündigem engagiertem Gespräch als vorletzter "großer" Termin des Projekts. Am 29. Oktober folgte als Abschluss der Open-Air-Saison das abfallarme Picknick im himmelbeet. Wir sind gespannt auf neue kreative Ideen im nächsten Jahr. Für ddie kommenden Aufgaben wünschen wir den Kollegen viel Erfolg!


In diesem Zusammenhang soll hier noch ein besonderer Tipp gegeben werden.Wer im öffentlichen Raum auf illegal entsorgten Sperrmüll aufmerksam wird, kann dies mit der Mobile-App "Ordnungsamt online" melden. Hier der Downloadlink. Mit dieser App können kostenfrei illegal entsorgter Müll, Lärmbelästigung und Störungen im ruhenden Verkehr (Falschparker) übermittelt werden. Eine umgehende Bearbeitung ist zugesichert und wohl auch die Regel.

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Text und Fotos: Johannes Hayner