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Mittwoch, 14.12.2016

Bewegung ohne Grenzen

Mit einer Schulklasse unterwegs auf dem Panke Parcours

Bocksprung
neuer Parcours
Warmwedeln
Beine hoch!
Rumpfbeugen
Jutta Ziegler und Jenny Hamerla
Treppensteigen
Baumsitz

Mild präsentiert sich der sonnige Dezembertag. Mit um 10° Celsius ist es fast zu warm für die Jahreszeit. Und wenn man sich dann noch bewegt, wird es schnell richtig warm …

Ortstermin am Panke Parcours, Abschnitt 2. Schon in den letzten Jahren haben die Kolleginnen von Baufachfrau Berlin e.V. die Panke mehr und mehr als sportlichen Erlebnisraum erschlossen, darüber wurde hier regelmäßig berichtet. Der einmaligen bzw. temporären Nutzung 2014 folgte im letzten Jahr die Installation eines festen Parcours im Pankeabschnitt zwischen Gericht- und Pankstraße. Nun wurde in der Woche zwischen dem 5. und dem 9. Dezember der zweite Abschnitt dieses Parcours zwischen Pank- und Schönstedtstraße eingeweiht. Dazu luden die Baufachfrauen als Träger des QM-Projekts „beWEGen - Auf die Plätze, fertig, los!" über die Woche verteilt verschiedene Interessengruppen ein, einen Probedurchgang über den sportlichen Rundweg zu unternehmen. Ein Ethik-Kurs von der Herbert-Hoover-Schule war mit 28 Jugendlichen da (Erkenntnis: Gruppen dieser Größe sind schwer zu organisieren), eine Abordnung aus Verwaltung und Quartiersmanagement (hatten Spaß) und mehrere Kitas (hatten noch mehr Spaß). Wir sind mit Baufachfrau Jutta Ziegler um 10 Uhr morgens verabredet, es kommt die Klasse 8d der Herbert-Hoover-Schule zum Sportunterricht.

Also treffen wir neun Mädchen im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren, die nun auch gespannt sind, was sie erwartet. Sie werden begleitet von Frau Schwarz, Sportlehrerin an der Hoover-Schule. Sport, so erzählt sie, ist im Moment schwierig zu geben. Denn die Sporthalle ist seit gut einem Jahr mit geflüchteten Menschen belegt. Deren Auszug ist zwar in Aussicht gestellt, aber noch nicht terminiert. Außerdem müsste im Anschluss eine Sanierung der Halle erfolgen, sodass Frau Schwarz nicht mit der Wiederaufnahme des regulären Sportunterrichts vor dem nächsten Schuljahr rechnet. "Frühestens", wie sie sagt. Aus diesem Grund werden von den lehrplanmäßigen drei Stunden Sport auch nur eine oder zwei pro Woche gegeben, und diese finden zum großen Teil nicht in der Halle, sondern draußen statt. Außerdem - auch dies zum Teil ein Resultat der Belegung der Halle - findet der Sportunterricht nun nach Geschlechtern getrennt statt, denn viele Mädchen gerade mit Migrationshintergrund hätten große Probleme damit, am Sport teilzunehmen, solange Jungs dabei sind. Aus all diesen Gründen sei sie sehr froh, dass nun mit dem Panke Parcours eine Alternative für Sport im Freien zur Verfügung steht, die sowohl schulnah als auch relativ unabhängig von Jahreszeit und Wetter besucht werden kann.

Zwei Baufachfrauen begleiten die halbe Schulklasse auf ihrem Weg: Jutta Ziegler und Jenny Hamerla. Sechs Stationen gibt es und an jeder werden Übungen vorgeschlagen, die ohne zusätzliche Hilfsmittel und oft unter Nutzung der vorgefundenen Situation absolviert werden können. Los geht's also fast direkt an der Pankstraße mit ein paar Streckübungen und Hockstrecksprüngen. Jenny Hamerla hat die Führung der Gruppe übernommen und zählt an. Bereitwillig machen die Mädchen mit. Direkt danach eine erste Frage: Wie findet ihr den Panke Parcours? Interessant, wir sind gespannt, macht sicher Spaß; so die Antworten. Entsprechend gestimmt geht es weiter zur nächsten Station.

An einem kleinen Aufenthaltsplatz mit Tischtennisplatte macht die Gruppe halt. Hier gibt es kleine Geländer oder Gestelle, die wahrscheinlich zum Fahrräder anschließen gedacht sind. An diesen sind die nächsten Übungen zu absolvieren. Liza, ein etwas vorwitziges Mädchen, übernimmt es hier, wie auch an den meisten folgenden Stationen, die Übung vorzulesen und vorzuführen. Mit außerordentlich kräftiger Stimme führt sie in das Thema ein, es geht um Übungen, die am Boden Rumpfbeugen vorwärts und rückwärts heißen. "Mit deiner Stimme kannst du auch Stadionsprecherin werden", lacht Jutta Ziegler. Die Mädchen verteilen sich auf die drei Geländer. Einige praktizieren viel Sport, gehen zum Beispiel mehrmals wöchentlich Basketball spielen. Für sie sind die Übungen kein Problem. Andere wiederum bewegen sich insgesamt zu wenig und sind auch hier nur mit etwas Mühe zum Mitmachen zu motivieren. Frau Schwarz kennt ihre "Pappenheimer" und die richtige Form der Ansprache, sodass schließlich alle neun Mädchen dabei sind.

Plötzlich schreit eines der Mädchen auf: "Iiiiiih!" Unter dem Laub hatte sich ein Hundehaufen versteckt, in den sie reingetreten ist. Waren vorher alle relativ gut bei den Übungen dabei, scheint es auf ein Mal, als wären sämtliche Teilnehmerinnen in den Haufen getreten. Dem Alter geschuldet und um einen neuen Ansporn zu geben, wechseln wir zur nächsten Station. Hier sind liegestützartige Übungen gefordert, bei denen man sich mit den Händen auf einer Steinkante abstützt. Bei den Übungen registrieren die Mädchen den Moosüberzug auf den Steinen, was zur Diskussion führt, inwieweit der Parcours zur allgemeinen Nutzung geeignet sei. Die Teenies meinen, dass die Steine gereinigt werden müssten, was die Baufachfrauen freundlich ablehnen. Denn harte Chemikalien gegen Moosbewuchs sind sicher nicht geeignet, um naturnahe Bewegungsmöglichkeiten zu propagieren, wie sie finden. Aber man ist sich einig, dass für Absolventen des Parcours sportliche oder zumindest belastbare Bekleidung zu empfehlen ist. Entsprechend der momentan etwas zwiespältigen Laune fällt die Zustimmung zur Frage, ob sie den Parcours weiterempfehlen würden, nicht ganz eindeutig aus: Einige der Mädchen meinen, dass sie dies nun nicht mehr tun würden, wo man sich hier doch die Hände schmutzig macht. Das Argument, dass dies zum Sport dazu gehöre, verfängt bei ihnen nicht.

Nun gut, die Baufachfrauen lassen sich nicht entmutigen, warum auch. Schließlich, so Jenny Hamerla, haben sie schon Erfahrungen mit den gruppendynamischen Prozessen bei Schulklassenbesuchen. Das Verhältnis von begeisterten Mitmachern zu mosernden Verweigerern liege - jedenfalls in der Altersgruppe von 12 bis 15 - ungefähr bei 50:50. Dies mitgedacht sieht es bei uns heute gut aus, was sich vor allem bei den nächsten Stationen bestätigt. Hier machen alle Mädchen mit. Es gilt, die Beine über einen Poller zu schwingen und Bocksprünge darüber zu machen, was alle tun. Mehr und mehr bekommt man den Eindruck, dass die Baufachfrauen ihre Umgebung mit besonderem Blick sehen. Woran kann man Sport treiben; dies scheint die entscheidende Frage zu sein, die sie umtreibt. Hunderte Male ist man an einigen Orten vorbei gekommen, nun plötzlich sieht man sie völlig neu gedeutet. Jutta Ziegler sagt, dass die Baufachfrauen mit ihrem Projekt "niedrigschwellige Angebote für mehr Bewegung und Sport in den Alltag der Menschen bringen" möchten. Mit dem Angebot des Panke Parcours ist ihnen das gelungen. Die Stationen bieten sich auch für Individualsportler an, die zum Beispiel im Rahmen einer Joggingrunde ergänzend gymnastische Übungen machen wollen.

Weiter geht's mit unserer 8d. Noch stehen zwei Stationen aus, die zu absolvieren sind. Wegen des gehobenen Spaßfaktors wird es jetzt auch ganz leicht. An der vorletzten Station müssen sich die Mädchen an einen Baum lehnen und dann mit dem Rücken nach unten rutschen. Die Schlussstellung ist dann im Prinzip Sitzen ohne Stuhl. Auf diese Übung für die Beinmuskeln folgt an der gleichen Station noch eine Art Beugestütz, bei dem die Armmuskeln trainiert werden.

Unterwegs zur nächsten Station erzählt Jutta Ziegler, dass sie gerade dabei sind, für ihren Parcours Formen der regelmäßigen Nutzung zu organisieren. In Kooperation mit erfahrenen Trägern von Sportangeboten sollen Gruppen gefunden werden, die die Parcours' in ihre Bewegungsangebote integrieren. Dazu nehmen die Baufachfrauen Kontakt zu Trägern der Jugendhilfe oder zu Angeboten für ältere Menschen, Flüchtlinge oder Frauen auf. Aber auch solche Aktionsspaziergänge wie heute werden weiter geplant, dazu wird per Mail und Flyer eingeladen. Als Anreiz für eine mehrmalige Nutzung verteilt das Team Bewegungspässe, in die jeder Besuch des Parcours eingetragen wird. Hat man am Ende sechs Stempel, nimmt man an der Verlosung eines sportbezogenen Hauptpreises teil. (Was das ist, wird noch nicht verraten)

An der letzten Station neigt sich auch die Sportstunde der Klasse ihrem Ende zu. Mit Hampelmann-Sprüngen und einer Lockerungs-Dehn-Übung werden die Kids in die nächste Stunde entlassen. Und – wie war's nun insgesamt? Die Mehrzahl der Mädchen sagt, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Und fragt man danach, ob das als Sportstunde OK war, gehen sogar alle Arme nach oben.

Zum Schluss wollen wir von Jutta Ziegler noch eine Jahresbilanz für 2016 haben. Die Baufachfrauen sind mit dem Jahresverlauf hier im QM-Gebiet Pankstraße zufrieden. Gerade Schulklassen als Teilnehmer am Parcours finden sie super - die können den Parcours weiterempfehlen, sind täglich in unmittelbarer Nähe und in der Freizeit viel draußen unterwegs. So kann man davon ausgehen, dass die Schülerinnen und Schüler auch mal ohne Begleitung die eine oder andere Übung am Parcours durchführen. Im nächsten Jahr wollen die Baufachfrauen daran gehen, Alltagswege der Bewohner - etwa zur Arbeit oder zum Einkaufen - mit Bewegungsangeboten zu versehen. So, wie wir Jutta Ziegler, Jenny Hamerla und das restliche Team kennengelernt haben, können wir gespannt sein. Sicher macht Arbeiten und Einkaufen dann noch mehr Spaß!

Text und Fotos : georg + georg