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Die Planung muss realistisch sein, sonst sind am Ende alle unzufrieden

Ein Gespräch zur Zukunft der Wiesenburg

Cordula Fay, Abteilungsleiterin Quartiersmanagement bei degewo, Foto Wolfgang Stahr
Isabella Canisius, Unternehmenssprecherin bei degewo, Foto Tina Merkau
Quartiersmanagerin Sükran Altunkaynak während des Werkstattverfahrens, Foto Tina Merkau

Interview mit den degewo-Mitarbeiterinnen Cordula Fay und Isabella Canisius

Frau Fay, was bedeutet die Wiesenburg als Ensemble in städtebaulicher Hinsicht?

Zum einen haben wir mit der Wiesenburg einen denkmalgeschützter Raum, den es in dieser Form in ganz Berlin nicht mehr gibt. Das Zweite ist, dass dort im Moment eine Nutzung passiert, die wahrscheinlich ebenfalls besonders ist. Damit umzugehen ist eine Herausforderung. Stadträumlich, planungsrechtlich und aus denkmalpflegerischer Sicht ist es zudem spannend, weil sich die Frage aufwirft, inwieweit dieses Ensemble baulich erhalten werden kann. Und damit verbunden: Wie kann man die Geschichte der Wiesenburg in die Zukunft tragen? Die Wiesenburg hat ja einmal wichtige Aufgaben im Gesamtkontext von Berlin übernommen, das sollte nicht unter den Tisch fallen. Und ganz konkret für uns als degewo ergibt sich die Frage, wie wir dort bezahlbaren Wohnraum realisieren können.

Ist im Zusammenhang mit der Wiesenburg auch über eine museale Nutzung nachgedacht worden?

CF: Bisher wurden neben Wohnformen über künstlerische und soziale beziehungsweise bildungsbezogene Nutzungsformen diskutiert.

IC: Die Entwürfe aus dem gerade abgeschlossenen Werkstattverfahren zur Ideenfindung wollen gerade nicht musealisieren, sondern gehen zukunftsweisend mit den verbliebenen Gebäuderesten um. Beim Umgang mit den Ruinen kann man die ehemaligen Begrenzungen aufnehmen und in der Grüngestaltung berücksichtigen. Aber wieder aufbauen, dies wird sicher nicht geschehen. Das Ensemble soll weiterentwickelt, nicht rekonstruiert werden.

Wie kann man den sozialen Auftrag, den dieses Objekt einmal hatte, in die Zukunft transferieren?

CF: Das ist die spannende Frage, die sich uns stellt. Insgesamt gibt es sehr viele Ideen und sehr viele Interessenten, aber für uns stellt sich immer wieder die Frage: Was ist überhaupt machbar? Die besten Ideen bringen nichts, wenn man sie nicht umsetzen kann. Dabei handelt es sich nicht nur um Finanzierungsfragen sondern auch um die Nutzungsmischung und die Frage, wer das Gelände später wirklich nutzt. Und es geht um den bau- und planungsrechtlichen Rahmen.

Früher war die Wiesenburg ein Obdachlosenasyl. Mittlerweile baut man ja eher integrativ. Das Problem von früher, Menschen adäquat unterzubekommen, haben wir heute auch – nicht nur beim Thema Flüchtlinge – , und dem müssen wir uns stellen. Die Frage stellen wir uns bei allen Bauprojekten, aber hier ist es noch komplexer: Wir haben einen Altbaubestand in teilweise sehr schlechtem Zustand, wir haben eine große Freifläche mit bestehendem Bewuchs und wir haben sich widersprechende Interessen, die in Einklang gebracht werden müssen. Da kann man nicht bauen wie auf der grünen Wiese.

Wie viele Wohnungen sollen auf der Wiesenburg neu entstehen?

CF: Unser eigentlicher Auftrag ist der Wohnungsbau. Per se hatte ich den Eindruck, dass Wohnungsbau für alle kein Problem ist. Bewohner, Akteure, Politik und Verwaltung sind sich in diesem Punkt einig. Senator Geisel hat es ja vor laufender Kamera gesagt: „Wohnungsbau hat für uns Priorität.“ Nichtsdestoweniger gibt es die anderen Nutzungsformen Gewerbe, Künsterateliers, Tanzhalle, das werden wir nicht ignorieren. Wie hoch die Anzahl der Wohnungen letztlich sein wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen.

Wie kam es zur Auswahl der am Werkstattverfahren beteiligten Büros?

CF: Das Verfahren wurde von unseren eigenen Planungsbüro «bauWerk» vorbereitet mit den Fragestellungen: Was kann man hier machen? Was davon ist realistisch? Was passt zu uns? Diese Fragen haben wir in diesem Werkstattverfahren gebündelt und zwei Büros beauftragt, die sich um die städtebauliche Konzeption kümmern und zwei, die sich um die Beteiligung der Nutzer und die Integration des Gewerbe- und Kreativthemas Gedanken machen. Wir haben Büros für das Werkstattverfahren gewählt, die einen deutlichen Bezug zum Wedding haben und die auch Erfahrungen im Bereich Beteiligung mitbringen. Das Büro Klinkenberg hat direkt an der Panke ein Wohn- und Atelierhaus gebaut, die kennen sich wirklich aus damit, wie man das Umfeld einbezieht und wie man das dann auch umgesetzt bekommt. PS Wedding sind für alternative Architekturkonzepte im Wedding bekannt.

Wie ist das Ergebnis des Werkstattverfahrens zu bewerten? Es gab ja keinen Siegerentwurf.

IC: Das war ja auch der Plan. Es war kein Realisierungswettbewerb und wir haben auch nicht nach einem Sieger gesucht. Es war ein Ideenwettbewerb, wir wollten ausloten, was auf dem Gelände überhaupt möglich ist – sowohl von der Nutzungsmischung her, als auch bauplanungsrechtlich und hinsichtlich der denkmalgeschützten Bausubstanz. Wir haben hier eine besondere Situation, denn wir haben einen Baunutzungsplan aus dem Jahre 1958/60vorliegen, der für das Grundstück eigentlich nur eine reine Wohnnutzung zulässt. Was wir aber heute dort tatsächlich vorfinden, hat sich über die letzten Jahrzehnte entwickelt und das hat auch Bestandsschutz. Aber wenn man mehr Gewerbe ansiedeln  will – und das wird von uns erwartet – dann ist das planungsrechtlich eigentlich nicht zulässig.

IC: Der Bezirk müsste das geltende Bauplanungsrecht ändern, um eine Nutzungsänderung zu realisieren. Die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens wäre aber ein sehr zeitaufwändiges  Verfahren. Denkbar wäre auch eine Genehmigung nach Paragraph 34 des Baugesetzbuch, der erlaubt, nach Art und Maß der näheren Umgebung zu bauen. Für den westlichen Teil des Grundstücks könnte man sich an dem Gewerbehof auf der gegenüberliegenden Seite der Panke orientieren, um eine gewerbliche Nutzung herzuleiten. Das liegt allerdings im Ermessen des Bezirks. Dann stellt sich auch die Frage, welche Art von  Gewerbe es sein darf, denn es muss ja wohngebietsverträglich sein. Lärmintensive Gewerbebetriebe, Eventlocations oder ähnliches fallen weg.

CF: Im Werkstattverfahren ging es nicht nur darum, welche Architektur wir uns hier vorstellen können. Aus vielen "alten" Fragen sind neue Fragen entstanden. Denkmalschutz und Stadtplanungsamt haben sehr viele Anforderungen, die wir berücksichtigen müssen. Auch Lärmschutzfragen, baurechtliche Fragen, Immissionsschutz. Erst wenn das alles geklärt ist, kommen wir an den Punkt, zu entscheiden, wie viele Wohnungen dort entstehen werden, wie deren Grundriss sein soll, wie sich die neuen Gebäude in den Bestand einfügen usw. Das sind, wenn man so will, nachgelagerte Fragen. Deshalb bin ich froh, dass wir dieses Werkstattverfahren gemacht haben. Alle Büros und Beteiligte aus dem Bezirk haben sich mit den anstehenden Fragen befasst und wertvolle Anregungen gegeben.

Welche Rolle spielt das Quartiersmanagement Pankstraße für Sie als Partner?

CF: Mit dem Quartiersmanagement stehen wir von Anfang an im Dialog. Dem entsprechend war auch klar, dass sie im Werkstattverfahren beteiligt waren. Die Ideen und Konzepte des QMs zu dem Areal sind größtenteils in den Ausschreibungstext mit eingeflossen. Das Quartiersmanagement hilft uns, indem sie die Ideen und Wünsche der Bewohnerschaft bündeln und artikulieren. Wir haben uns verabredet, dass wir im Dialog bleiben,

Wie geht es nun weiter nach dem Werkstattverfahren?

CF: Wir bereiten jetzt in einem Zwischenschritt die Grundlagen und  Ergebnisse auf: Baugrund, Statik, Schadstoffanalyse wegen früherer industrieller Nutzung, all dies muss überprüft werden. Schallschutz, Lärmgutachten, Zufahrten zum Grundstück. Also substantielle Fragen, auf die wir im Laufe dieses Jahres Antworten suchen. Daran schließt sich dann die Entwurfs- und Genehmigungsplanung auf Grundlage der Werkstattergebnisse und die Abstimmungen mit dem Bezirk an.

Gibt es einen Zeitplan für die Wiesenburg?

CF: Für die Fertigstellung können wir erst dann verlässlich Antworten geben, wenn die genannten Untersuchungen abgeschlossen sind. Gerade bei diesem sensiblen Grundstück wollen wir gern den zweiten Schritt nach dem ersten tun und nicht schon an den fünften oder sechsten denken. Die Planung muss realistisch sein, sonst sind am Ende alle unzufrieden.

Was geschieht in der Zwischenzeit mit den derzeitigen Nutzern?

Wir haben die letzten Monate damit verbracht, die bestehenden Räume zu sichern und wo notwendig abzustützen, um in den nächsten Jahren eine provisorische Nutzung zu ermöglichen. Damit sind wir ganz glücklich. Die Leute können ihren Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten. Alle halbe Jahre überprüft ein Statiker den Zustand.

Am Anfang des Prozesses wurde zwischen degewo und den Nutzern sehr kontrovers diskutiert. Hat sich daran etwas geändert?

CF: Da sind wir insgesamt ein gutes Stück weiter. Letztes Jahr waren wir mit der Stabilisierung der Bausubstanz und mit der Kommunikation mit Bewohnern und Nutzern befasst. Ich habe den Eindruck, dass wir durch das Werkstattverfahren eine Basis geschaffen haben, wo die unterschiedlichen Positionen klar sind, wo wir deutlich machen konnten, was wir wollen und was wir können. Mittlerweile gibt es da eine ganz andere Diskussionsgrundlage, unter anderem auch durch die Beteiligung des Quartiersmanagements. Wir konnten Verständnis für unsere Positionen erreichen, weil es Rahmenbedingungen gibt, an die wir gebunden sind. Bau- und Planungsrecht zum Beispiel. Trotzdem sind wir natürlich offen für die Anregungen der Nutzer.

IC: Als Eigentümer haben wir die Verkehrssicherungspflicht – das ist dann ein Teil dieser unpopulären Maßnahmen, die wir ergreifen mussten. Flächen und Räume aus statischen Bedenken sperren. Übrigens hatten in einem Gespräch die beiden Schulleiter von Hoover- und Humboldthainschule ohne Einschränkung Verständnis für unsere Position. Auch wenn sie sich den Ort in Zukunft für ihre Schulen wünschen, sie kennen die Verantwortung, die man in diesem Moment für die Sicherheit der Kinder übernimmt. Die Wiesenburger haben wenig Verständnis dafür, dass über den ganzen Sommer die Freiflächen gesperrt sind. Menschlich kann ich das verstehen. Sie hätten gern provisorische Maßnahmen, aber wir müssen erst die Ergebnisse der Gutachten abwarten und die Investitionen dann im Gesamtzusammenhang bewerten.

Ist die Entwicklung der Wiesenburg für die degewo einen besondere Erfahrung?

IC: degewo hat eine über 90jährige Geschichte und eine große Expertise als Stadtsanierer. Etwa in den 60ern im Brunnenviertel und in Kreuzberg. Heute ist die Wiesenburg eines der letzten innerstädtischen Grundstücke von dieser Qualität. Damit muss man nun behutsam umgehen. Deshalb hat der Senat sicher auch entschieden, dass eine landeseigene Gesellschaft die Entwicklung übernehmen soll. Wir freuen uns über das Vertrauen und fühlen uns der Aufgabe gewachsen. Der Senat hätte es ja auch an einen Investor veräußern können. Was dann passieren kann, wissen wir alle.

Was bedeutet es für Sie persönlich, an dem Projekt mit zu arbeiten?

CF: Als Verantwortliche für die QM-Gebiete bei degewo darf ich hier eine besondere Art der Projektarbeit betreuen. Andererseits bin ich auch Stadtplanerin, da finde ich die Fragestellung interessant, was dieses Gelände für die Stadt bedeutet. Und drittens finde ich es interessant, unsere Ziele wie soziales Wohnen, Klimaschutz, Quartiersentwicklung und Rentabilität unter einen Hut zu bekommen. Manchmal entstehen da Zielkonflikte. Der dabei entstehende Prozess ist ein hoch interessanter Stadtentwicklungsprozess aus verschiedenen Ansprüchen, Kompromissen, auch Schritten zurück oder zur Seite, bei dem ich froh bin, dabei zu sein.

Können Sie uns Ihre Zukunftsvision für die Wiesenburg verraten?

CF: Ich stelle mir einen Wohnstandort vor mit einer toleranten, engagierten Bewohnerschaft, die offen ist für das kreative und lebendige Umfeld. Das lässt sich dort verwirklichen, denn wer in die Wiesenburg zieht, der sucht nicht unbedingt eine zurückgezogenes, ruhiges Leben sondern Kommunikation, Austausch und Lebendigkeit. Die Fragen, die sich bis dahin stellen, sind: Wer lebt dort? Wer arbeitet dort? Und wer lernt dort?

 

Cordula Fay, ist Abteilungsleiterin Quartiersmanagement bei degewo. Sie ist gelernte Stadt- und Regionalplanerin. 2006 stieg sie bei degewo als Stadtteilmanagerin im Wedding ein. Zwischen 2010 und 2014 arbeitete sie als Referentin des Vorstandes.

Isabella Canisius, gelernte Stadt- und Regionalplanerin und Immobilienökonomin war viele Jahre als Projektentwicklerin für verschiedene Immobiliengesellschaften tätig. Seit 2011 arbeitet sie bei degewo, wo sie als Unternehmenssprecherin auch den Entwicklungsprozess der Wiesenburg begleitet.

 

 

Eine gekürzte Version dieses Interviews finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung Panker65.

Interview: Johannes Hayner