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Auskommen mit dem Einkommen - Interview mit Schuldnerberaterin Monika Wächter

Monika Wächter, gelernte Sozialarbeiterin und beim Bezirksamt Mitte tätig
Engagierte Schuldnerberaterin mit wachem Blick
Monika Wächter im Gespräch mit Redakteur Johannes Hayner

Monika Wächter, Sozialarbeiterin beim Bezirksamt Mitte mit Zusatzausbildung zur Schuldnerberaterin, ist seit 1990 Schuldnerberaterin in Tiergarten. Gemeinsam mit dem Deutschen Familienverband hat sie die Schuldner- und Insolvenzberatung im Bezirk Mitte aufgebaut. Die Schuldnerberatung beim Bezirksamt Mitte kooperiert in Tiergarten mit dem Deutschen Familienverband, im Wedding mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und in Alt-Mitte mit der Caritas.  Der Deutsche Familienverband war die erste Institution, die in Berlin überhaupt Schuldnerberatung angeboten hat.


Frau Wächter, wie sieht die aktuelle Verschuldungssituation bei uns im Bezirk aus?

Insgesamt ist in Wedding knapp jeder 5. Volljährige überschuldet, in manchen Straßenzügen jeder 3., Spitze ist 39%. Ganz Mitte ist auf dem ersten Platz in Berlin und bundesweit unter den Gebieten mit der höchsten Überschuldungsquote. Berliner Durchschnitt sind ca. 12%, bundesweit 8,7%. Unter den Großstädten hat Bremen eine noch höhere Quote als Gesamtberlin, allerdings ist unter den Bremer Gebieten keines mit einer so hohen Quote wie Mitte.

 

Wo kommen die Zahlen her?

Von Kreditreform, das ist ein Inkassounternehmen, aber auch eine Auskunftei, ähnlich der Schufa. Die sammeln Daten von überschuldeten Menschen, einmal wenn Verträge gekündigt werden und auch die Abgabe von eidesstattlichen Versicherungen oder auch Insolvenzverfahren. Diese Daten von bundesweit allen Gläubigern werden zusammengefasst und dann werden daraus die Überschuldungsquoten ermittelt. Also statistisch die sauberste Lösung, weil die Gläubiger am ehesten wissen, wo sie ihr Geld sitzen haben.

 

Kann jeder, der ein Überschuldungsproblem hat, mit Ihrer Hilfe rechnen?

Die Anfragen sind erheblich höher als das, was wir leisten können. Die Prozentzahl der Überschuldeten, die wir beraten, liegt im einstelligen Bereich, für mehr reichen die Kapazitäten nicht. Im Wedding gibt es nur fünf Berater, dadurch ist hier die Situation besonders schlimm. Deshalb haben wir uns in Tiergarten und Alt-Mitte im Rahmen unserer Möglichkeiten auch für Weddinger geöffnet, um das halbwegs abzufedern.

 

Wie ist die Tendenz, hat sich die Quote erhöht in den letzten Jahren?

Wir bewegen uns permanent auf einem hohen Niveau, aber es sind sogar bis 0,5 Prozentpunkte weniger geworden in den letzten Jahren.

 

Was machen die, denen nicht geholfen werden kann?

Viele lernen, mit den Schulden zu leben. Murksen sich irgendwie durch.

 

Hat der Verkaufskanal Internet die Quote beeinflusst?

Insgesamt können wir den Einfluss als gering erachten. Das liegt aber auch daran, dass die meisten Internetverkäufe, wenn sie nicht bezahlt werden, nicht durchtituliert werden, das heißt die Gläubiger unternehmen nicht alles bis zum letzten Schritt, um an ihr Geld zu kommen. Das ist für die meisten Anbieter zu kostenintensiv, zum Gericht zu gehen um ihr Geld wirklich einzutreiben. Gerade Onlineverträge werden in der Regel nicht bis zur letzten Instanz verfolgt. Das gibt dann eine Mahnung, vielleicht noch einen bösen Brief, aber dann ist Ruhe. Internetschuldner sind immer noch ein ganz geringer Anteil „unserer Leute“.

 

Wofür verschulden sich die Menschen so stark?

Bei jungen Leuten ist das Handy Überschuldungsgrund Nummer eins. Die Verlockung, das neueste Handy zu bekommen lässt schnell vergessen, dass da ein 24-Monat-Vertrag mit oft hohen Grundgebühren dran hängt. Die werden in der Regel maximal zwei Monate bedient, dann wird der Anschluss abgestellt. Dann wird relativ schnell der nächste Vertrag abgeschlossen, bevor ich gesperrt werde. Oft haben diese Leute drei, vier Verträge möglichst mit Partnerkarte. Auch nach dem Abschalten muss die Grundgebühr für 24 Monate weiter entrichtet werden. So kommen je Vertrag locker 1000 bis 1500 zusammen. Aus unserer Sicht finde ich das fahrlässig von den Anbietern, denn so geraten gerade die jungen Leute wahnsinnig schnell in Abhängigkeit. Und die Telefonunternehmen treiben ihr Geld volles Rohr ein. Die geben sehr schnell an Inkassounternehmen ab, die dann auch noch einen Anwalt einschalten und somit erheblich Gebühren kosten. Oft kommen dann noch so nette Ideen wir Deaktivierungsgebühr und Kontoführungsgebühr von den Telefongesellschaften hinzu. Ganz flott ist man dann sogar bei 2500 bis 3000 je Vertrag.

 

Wie ist die altersbezogene Zusammensetzung ihrer Klienten?

Die stärkste Gruppe ist zwischen 30 bis 50 Jahren alt. Ich denke das liegt daran, dass die meisten schon ca. 10 Jahre „Karriere“ hinter sich haben, die versuchen erstmal, sich mit ihren Schulden durchzuwurschteln. Erst wenn das mit den eigenen Möglichkeiten gar nicht mehr geht, kommen sie zu uns. Es ist ja auch schwer, ich muss mich gegenüber einem Wildfremden outen, dass ich finanziell gescheitert bin, eine der schlimmsten Sachen, die ich in unserer Gesellschaft machen kann. Deshalb denke ich auch, dass wir einen Großteil der Betroffenen nicht erreichen, weil die es nicht übers Herz bringen, sich zu outen. Inzwischen verschiebt sich die Zusammensetzung unserer Klienten ein wenig in die höheren Altersgruppen, wir haben auch immer mehr Rentner bei uns sitzen.

 

Wie kommen die Klienten zu Ihnen?

Entweder über Bekannte oder Verwandte, teilweise mit eigenen guten Erfahrungen mit uns. Oder der Gerichtsvollzieher sagt: „Ich hab’ die Faxen dicke hier täglich aufzukreuzen, geh doch mal zur Schuldnerberatung.“ Teilweise sind es inzwischen auch die Gläubiger, die auf uns aufmerksam machen. Auch der Herr Zwegat von RTL hat zur Sensibilisierung beigetragen und weist auf unsere Angebote hin. Viele, die das zweite oder dritte Mal bei uns waren, sagen, dass ihnen eine Riesenlast vom Herzen fällt, einfach weil sie erkennen, es gibt einen Weg mit den Schulden umzugehen.

 

Wie hilft die Schuldnerberatung?

Wir schauen uns zuerst den laufenden Haushalt an, das heißt „Auskommen mit dem Einkommen“. Als erster Schritt muss der aktuelle Haushalt stabilisiert werden, davor brauche ich mich nicht um Altlasten kümmern. Z.B. wenn der Schuldner eine zu teure Wohnung hat, weisen wir ihn darauf hin. Die Entscheidung muss natürlich immer er selber treffen. Ich entscheide nichts, gebe nur Tipps und Ratschläge und weise auf die rechtlichen Möglichkeiten hin. Wir geben auch gerne eine Bescheinigung mit, dass der Mensch bei uns in einem laufenden Beratungsprozess steckt, um seine Verhandlungsposition zu verbessern. Wir gucken, ob auf der Einkommensseite Verbesserungspotential da ist, etwa alte Ansprüche, eine Lebensversicherung oder eine andere Steuerklasse, GEZ-Befreiung, Wohngeld, ergänzendes ALG2. Und auf der Ausgabenseite schauen wir, was Blödsinn ist. Meine Erfahrung ist, dass unsere Klienten sehr oft viel zu hohe Raten zahlen. Sie müssen mehr bedienen, als sie tatsächlich leisten können und geraten so in die Klemme mit ihren laufenden Verpflichtungen wie Miete oder Strom. Die Gläubiger drängeln viel mehr als die Vermieter und Stromanbieter. Aber wenn die drängeln, dann wird’s bitter. Für mich drängeln die tendenziell zu spät. Eine ausstehende Miete kann ich leichter auffangen als ein halbes Jahr Mietrückstand. Unsere Information ist auch: Was passiert dir, wenn du die Rate stundest oder einmal nicht zahlen kannst. Denn das, was der Gläubiger androht ist oft etwas ganz anderes als das, was er wirklich durchsetzen kann. Dann ergreifen wir die Schuldnerschutzmaßnahmen, die erstmal den Druck rausnehmen, um den aktuellen Haushalt stabilisieren zu können. Wenn alles nicht reicht, leiten wir das Insolvenzverfahren ein, um in absehbarer Zeit die ganzen Schulden loszuwerden. Als Schuldner muss ich dafür allerdings meine gesamten finanziellen Geschehnisse offen legen, das kann schmerzen. Allerdings hilft uns eine geschönte Darstellung nicht, dann beraten wir falsch.

 

Wie erfolgreich arbeiten Sie?

Nach der ersten Beratung bleiben einige Leute weg, wenn sie hören, was bei uns auf sie zukommt. Da habe ich keine Zahlen, aber geschätzt sind das höchstens 30%. Wer einmal in die laufende Beratung kommt, dem können wir mit einer Erfolgsquote von über 80% helfen. Wir bleiben auch dran und nehmen die Klienten an die Hand, wenn ihnen zwischendurch die Puste ausgeht. Aber wenn die Leute selber aus den Schulden rauswollen, dann schaffen wir das auch. Ihr müsst es wollen, ich kann so gut sein wie’s nur geht, das nützt gar nichts.

 

Wie weit korrelieren Erwerbslosigkeit und Überschuldung?

Wir erheben ja immer auch die Überschuldungsgründe, ganz vorn steht da Arbeitslosigkeit. Ich habe meinen Haushalt auf mein Einkommen ausgerichtet, das auf einmal wegfällt. Dann kommt Scheidung bzw. Trennung, wenn alles auf zwei Erwerbseinkommen eingestellt war, aber auf einmal doppelte Kosten anstehen. Dann kommen Krankheit und Sucht. Und zu Sucht zählen sowohl Alkohol und Drogen wie Spielsucht und Kaufsucht. Hier muss parallel zur oder im besten Fall vor der Schuldnerberatung die Sucht besiegt werden.

 

Ab wann spricht man eigentlich von Überschuldung?

Jeder zweite ist verschuldet, aber die meisten können die Schulden bedienen. Das gehört ja heute dazu. Ich komme meinen laufenden Verpflichtungen nach. Überschuldung heißt, dass ich diesen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Dann sprengen die laufenden Ratenzahlungen meinen Haushalt.

 

Wie wählen Sie Ihre Klienten aus angesichts des hohen Andrangs?

Erster Zugang ist immer die offene Sprechstunde. Wenn wir sehen, hier gibt es laufenden Bedarf, das schaffen wir nicht mit einem Termin, dann kommt man auf die Warteliste. Allerdings nur, wenn er die Beratungstermine mit uns zuverlässig einhält. Steht er auf der Warteliste auf Platz 1, bekommt er von uns ein Beratungsangebot. Und wenn er sich nun darauf einlässt, dann ist er in der laufenden Beratung.

 

Überschuldung und Kinder, das ist sicher ein spezielles Problem, oder?

Sobald ich Kinder habe, alleinerziehend sowieso aber auch als Elternpaar, bin ich von Überschuldung viel stärker bedroht. Die Leistungen, die ich für ein Kind kriege stehen in keinem Verhältnis zu dem, was Kinder kosten. Kinder sind ein ganz, ganz, ganz hohes Überschuldungsrisiko. Eltern sind überproportional oft von Überschuldung betroffen.

 

Gibt es eine ethnische Komponente beim Thema Überschuldung?

Auch das erheben wir in unserer Statistik. Die Quote der Überschuldeten Menschen mit Migrationshintergrund entspricht ungefähr deren Anteil an der Einwohnerzahl. Früher war der Anteil dieser Menschen höher, einfach weil deren soziale Lage oft prekärer ist, sie schwerer einen Job finden, ihre Ausbildung zum Teil schlechter ist. Worauf der Rückgang wirklich zurückzuführen ist, weiß ich nicht wirklich. Ich habe allerdings das Gefühl, dass innerhalb der Ethnien mit windigen Angeboten Geld abgezockt wird. Da hilft natürlich das Vertrauen unter den Landsleuten sehr dabei, sich zu bereichern. Die bieten bei Überschuldung Leistungen an, die sie nicht erbringen können. Gerade hier im Wedding gibt es einige solcher Fälle. Die Betroffenen sind von dem Scheinangebot dann natürlich so verprellt, dass es für sie ein viel schwierigerer Schritt ist, doch noch zu uns zu kommen. Deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, ob der Rückgang der Migrantenquote tatsächlich so positiv ist, wie er im ersten Moment aussieht. Wir versuchen immer wieder, die stärksten Nationalitäten hier in Tiergarten und Wedding zu erreichen. In Tiergarten gibt es eine türkische Beraterin, auch im Wedding gibt es eine türkisch sprechende Beraterin. Leider kommen wir aber nicht „richtig rein“, das macht die Sache schwierig.

 

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Komischerweise haben wir immer ein Verhältnis von 51% Frauen zu 49% Männern. Nach meiner Beobachtung liegt das aber vor allem daran, dass Frauen eher das Bedürfnis nach Beratung haben, während Männer geschickt werden. Zum Teil kommen die Frauen ja auch für ihre Männer, Brüder oder Väter.

 

Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit Schulden aus?

Ohne Schulden geht es heute eigentlich gar nicht mehr. Erster Tipp ist, zu gucken, dass man einen stabilen Haushalt hat. Immer wieder durchrechnen, was habe ich an Einnahmen, was an festen Ausgaben, wie viel habe ich noch an Spielraum. Wenn ich neue Verpflichtungen eingehe, das noch mal im Gesamtkontext betrachten. Immer nur das Geld ausgeben das ich auf der Hand habe. Nicht auf Geld spekulieren, das eventuell übermorgen kommt – etwa die jährlich anstehende Rückzahlung der Stromzahlungsüberschüsse. Wenn ich wenig Geld habe, kann ich auch ein Haushaltsbuch führen. Einmal gebe ich dann weniger Geld aus, weil ich das abends ja alles aufschreiben muss und dann nochmals reflektiere. Und dann bekommt man natürlich ein Überblick, welche Ausgaben wirklich sinnvoll sind und welche eventuell wegfallen können.

 

Was bewirkt Überschuldung neben den rein wirtschaftlichen Aspekten bei den Menschen?

Zunächst mal führt das zu Arbeitslosigkeit, weil der Arbeitgeber bei Lohnpfändung daran interessiert ist, den Überschuldeten loszuwerden. Ich finde auch schwer einen neuen Job, wenn in der Probezeit der Lohn gepfändet wird. Überschuldung führt zu Isolation, weil das Geld fehlt, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder einfach mal in die Kneipe zu gehen und zu plaudern. Oft kommen auch psychische Erkrankungen hinzu, weil sich die Situation ständig im Kopf der Betroffenen dreht. Ganz viele Schuldgefühle spielen da mit rein. Und letztlich werden auch nicht selten Depressionen ausgelöst. Wir haben viele Klienten, die psychisch krank sind, bei denen ich denke, dass die Schulden mindestens ein Mitauslöser dafür sind.


Aktuelle Information zum P-Konto:

Achtung! Wer aktuell eine Kontopfändung hat, muss sein normales Konto zum 1.1.2012 in ein P-Konto (Pfändungsschutzkonto) umgewandelt haben – auch bei Gerichtsbeschlüssen, die bisher Geldeingänge freigeben.

 

 

Johannes Hayner