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Freitag, 22.07.2016

Wir investieren nicht in Steine, sondern in menschliche Beziehungen

10 Jahre Arbeitskreis Berliner Quartiersmanagements

Quartiersmanager unter sich
Engelbert Lütke Daldrup
Susanne Walz
anschließende Gespräche
im Restaurant Moos
Buffet

Bereits seit 1999 unterstützt das Berliner Quartiersmanagement benachteiligte Stadtteile. Es startete als Pilotprojekt im Bund-Länder-Städteförderungsprogramm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Ziel ist es, Stadtteile zu stabilisieren, denen droht, von der gesamtstädtischen Entwicklung abgehängt zu werden. Damit Quartiere mit besonderen sozialen Integrationsaufgaben ihr Potenzial entwickeln können, aktiviert das Programm die Bewohnerschaft und beteiligt sie an der Weiterentwicklung ihres Kiezes.

Vor 10 Jahren haben sich die Träger aller inzwischen 34 Quartiersmanagements in Berlin zum  Arbeitskreis Berliner Quartiersmanagements (AKQ) zusammengeschlossen. Seither arbeitet dieser für bessere Bedingungen des QM-Verfahrens und für die Stärkung des Programms "Soziale Stadt", das ohne das Engagement in den Beteiligungsgremien nicht die Bedeutung und Lebendigkeit hätte, welche es heute auszeichnen.

Das soll heute gefeiert werden. Es ist Donnerstag der 14. Juli 2016, 17 Uhr und langsam trudeln die Gäste im Silent Green, dem ehemaligen Krematorium in der Gerichtsstraße, ein. Wo einst Verstorbene verbrannt und bestattet wurden, werden heute Feste veranstaltet und Speisen im Restaurant Moos serviert. Die meisten Weddinger kennen diesen Ort inzwischen, doch für die heutigen Gäste aus anderen Berliner Quartieren ist dies eine noch ganz ungewohnte Erfahrung. Begleitet von jazzigen Sounds treten sie staunend ein in den hellen Kuppelsaal mit seinen Kolumbarien (Bestattungsnischen) in den hohen Wänden.

Die Begrüßung der Gäste übernimmt AKQ-Vorstand Theo Winters, im normalen Leben Stadtplaner und Geschäftsführer des Sanierungsträgers Stern GmbH. Er bedankt sich bei allen Mitstreitern und vor allem bei allen Ehrenamtlichen ohne die die Quartiersarbeit nicht so erfolgreich funktioniert hätte wie sie es in den letzten Jahren tat. 

Darauf folgt die Festrede des Staatssekretärs Engelbert Lütke Daldrup. Er beginnt mit einigen allgemeinen Worten zur Entwicklung Berlins: In den letzten zehn Jahren hat Berlin einen enormen Zuwachs an Einwohnern erfahren. Und in den nächsten Jahren werden weitere 250.000 Menschen erwartet. Berlin ist auf gutem Wege, eine 4-Millonen-Stadt zu werden. Im letzten Jahr kamen zusätzlich etwa 55.000 geflüchtete Menschen nach Berlin. Wie viele es in Zukunft noch werden, das weiß natürlich keiner, doch schätzungsweise haben wir 170.000 Geflüchtete in den nächsten Jahren zu erwarten. Dies stellt Quartiere erneut vor große Integrationsaufgaben. All diese Menschen müssen auf dem Wohnungsmarkt versorgt werden. Die Durchschnittsmieten sind in den letzten sechs Jahren um 20 Prozent gestiegen. Um diesen Trend zu stoppen, wurden einige Maßnahmen ergriffen wie das Zweckentfremdungsverbot, das Umwandlungsverbot, die Mietpreisbremse – an welche sich momentan noch  kaum private Vermieter halten. „Hier muss nachgeschärft werden“, so Lütke Daldrup. Darüber hinaus gibt es das Wohnraumversorgungsgesetz, nach dem kommunale Wohnungen zur Hälfte nur über WBS vergeben werden, den Mietzuschuss, wenn mehr als 30 Prozent des Einkommens für Kaltmiete aufgewendet werden müssen, und den sozialen Wohnungsbau. 

Der Wohnungsneubau wird auch in einigen QM-Gebieten eine Rolle spielen. Geplant ist eine Aufstockung auf 400.000 Wohnungen durch Neubau in zehn Jahren. Lütke Daldrup findet, dass Wohnungen im kommunalen Eigentum ein wichtiger Faktor sind, um die Mischung in der Stadt zu erhalten. "Nur so können wir für ein bezahlbares Angebot in den Stadtquartieren sorgen."

QM- Quartiere erleben inzwischen finanzstärkere Bevölkerungsgruppen und die Aufwertungstendenzen sind zunehmend überall spürbar. Für Lütke Daldrup macht sich die alteingesessene Bewohnerschaft zu Recht Sorgen, ob ihre Wohnungen für sie weiterhin bezahlbar bleiben. In anderen Gebieten hingegen, zum Beispiel in Großsiedlungen am Rande der Stadt, finden einige noch eine Wohnung, doch das führt dazu, dass dort die sozialen Probleme anwachsen. Also hat das Programm „Soziale Stadt“ gerade in diesen Gebieten verstärkt begonnen, Integration zu unterstützen. In 2016 ­wurden beispielsweise vier neue Gebiete gestartet, drei von nicht in der Innenstadt.

Verdeutlichen will der Staatssekretär damit, dass die wachsende Stadt nicht nur toll, sondern zugleich auch eine große Herausforderung für all jene ist, die sie organisieren müssen. Es führt dazu, dass viele Stadtteile sich verändern und das Miteinander im Stadtteil neu verhandelt werden muss.

Ehrenamtliche, Kitas und andere soziale Einrichtungen sind gemeinsam mit den Aktiven im Quartiersmanagement ein ganz wichtiger Faktor, damit soziale Stadt überhaupt gelingen kann. Hierfür bedankt sich Lütke Daldrup auch im Namen des Senators und des regierenden Bürgermeisters. Die Quartiersmanagements sind an den Schnittstellen im Stadtteil. Sie nehmen die Veränderungen meist schneller wahr als andere. Sie fungieren als Stimme der Menschen in den Quartieren, die sie unterstützen.

Die Preisverleihung des Programms „Soziale Stadt“, bei der Berlin mehrere Preise gewann, hat gezeigt, dass die Arbeit hier ganz ordentlich gemacht wird. Lütke Daldrup findet, dass man darauf ruhig  stolz sein kann. Er erinnert an andere Zeiten, etwa vor sechs Jahren, als Menschen in der großen Politik gedacht haben, „Soziale Stadt“ sei eigentlich nicht mehr wichtig. Damals wurden die Mittel drastisch gekürzt.

Der AKQ reagierte darauf mit dem Programm „Rettet die soziale Stadt“, unterstützte Petitionen, demonstrierte vorm Bundestag und vieles mehr, um die Kürzungspläne der schwarzen-gelben Regierung zu verhindern. Mittlerweile hat das Programm wieder mehr Anerkennung erfahren, sodass die Mittel der „Sozialen Stadt“ inzwischen aufgestockt worden sind. „Integration bedeutet nicht nur Investition in Steine, sondern vor allem in menschliche Beziehungen.“ Wahre Worte des Staatssekretärs, welcher seine Rede mit dem Satz: „Ich habe vor ihrer Arbeit großen Respekt! Und wir werden gemeinsam sicher noch das 20jährige des AKQ erleben“, schließt. Die Gäste applaudieren. 

Daraufhin folgt eine weitere kurze Rede von Ulli Lautenschläger vom AKQ. Dieser verdeutlicht, was der Arbeitskreis in den letzten zehn Jahren eigentlich erreicht hat. Zunächst einmal:  Mehr Sicherheit für Träger, denn früher gab es immer nur eine jährliche Vertragsverlängerung des Programms, heute gibt es längerfristige Verträge. Lautenschläger findet, dass die Sicherheit für Quartiersmanager wichtig ist, denn es wird ihnen auch viel abverlangt. Außerdem gibt es echte Mitbestimmung in den Quartieren. Das Berliner Modell wurde dafür von der EU ausgezeichnet, dass es richtige Mitentscheidungen der Bewohner in Form von Quartiersräten gibt. Damals, als das Programm gefährdet war, haben alle an einem Strang gezogen und gemeinsam wurde bundesweit protestiert, eine Online-Petition auf den Weg gebracht (über 12.000 Unterschriften) und auf zwei gutbesuchten Podiumsveranstaltungen mit Politikern diskutiert. Hier wurde deutlich gemacht, was es heißt, wenn dieses Programm gekürzt wird. Lautenschläger gibt zu, dass der AKQ das Programm sicherlich nicht allein gerettet hat, doch auf Bundesebene hat er sicher einiges dazu beigetragen.

Über die Zukunft des AKQ möchte die Geschäftsführerin der L.I.S.T. GmbH, Susanne Walz, mit uns sprechen. Sie sagt, dass alle, die heute hier anwesend sind, mit dem Thema Verdrängung in den Quartieren zu kämpfen hätten. Bürgerbeteiligungen sollten so oft und so früh wie möglich passieren, damit Nachbarn eingebunden werden, etwa in neue Baumaßnahmen. Veränderung ist der Auftrag des Programms, doch die große Frage ist: Wie verändert man, ohne zu verdrängen? Welche Art von Monitoring braucht man, um das Thema Verdrängung früh genug in den Quartieren wahrzunehmen?

Nach so viel Input ist es für alle an der Zeit sich zu stärken und sich bei einem kleinen Snack nebst Getränk im Restaurant Moos über die künftigen Herausforderungen und Lösungsansätze in den Quartieren auszutauschen. In diesem Sinne erklärt Susanne Walz das Buffet für eröffnet.

Nachdem das Buffet abgeräumt war, kamen nun musikalische Leckereien zum Zuge. Ein DJ präsentierte jazzige Beats. Und schon bald konnte man beobachten, was zumeist nur Off Records weiter erzählt wird. Wenn Quartiersmanager neben ihrem Job eines richtig können, dann das: Feiern!

 

Text und Fotos: Anna Lindner