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Freitag, 15.06.2018

Wedding live

Schüler aus Hohen Neuendorf auf Exkursion im Pankstraßenkiez

Ein Graffiti im Kiez
In diese selbstgemalte Karte trugen die Schüler ihre Ergebnisse ein
Lehrerin Paulina Dura

Was treibt Schüler aus dem schönen Vorort Hohen Neuendorf in den Wedding? Die Idee dazu hatte die Geographielehrerin im Referendariat, Paulina Dura. In vier Gruppen schickte sie Elftklässler aus dem Geographie-Leistungskurs des Marie-Curie-Gymnasiums für einen Tag auf Entdeckungstour in den Kiez um die Panke. Das Thema lautete "Aktueller Stand der Gentrifizierung im Wedding“. Für ihre Recherchen nahm sie Kontakt zum Quartiersmanagement Pankstraße auf. Dort sollten die Schüler mehr über die Aufgaben des Quartiersmanagements und über die Sozialstruktur in dem zu betreuenden Gebiet erfahren.


Ich treffe nun die junge Lehrerin in einem schicken Café Ecke Müllerstraße/ Nazarethkirchstraße. Wie kam es denn eigentlich zu der Idee für dieses Projekt, ist gleich meine erste Frage an sie. In den Geografie-Leistungskursen ist Gentrifizierung inzwischen Bestandteil des Lehrplanes, erklärt sie mir. Sie wohnt selbst schon länger im Wedding. Die Veränderungen in diesem Stadtteil beobachtet sie also tagtäglich. 


Konnten die Schüler etwas mit dem Thema Gentrifizierung anfangen, frage ich weiter. Für die Schüler war es ein neues Thema, das aber vor der Exkursion zielgerichtet durchgearbeitet wurde. Das Spannende war auf jeden Fall, dass die Ergebnisse von den Schülern selbständig anhand von Umfragen, Experteninterviews, Kartierungen etc. beurteilt werden sollten. Außerdem dürften die Schülergruppen den Wedding ohne Lehrer erkunden und auf die Leute zugehen. Das kam gut an, erzählt Paulina Dura. 


Aber wie untersucht man „Gentrifizierung“, will ich wissen. Es sei wichtig, die Begrifflichkeiten zu verstehen, meint Paulina. Gentrifizierung ist ein Prozess, der anhand von Aufwertungsprozessen in baulicher und funktionaler Hinsicht stattfindet und mit sozialen und symbolischen Veränderungen einhergeht. In baulicher Hinsicht untersuchten die Schüler ausgesuchte Straßenzüge und notierten genau, welche Modernisierungen stattgefunden haben. Zum Beispiel, ob Fassaden und Balkone saniert wurden, ob es neue Fenster gibt oder der Eingang erneuert wurde. Beim Thema funktionale Aufwertung gingen die Schüler u. a. zum ExRotaprint und in die Gerichtstraße. Gerade in der Gerichtstraße sind die Veränderungen deutlich zu sehen. Das nächste große Studentenapartment entsteht hier gerade auf der Fläche des ehemaligen Stadtbades, das 2016 abgerissen wurde. Und in der Gerichtstraße 23 gibt es neben Wohnungen im vorderen Bereich hinten die großen Lofts für besondere Events, wie das „artloft.berlin“ und die „Fabrik 23“. All diese Ergebnisse flossen in die Auswertung der Schüler mit ein. 
Welche Orte haben die besondere Aufmerksamkeit der Schüler geweckt, würde ich gern wissen und erfahre von Paulina Dura, dass die Schiller-Bibliothek und das silent green Kulturquartier besonders gut ankamen. Aber auch die vielen kleinen Cafés zu entdecken hat den Schülern Spaß gemacht. Besondere Aufmerksamkeit fand der Müll auf den Straßen. Darüber, dass so viele ihre Hinterlassenschaften achtlos entsorgen, wurde sich in der Menge mehrmals gewundert.


Aus den Ergebnissen der Schüler wird deutlich, dass die Gentrifizierung im Wedding nicht aufzuhalten und schon fortgeschritten ist. Positiv erwähnt werden hierbei die Errichtung von Kinder- und Jugendeinrichtungen, Grünflächen und Spielplätzen, aber auch die Aufwertung durch Szenecafés und Szeneläden. Negativ hingegen wird notiert, dass die befragten Anwohner darüber verärgert sind, dass teure Sanierungen zu einer Verdrängung der einkommensschwächeren Bevölkerung führen. Der fortwährende Austausch der sozialen Zusammensetzung sei also im Gange. Die Nachfrage nach Wohnungen ist inzwischen groß, vor allem wollen Menschen aus dem noch teureren Nachbarbezirk Prenzlauer Berg hierher. 
Ob sich der Wedding endgültig in ein „In-Viertel“ mit hohen Mietpreisen wandeln wird, konnte jedoch nicht endgültig beantwortet werden. Und was passiert mit den Leuten, die sich die teuren Mieten nicht mehr leisten können? Der Mieterverein hilft mittlerweile sehr effektiv, und es werden für Hartz IV-Empfänger keine Zwangsräumungen mehr veranlasst. Darüber hinaus ist es schon länger üblich, dass aus finanziellen Gründen deutlich mehr Personen oder zwei Generationen einer Familie in einer Wohnung zusammen wohnen. Näher betrachtet wurde von den Schülern auch das Engagement der Initiative „Hände weg vom Wedding“, die sich gegen Zwangsräumungen und soziale Ausgrenzung wehren.


Letzte Station ihres Aufenthaltes war für die Schülerinnen und Schüler das QM-Büro in der Prinz-Eugen-Straße. In einer kleinen Präsentation führte Quartiersmanager Michael Langer aus, wie das Quartiersmanagement versucht, die Gentrifizierung und ihre Folgen abzumildern. Aufhalten, so klar muss man das benennen, kann man sie nicht - jedenfalls nicht mit den dem QM zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Schüler erfuhren, welche Projekte das QM unterstützt und was genau dabei erreicht werden kann. Dass es oft immaterielle Ziele sind, die mit der QM-Arbeit verfolgt werden, zeigte den Jugendlichen, wie diffizil bisweilen das Terrain ist, in dem sich Quartiersmanager bewegen. Erfolgsdefinition, dessen Messbarkeit und die theoretischen Folgen von Misserfolgen in der QM-Arbeit waren so auch Inhalte der Fragen, denen sich Michael Langer in der Fragerunde stellen musste.

Und welche Form von sozialem Wandel gibt es in Hohen Neuendorf, will ich zum Abschluss wissen? Die Frage ist für Paulina Dura schwer zu beantworten, weil sie sich dort nicht so gut auskennt. Aber die Mieten sind dort schon hoch. Viele Menschen wollen dort wohnen, vor allem Berliner, die ins Grüne wollen. Inzwischen ist auch dort der Platz zum Bauen knapp geworden. 

Hinweis: Aus der Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement Pankstraße ist die Idee hervorgegangen, die Untersuchungen der Schüler in der Bürgerzeitung „Panker 65“ abzubilden. In der nächsten Ausgabe, die am 15. Juni erscheint, kann man also noch mehr zu dem Thema „Gentrifizierung im Wedding“ lesen.

Text: Maja Schudi/Johannes Hayner, Fotos: Johannes Hayner