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Dienstag, 08.03.2016

Was unser Kiez braucht …

Nachbarn diskutieren auf vier Projektwerkstätten des QM-Gebiets Pankstraße

Zu Beginn jeder Werkstatt wurde der Kiez vorgestellt
Bei der Projektwerkstatt Nachbarschaft
Anna Traub vom DRK Kiezzentrum Humboldthain
Man hört einander aufmerksam zu
Christa Sämisch (rechts) moderierte die Projektwerkstatt Nachbarschaft
BVV-Abgeordnete Maja Lasic diskutiert engagiert mit
Bei jeder Werkstatt entstand ein Live-Protokoll

Wer wie der Autor den Raum drei Minuten zu spät betritt, stutzt zunächst. Voll ist er ja immer, der Versammlungsraum des Quartiersmanagements (QM) Pankstraße in der Adolfstraße. Aber so lebendig wie heute wird dort nicht immer diskutiert. Na ja, ist ja auch selten Projektwerkstatt. Gerade sind die ersten vier Veranstaltungen dieser Art vorbei und somit Zeit, einmal kurz zurück zu blicken.

Projektwerkstatt – was ist das überhaupt? Viele aus dem Kiez werden sich sicher noch an die Quartierswerkstatt Anfang 2015 im Silent Green erinnern. Damals ging es im großen Kreis und in kleinen Arbeitsgruppen um Positionsbestimmungen in unserem Kiez und um Richtungsentscheidungen zu unterschiedlichen Themen. Es wurde viel diskutiert, viel entschieden, aber auch viel gelacht an diesem Tag. Die Ergebnisse des Tages flossen in das so genannte IHEK, das integrierte Handlungs- und Entwicklungskonzept, ein. Papier ist geduldig, ist man versucht zu sagen. In diesem Fall jedoch nicht. Denn nach einem knappen Jahr ging es nun darum, die erarbeitete Handlungsschwerpunkte in den vier Projektwerkstätten intensiver zu diskutieren, wie QM-Managerin Sükran Altunkaynak sagt. Dazu waren alle Bewohnerinnen und Bewohner, Vertreterinnen der lokalen Institutionen sowie Projektverantwortliche eingeladen, aus ihrer Sicht die Probleme und Entwicklungen im Kiez zu schildern. Was sind nun die Ergebnisse aus den einzelnen Runden?

Projektwerkstatt Arbeit und Wirtschaft

In den letzten Jahren wurde in Sitzungen zu diesem Thema viel über Leerstand bei Gewerberäumen gesprochen. Das hat sich inzwischen fast erledigt, die Gewerberäume im Kiez sind zum großen Teil vermietet.
Ein Problem bleibt die große Zahl an Spielhallen hier. Ein Gesetz, das demnächst dazu in Kraft tritt, soll Entlastung schaffen.

Der Pankekiez ist jung. Allerdings fehlen Ausbildungs-und Praktikumsplätze. Viele der ansässigen Gewerbebetriebe sind Familienbetriebe, deren Kapazitäten zumeist nicht ausreichen, um betriebliche Ausbildungsplätze zu garantieren. Deshalb wurde darüber nachgedacht, eine lokale beratende und vernetzende Stelle einzurichten. In Kooperation verschiedener handwerklicher Betriebe sollen so betriebliche Ausbildungsplätze geschaffen werden. Dieser Verbund, so die Vorstellung, müsste eine Koordinierungsstelle organisieren. Diese sollte den Überblick haben, was es an Potentialen und an Defiziten im Kiez gibt, wer welche Stärken hat und welche Kapazitäten noch aufgebaut werden müssen zur Unterstützung der Gewerbetreibenden. Denen wird somit die Konzeptionslast solcher Ausbildungsplätze ein wenig abgenommen. Für die konkrete Umsetzung gibt es noch keinen Plan, allerdings ist die Diskussion nun eröffnet …

Das QM-geförderte  Projekt „Unterstützung der Gewerberaumentwicklung“ ist ziemlich erfolgreich im Malplaquetkiez, im südlichen Bereich um den Nettelbeckplatz ist die Situation hingegen problematischer. Häufige Wechsel der Ladenbetreiber prägen hier die Szenerie. Hinzu kommt, dass das Stattbad geschlossen ist, was einige Kapazitäten aus dem Kiez zog. Nun gilt es zu hinterfragen, ob hier die Netzwerkbildung noch das richtige Ziel ist. Woran scheitert das Vorhaben? Sicher nicht am Engagement der Kollegen aus dem Projekt, die eine sehr kontinuierliche und engagierte Arbeit leisten. Trotzdem müssen die Ziele angepasst, Schwerpunkte anders gesetzt werden. Man dürfe hier keinem Traum hinterher rennen, der sich nicht realisieren lasse, so Katja Krüger vom QM-Team.

Und schließlich wurden noch verschiedene Ansätze diskutiert, um gegen die immer noch hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Erwachsenen vorzugehen.

Projektwerkstatt Bildung, Ausbildung, Jugend

Vor dem Hintergrund des 2016 startenden Jugendprojekts „Perspektiven für Jugendliche und junge Erwachsene“ rückt in Zukunft die frühkindliche Förderung und hier vor allem die Sprachförderung vermehrt in den Fokus der QM-Arbeit. Ein generelles Problem nicht nur in diesem Feld ist der Bedarf an Veranstaltungsräumen für verschiedenste Angebote, der nicht immer gedeckt werden kann. Deshalb kam aus der Runde die Anregung, Bildungs- und Nachbarschaftseinrichtungen für Angebote in der Nachbarschaft zu öffnen. Also zum Beispiel Klassenräume in den Schulen nach Unterrichtsschluss alternativ nutzen zu können. Eine Raumbörse für den Kiez könnte Angebote und Nachfrage zusammen führen.

Es ist ein alter Hut, der aber immer noch nicht abgelegt werden kann: Die unterentwickelte Sprachkompetenz vieler Jugendlicher führt zu Nachteilen bei der Ausbildungs- und Berufswahl. Zwar gibt es viele Angebote, aber die Frage ist, ob diese individuell genug sind. Gerade junge Menschen benötigen eine spezielle Ansprache, um sich für etwas begeistern zu können. Der immer wieder angeführte Hinweis, es gäbe doch Sprachlernangebote, diese müssten nur genutzt werden, führt vor diesem Hintergrund ins Leere. Wenn ein Problem so groß ist, dass es ganz viele weitere nach sich zieht – zum Beispiel Schulabbruch, Sucht, Arbeitslosigkeit – dann ist es alle Mühe wert, nach Alternativen zu suchen. Es herrschte Einigkeit: Die Sprachangebote müssen bedarfsorientierter, individuell und flexibler gestaltet sein, die Kids dort abgeholt werden, wo sie ohnehin sind. Warum also nicht beispielsweise das Training in einem Sportverein mit Sprachlernangeboten verknüpfen?! Im QM-Gebiet wohnen über 17.000 Einwohner. Aber es ist zu beobachten, dass die Bildungsstarken wegziehen, weil sie ihre Kinder nicht auf die Schulen im Kiez schicken wollen. Dadurch verschärft sich das Problem weiter.

Festzustellen ist, dass der Kita-Besuch auch bei der Einwohnerschaft mit nicht-deutschstämmigem Hintergrund längst die Regel ist. Die Situation hat sich nicht zuletzt durch Angebote von migrantisch geprägten Trägern verbessert. Dort gibt es den Vorteil, dass sich die Eltern auch ohne ausreichende Deutschkenntnisse gut über die Entwicklung ihrer Kinder informieren können. Allerdings: Die Qualität des Sprachunterrichts in den Kitas ist manchmal nicht ausreichend. Manche vermitteln sogar falsches Deutsch und diese Fehler sind später schwer zu eliminieren. Durch den rasanten Ausbau der Kitaplätze gibt es nicht genug qualifiziertes Personal, denn die Erzieher-Ausbildung hält nicht Schritt mit der Entwicklung.

Projektwerkstatt Öffentlicher Raum


Auch hier ist das als am dringlichsten identifizierte Problem ein altbekanntes: das empfundene Unsicherheitsgefühl von Bewohnerinnen und Bewohnern im Kiez. Gerade Frauen meiden Orte mit schlechter Beleuchtung oder zum Beispiel Grünanlagen, in denen die Sträucher nicht weit genug zurück geschnitten werden, sodass nicht einsehbare Bereiche entstehen. Besonders der Leopoldplatz wird als unsicher betrachtet. Hier halten sich unterschiedliche Gruppen wie Drogenabhängige, Dealer, Alkoholiker, Jugendgangs auf, die den Passanten einen Aufenthalt nicht gerade versüßen. Auch konsumierten die Fixer vermehrt in den umliegenden Häusern.

Thema Verkehr: In den letzten Wochen gab es in Berlin einige schwere Verkehrsunfälle mit zum Teil tödlichen Ausgang. Denn die Straßen werden nach wie vor nachts als Rennbahn für illegale Autorennen genutzt, Tempolimits dreist ignoriert. Auf der Projektwerkstatt wurde entsprechend der Wunsch nach mehr Kontrollen und mehr Polizeipräsenz geäußert. Auch für Radfahrer gibt es noch Nachholbedarf. So wurde der Ruf nach mehr und besseren Radwegen laut. Zudem ist die Radwegführung auf dem Nettelbeckplatz völlig unklar. Dies ist um so mehr unverständlich, weil die Radfahrer gebündelt auf den Nettelbeckplatz geführt werden, dort aber keiner weiß, wo die Radwege weiter gehen. Hier soll auf Verbesserung hingearbeitet werden.


Projektwerkstatt Nachbarschaft


Gut zwanzig Leute kamen zu dieser Projektwerkstatt, um über das nachbarschaftliche Leben im Kiez zu diskutieren. Zunächst stellten die anwesenden Verantwortlichen für Nachbarschaftsprojekte ihre Angebote vor. Schnell wurde klar, dass das Vertrauen der Beteiligten in die Anbieter eine große Rolle dabei spielt, wie gut ein Angebot wahrgenommen wird. Je länger Angebote laufen, desto besser ist deren Annahme.
Gerade die Wiesenburg hat sich dort durch ihre jahrzehntelange kontinuierliche Arbeit im Bildungs- und Kulturbereich große Akzeptanz verschafft. Hinzu kommt, dass die Beziehungen etwa durch gemeinsame Sommerfeste mit Lehrern der Partnerschulen gepflegt werden. Diese vorhandene Struktur ist es wert, weiter ausgebaut zu werden und nachhaltig für das Quartier zu sichern.

Die Teilnehmer stimmten generell darin überein, dass mit öffentlichen Geldern keine Konkurrenzangebote zu bestehenden Angeboten wie z.B. der Volkshochschule oder anderer Projekte entstehen sollten. So verzichtet der DRK Nachbarschaftsladen zum Beispiel bewusst auf Angebote für Kinder und Jugendliche, weil es bereits andere Angebote im Haus für diese Zielgruppe gibt, und auf Angebote für Senioren. Diese fänden im nahen Haus Bottrop eine breite Palette unterschiedlichster Aktivitäten. Auch das Kiezcafé wird nicht forciert, um die umliegenden Caféhäuser nicht zu schwächen.

Als durchgängiges Problem für alle wurde bezeichnet, dass die Einrichtungen und Projekte zumeist nur dieselben Personen(kreise) erreichen. Deshalb sei die gezielte Ansprache von Schlüsselpersonen sinnvoll, die in ihre Netzwerke hinein kommunizieren. Hier wurde auch die Bürgerredaktion mit der Stadtteilzeitung Panker65 um Unterstützung bei der Mobilisierung von Zielgruppen gebeten.

Carsten Schulz brachte noch einen interessanter Aspekt zur Sprache. So habe sich die Wahrnehmung von Schule in den letzten Jahren stark gewandelt. Vor 8 bis 10 Jahren wäre bei Runden wie dieser als erstes immer die Frage gekommen, was die Schulen beitragen (können). Bei der heutigen Veranstaltung wurde Schule erstmals nach über einer Stunde Diskussion erwähnt. Offensichtlich hat sich der Kiez ein wenig von seinen Schulen emanzipiert.

Und schließlich gab es noch eine ganz konkrete Anregung aus dem Kreis der Diskutierenden. Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrung dieses Abends wurde angeregt, regelmäßige Netzwerktreffen zu nachbarschaftlichen Themen des Kiezes zu veranstalten. Ein denkbarer Rhythmus dafür wäre 3-monatlich. Sükran Altunkaynak kündigte für das QM an, bei diesen offenen Treffen Organisation, Raum und Moderation stellen sowie dazu einladen zu können. Die Themen für die Diskussion brächten die Teilnehmer mit. Die Hoffnung ist, dass die Träger aus dem Kiez die Veranstaltung nach einer Anlaufphase weiterführen – ähnlich dem Frauenfrühstück oder Gymnastik- und Bewegungskursen, die das QM einstmals initiiert hat. Heute laufen viele dieser Angebote weiter unter dem Dach autarker Träger. Das Oberthema dieser Netzwerktreffen könnte Nachbarschaft und Kultur im Quartier sein.
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Soweit die Zusammenfassung der Projektwerkstätten. Wie empfindet das QM die Veranstaltungen, sind sie zufrieden? Ja, sie sind von der Beteiligung wieder positiv überrascht, bis auf die Werkstatt Arbeit und Wirtschaft waren alle sehr gut besucht. Es gab viele neue Gesichter.

Hinzu kommt, dass es früher etwa in der Gerichtstraße keine nachbarschaftlichen Angebote gab. Heute gibt es mit Compass Mitte und dem DRK Nachbarschaftsladen gleich zwei. Diese greifen die Bewohnermeinungen ab und transportieren sie weiter. Somit übernähmen diese Einrichtungen eine Transmitter-Funktion für Bürgeranliegen. Diese Einrichtungen arbeiten stetig und an denselben Problemen, deshalb können sie Bedarfe eher identifizieren als das QM. In Zukunft könnten die angesprochenen Netzwerktreffen diese Rolle der Anwohnerbeteiligung mit übernehmen.

Die erste Runde der Projektwerkstätten kann also mit einem positiven Resümee abgeschlossen werden. Viele engagierte Stimmen äußerten sich zu vielen wichtigen Themen. Dabei konnten interessante und wichtige Ergebnisse und Anregungen erzielt werden. Der Kiez kommuniziert. Nun, dies ist in einer Zeit weit greifender Sprachlosigkeit mehr als nur ein Anfang.

Text und Fotos: Johannes Hayner