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„Wildwasser“ hilft, das Schweigen zu brechen
Wildwasser berät und unterstützt Betroffene, wenn sie gegen die Täter gerichtlich vorgehen wollen. Wichtig ist dem Verein die Präventionsarbeit: An Schulen klärt Wildwasser über sexuelle Gewalt und ihre Folgen auf.
Dass der erste Schritt, nämlich darüber zu reden, oft der schwerste ist, weiß Iris Hölling aus ihrer langjährigen Berufserfahrung. „Vielen Opfern sexualisierter Gewalt fällt es schwer, über das zu sprechen, was ihnen passiert ist“, erzählt die 39-jährige Geschäftsführerin von Wildwasser, während sie im liebevoll restaurierten Gründerzeit-Salon der Villa sitzt, in der die Initiative logiert. „Die Opfer, vor allem Mädchen, schämen sich, haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird“, so Hölling weiter. Deshalb ist der Aufbau von Vertrauen eine der wichtigsten Grundlagen der Vereinsarbeit: „Die Opfer stehen mit ihren Bedürfnissen immer im Zentrum. Wir unternehmen nichts oder entscheiden nichts, was gegen ihren Wille wäre.“
1982 entstand Wildwasser in Berlin aus einer Selbsthilfegruppe von Frauen, die selbst als Mädchen sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt hatten – damals das erste derartige Projekt überhaupt. Inzwischen betreibt Wildwasser eine Frauenselbsthilfe, einen Mädchennotdienst für Mädchen und junge Frauen, eine Mädchenberatungsstelle im Wedding und ein Frauennachtcafé in Kreuzberg. Die Beratungsangebote von Wildwasser sind kostenlos, der Verein wird vom Senat unterstützt. Ein kleiner Kreis von „Stamm-Spendern“ trägt ebenfalls zur Vereinsarbeit bei. In der Wriezenerstrasse selbst arbeiten vier Mitarbeiterinnen – qualifizierte Sozialpädagoginnen – für die Initiative, berlinweit sind es rund 35.
„Wir bieten Schutzräume an, in denen missbrauchten Mädchen und Frauen mit Wertschätzung und Empathie begegnet wird“, erklärt Iris Hölling. Mit der Vereinsarbeit wolle Wildwasser den Hilfesuchenden Mädchen und Frauen helfen, das eigene Leben aktiv zu gestalten und die gesellschaftliche Dimension sexueller Gewalt thematisieren.
Zu sexueller Gewalt zählt die Leiterin auch die Androhung von Zwangsheirat: „Wenn ein Mädchen gegen seinen Willen verheiratet werden soll, dann nennen wir das sexuelle, körperliche und emotionale Gewalt“, sagt sie. Da Wildwasser auch in Kiezen präsent ist, die einen hohen Anteil von Einwanderern aufweisen, versucht der Verein, Menschen verschiedener Kulturkreise anzusprechen und deren kulturellen Kontext zu berücksichtigen: „Wir stellen gezielt Mitarbeiterinnen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ein und fördern die interkulturelle Kompetenz in der Arbeit.“ Zudem ist auch das Info-Material des Vereins in mehreren Sprachen erhältlich.
Im nächsten Jahr plant Wildwasser sogar, im eigenen Haus eine „interkulturelle WG“ einzurichten. Das Projekt ist eine Weiterführung der Arbeit der Krisenwohnung in der Obentrautstrasse. Hier sollen junge Frauen und Mädchen, die dauerhaft nicht mehr in ihren Familien leben können, Schutz und Unterstützung finden. Wildwasser begeleit die Opfer zur Polizei und auch während der Verhandlung vor Gericht, stellt selbst aber keine Strafanzeigen.
Um sexuelle Gewalt breiter zu thematisieren, setzt Wildwasser auf Präventionsarbeit. „Hier geht es um die Stärkung der Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen, um so die sexualisierte Gewalt zum Thema zu machen und Mädchen und Jungen möglichst frühzeitig zu unterstützen“, sagt Iris Hölling. „Wir wollen Rollenstereotypen entgegenwirken, die Gewaltstrukturen perpetuieren. Unser Ziel ist ein gleichberechtigtes, gewaltfreies Miteinander.“ Da ein solches Ziel am besten über Erziehung erreicht wird, kooperiert Wildwasser mit Berliner Schulen, lädt Schulklassen in die Villa in der Wriezener Strasse ein und führt auch in den Klassen selbst Seminare durch.
Dabei ist die Nachfrage zur Zeit größer, als es die Kapazitäten von Wildwasser erlauben. „In Schulen aufklären können wir gar nicht so viel, wie wir wollten“, sagt Iris Hölling. Doch Wildwasser wolle sich weiter bemühen, allen zu helfen: „Jede Frau oder jedes Mädchen, das Opfer von sexueller Gewalt ist oder dies vermutet, kann bei uns anrufen. Auch anonym.“
Wildwasser e.V.
Wriezener Str. 10/11
13359 Berlin
wriezener@wildwasser-berlin.de
Tel.: 030/48 62 82 22
Telefonzeiten der Mädchenberatung
(für Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren,
unterstützende Personen und Professionelle):
Mo, Mi, 14 bis 17 Uhr/Fr. 10 bis 13 Uhr.








