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Dienstag, 24. Oktober 2017 , 16:00 Uhr

Textildruck-Workshop

Donnerstag, 26. Oktober 2017 , 14:00 Uhr

Basteln mit Natur im Himmelbeet

Dienstag, 31. Oktober 2017 , 16:00 Uhr

Textildruck-Workshop

Donnerstag, 02. November 2017 , 14:00 Uhr

Basteln mit Natur im Himmelbeet

Freitag, 23.11.2012

Wedding Kulturfestival

So war das Wedding Kulturfestival 2012

22.9.

15:05 Albert-Gutzmann-Schule. Zwei Lehrer sind noch bei letzten Vorbereitungen für eine Ausstellung mit Schülerkunst. Ich bin der erste Besucher. Kunstlehrerin Steffi Ackermann geht mit mir zu zwei monumentalen Wandbildern, die sie im Projektunterricht entwickelt und realisiert hat. Unter der künstlerischen Anleitung des Graffiti-Künstlers Sebastian Koeplin. Die Schüler sind auf diese Werke besonders stolz. Ihr Lieblingsthema „Zukunft“ haben sie mit knalligen Farben in Szene gesetzt. Starke Symbole umkreisen eine Erdkugel und illustrieren Begriffe wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Toleranz, Umwelt, Liebe und Frieden.

16:20 Samstagnachmittag, PankeMusik am Nettelbeckplatz. Raptexte schallen über das Rund. Interessant, wie der junge Rapper Amek seine eigenen Lieder präsentiert. Der Platz ist gut gefüllt. Es ist spannend zu sehen, wie Rap gerade beim jüngeren Publikum ankommt. Nachdem ich mir das Programm für den restlichen Tag angeschaut habe, beschließe ich, abends zu Empty Satisfaction Rhythm zurückzukehren. Diese 3-Mann-Band spielt einen intensiven Rock. Ein Feierwütiger ist so begeistert von den Rocksounds, dass er die Bühne stürmt und die drei Jungs mit schiefen Gesängen und eigenwilligem Tanzschritt unterstützt. Schön zu sehen, dass solche Veranstaltungen mit unterschiedlichsten Künstlern kostenlos veranstaltet werden.

17:15 Stattbad Wedding. Alles bewegt sich in der Gerichtstraße in dieselbe Richtung. 1956 wurden hier „Die Halbstarken“ gedreht, heute leuchtet im leeren Schwimmerbecken ein Lichtschriftobjekt. Vor dem ausgedienten Hallenbad und heutigen „Haus für zeitgenössische Kultur und Kunst“ parken die szeneüblichen Fahrräder – alle in schwarz natürlich. Und ihre Besitzer schlürfen im Café die Milchsahne vom Latte Macchiato. Die Rentnergruppe im verlassenen Hallenbad oben im ersten Stock auf den Holzbänken hat schon lange keine Milchzähne mehr, aber ihre Erinnerungen sind noch jugendfrisch: Kichernd erzählen sie, wie heftig früher das Leben im Chlorwasserbecken tobte und was man sonst noch alles unter der Dusche trieb. Die Textbilder von Robert Montgomery hängen geduldig an den kahlen Wänden und warten auf Betrachter.

23.9.

12:45 Galerie Wedding. Müllerstraße 146/147. Direkt im Altbau des Rathauses. Ich wohne zwar seit vielen Jahren direkt um die Ecke, hab´s aber bisher noch nicht geschafft, hier vorbei zu gucken. Das WKF bietet den perfekten Einstieg! Unter dem Motto „Kunst und Interkultur“ gibt’s hier seit 2009 ein „Schaufenster der Kulturen“ mit Werken von Künstlern aus aller Welt mit einem Bezug zum Bezirk. Die Galerie ist bereits um diese frühe Stunde gut gefüllt. Zur WKF Sonderausstellung „Wedding – Kunst Pur!“ stellen 16 Künstler aus der Nachbarschaft aus, Künstler, die also im Wedding leben und arbeiten. Sie folgten einem Aufruf von Kuratorin Dr. Katia David und bewarben sich in einer Flut von Einsendungen. „Die Qualität der Arbeiten war sehr hoch. Die Auswahl fiel nicht leicht.“ Sie bietet ein weites Spektrum von der Videoinstallation über algenartige Körperstrukturen, die im Raum schweben bis hin zur Strichzeichnungen und handlichen Fotografien. Alles käuflich und alles irgendwie gesellschaftliche Statements, die es zu entschlüsseln gilt. Und – ganz pragmatisch – den beliebten Schlüssel zur Rathaus-Toilette gibt es hier auch.

13:15 Gleich nebenan, direkt vor dem Bürgeramt ist ein Laufsteg aufgebaut. Hier gibt es nachher eine Modenschau. „Um drei geht’s los!“ Da komm ich dann nochmal wieder. Bin gespannt.

13:20 Als ich mich gerade Richtung Hauptbühne aufmachen will (natürlich ist das Fahrrad das perfekte Kulturfestival-Verkehrsmittel), bleibe ich an auf den Boden gegafferten WKF–Plakaten mit Pfeilen hängen. Sie weisen zum versteckten Facharztzentrum Medico-Leopoldplatz (Müllerstr. 151). Wieder mal Kunst an einem „ungewöhnlichen Ort“, denke ich und bin skeptisch. Nach einem sehr netten Gespräch mit Ina Zukrigl-Schief, der Frau des Geschäftsführers, die mir das Konzept der Ausstellung näher bringt (ein Forum für Kunst an einem Ort, wo Leute warten und eventuell Zeit haben sich mit ihr zu beschäftigen) zieht es mich direkt in den Keller, in dem ich auf die quicklebendige italienische Künstlerin Cristina Pareschi stoße. Die Mailänderin arbeitet vorwiegend mit Kaffee-Filtertüten und kreiert daraus die verrücktesten Dinge, unter anderem einen lustigen Rock, den sie sich für diese Fotos direkt umschnürt.

13:40 Hauptbühne Leopoldplatz. Hier treffe ich die Organisatoren Susanne Birk und Katharina Gliege. Sie genießen die spätsommerliche Sonne in der ersten Reihe des kleinen Amphitheaters. Etwas erschöpft aber sichtlich glücklich über das positive Festival-Gelingen verfolgen sie die doch etwas abstrakte Bühnenperformance des „Blauen Ensembles“. Ich finde es spannend, dass viele Zuschauer, ich schließe mich da ein, im Festival mit Kunstformen konfrontiert werden, die einem vermutlich sonst verschossen geblieben wären. AAAAAARGH!

14:00 Enten auf der Panke – kennen wir. Aber heute kommt es auf dem Abschnitt zwischen Pank- und Gerichtstraße zum Enten-Stau! Der Verein Panke.info entwickelte mit dem Quietscheentchen-Rennen einen der Publikumsmagnete des diesjährigen Festivals. Noch kurz vor Beginn gehen die letzten Quietsche-Entchen für 5 Euro das Stück über den Verkaufstisch. Hunderte von Wettschwimmern und deren Eigentümer verstopfen den Gehweg, ein Vorbeikommen an der Menge ist gänzlich unmöglich. Jede der gekauften Enten ist mit einer Startnummer versehen, die manchen Teilnehmer bei der anschließenden Preisverleihung auf der PankeMusik Bühne auf dem Nettelbeckplatz zum glücklichen Gewinner macht. Vom Kurzurlaub in Dresden bis hin zur professionellen Massage – allein die Preise sind eine Teilnahme wert. Und der Erlös der verkauften Enten kommt dem Verein panke.info e.V. sowie dem Aufbau der Bürgerstiftung Wedding zu Gute.

14:20 Auf dem schönen dreieckigen Platz vor dem Büro des QM Pankstraße ist im Halbschatten ein offener Spieletisch aufgebaut. Hier kann man traditionellen Brettspielen wie Schach, Backgammon und Mühle  (oder neuen Klassikern wie Die Siedler von Catan) frönen und mit seinem Nachbarn und QM Mitarbeitern ins Gespräch kommen. Auch die Kiezläufer präsentieren sich spielfreudig. Und Kinder können sich schminken lassen, von 2 jungen Make-Up Expertinnen.

15:00 Hauptbühne Leopoldplatz. Hinter einer Menge Leute leuchten helle Schatten auf. Wie gelbe Fahnen wirbeln die Mädchen vom Tanztheater Piccolino über die Pflastersteine vor der Bühne. Die Tanzkompanie der Musikschule Fanny Hensel hat für ihre Tänzerinnen ein überirdisches Motto erfunden: „Die mit den Füßen träumen und mit den Augen fliegen“. Schön, nicht? Und wie im Flug kam und verging der Tanz dieser schwebenden Kinder aus Weddinger Schulen. Immer in dieser leichten, fließenden Bewegung zwischen Laufen und in einer Pose Halt machen, auseinander streben und ineinander gehen. Kein Anfang und kein Ende. Schade, als Schluss war und sie urplötzlich weg waren. Eine Erscheinung. Und doch ein Projekt des Kulturellen Bildungsverbundes Pankstraße, das einfach gut arbeitet und überzeugt.

So auch Lari, der spontan und ohne seinen Kollegen Fari einsprang. Das Weddinger Liedermacher Duo LariFari singt über Themen, die sie bewegen und ihre Heimat Wedding. So schallte „Wedding ist bunter“ über den Platz, wo Kinder tanzen, Leute plaudern und Informationen tauschen. Besonders schön ist die Atmosphäre beim Zeichner David Miro, um den sich immer wieder eine Menschentraube bildet und ihm andächtig beim Zeichnen zusieht.

15:20 Zurück am Rathaus: Die Modenschau ist schon in vollem Gange. Der Platz ist knallvoll und die Sonne schafft ein phantastischen Gegenlichtszenario mit dem Rathausneubau im Hintergrund. Ein Open Air Laufsteg der besonderen Art. „Die Müllerstraße zieht an.“ Heißt das Motto. Gewerbetreibende stellen hier Mode und Accessoires für Jung und alt vor. Jung und alt sind auch die Models. Keine Profis. Im Gegenteil. Leute wie Du und ich. Alle direkt aus dem Kiez. Das macht spaß, das ist ein guter Ansatz! Weiter geht’s zu PankeMusik.

15:45 Perfektes Wetter, um am Nettelbeckplatz “just for fun“ ein paar Bahnen Minigolf zu spielen. KiezMinigolf! Kostenlos gegen Pfandabgabe. Mein Ausweis wird in eine rote Kasse geschlossen. Im Tausch bekommen ich Ball, Schläger und Laufzettel. Rund um die PankeMusik-Bühne ist ein temporärer Parcours arrangiert. Die Bahnen wurden von Künstlern, Handwerkern und Initiativen aus dem Kiez entworfen und umgesetzt. Los geht’s! Gar nicht so einfach! Nachdem mir gleich die Bahn der Formatoren meine spielerischen Grenzen aufzeigte (eine Bläschenfolie führt als Rampe auf ein elegantes Plateau), verweilte ich ein wenig am Klavierspielerbrunnen und beobachtete das bunte Treiben. Die kurze Pause tat gut und auf einmal es lief wie am Schnürchen. Vielleicht lag es einfach an der guten Stimmung auf dem Platz. Einige Dutzend Menschen bewegten sich von Bahn zu Bahn und schnell hatte ich interessante Gesprächspartner gefunden. Themen: Das Festival, der Kiez und das eigene Versagen beim Minigolf. Nach 18 Bahnen hatte ich satte 84 Schläge auf dem Konto. Als ich meinen Ausweis wieder in Händen hatte, wurde mir bewusst, dass ich ganze 2,5 Stunden Minigolf gespielt habe.

16:15 Der eigene Garten – für Innenstadtbewohner oft ein unerfüllbarer Traum. Und doch gibt es im Kiez Möglichkeiten zu dessen Verwirklichung, wie das Wedding Kulturfestival zeigt. Auf einer ungenutzte Flächen in der obersten Etage des Schillerpark Centers in der Müllerstr. 47 empfangen Gartenplaner erstmals die Öffentlichkeit. Dort soll ab Mai 2013 ein Gemeinschaftsgarten entstehen. Die Initiatoren des Projekts „Himmelbeet“ wollen einen neuen Raum für ein gemeinsames und bewusstes Leben in der Stadt schaffen. Über den Dächern entsteht Platz zum gemeinsamen Gärtnern und Mitgestalten des Hochgartens. Die Macher stellen ihr Projekt vor und zeigen den zahlreichen Besuchern mit Rundgängen, Schautafeln und im Gespräch, worauf es ihnen ankommt. Mehr Informationen unter www.himmelbeet.com

17:10 Hinterhof Adolfstraße 12, Platz vor dem Eingang zur KiezKulturEtage. Ich finde einen Mauer-Sitzplatz. Zwei Männer zaubern türkische Musik aus elektronischen Kisten mit Klaviatur. Laut, sehr laut, superlaut. Die orientalischen Klänge vermischen sich mit Kindergeschrei von der Hüpfburg. Dann Punkt 17 Uhr plötzlich Stille, Abbau der Instrumente, der Moderator bittet um Applaus. Jetzt wird es feinsinniger, wenn ein junger Artist vom Zirkus Internationale bedächtig aber schnell und sehr geschickt einen Diabolo zwischen zwei Holzstäben hin und her, nach oben und unten rasen lässt. Sehr meditativ, absolute Ruhe. Begeisterung und Bewunderung. Das habe ich als Kind nicht so gut spielen können.

 

Autoren:

Karla Braun/Lars Hartwich/Johannes Hayner/Volker Kuntzsch/Jessica Quade/ Ewald Schürmann