Suche

Aktuelle Veranstaltungen

Dienstag, 24. Oktober 2017 , 16:00 Uhr

Textildruck-Workshop

Donnerstag, 26. Oktober 2017 , 14:00 Uhr

Basteln mit Natur im Himmelbeet

Dienstag, 31. Oktober 2017 , 16:00 Uhr

Textildruck-Workshop

Donnerstag, 02. November 2017 , 14:00 Uhr

Basteln mit Natur im Himmelbeet

Donnerstag, 07.04.2011

Ein Interview mit dem Soziologen Jeffrey Butler zur Kindergesundheit im Bezirk Mitte

Jeffrey Butler,Diplomsoziologe, stammt aus den USA und lebt seit 1982 in Berlin. Butler kam als Student mit einem Stipendium nach Berlin. Nach dem Studium hat er sich auf den Bereich Public Health/Gesundheitssoziologie spezialisiert. Seit 15 Jahren schreibt Jeffrey Butler die Gesundheitsberichte – zuerst in Tiergarten, jetzt im Stadtbezirk Mitte.
Das Haus der Gesundheit in der Reinickendorfer Straße. Hier sitzen Jeffrey Butler und seine Kollegen.

Herr Butler – womit beschäftigen Sie sich?

Ich schreibe die bezirklichen Gesundheitsberichte zu allen möglichen Themen. Eines meiner Hauptbetätigungsfelder ist Kindergesundheit und dazu gehören Übergewicht und Sucht. Es geht uns darum, die Probleme bezogen auf Risikogruppen darzustellen. Also, wo das Problem insbesondere virulent ist.

 

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem Ihre Daten in die praktische Arbeit einflossen?

Mein Kollege Herr Prey ist zuständig für die Gesundheitsförderung hier im Bezirk und er unterstützt Projekte und Quartiersmanager, die sich für Kindergesundheit interessieren und engagieren. Und er ist derjenige, der meine Berichte liest und als Handlungsanweisung nimmt und versucht Menschen zu mobilisieren, die diese Probleme lösen bzw. angehen können.

 

Was sagen Ihre Daten aus?

Ich kann eigentlich sagen wo es Probleme mit Übergewicht gibt, bei welchen Gruppen usw. Mein Kollege Herr Prey fokussiert in diesem Bereich vor allem auf Bewegungsförderung. Er versucht, dass Kinder auch in einem so städtischen Kiez wie hier im Wedding sich ausreichend bewegen können.

 

Bewegen sich die Kinder im Kiez zu wenig?

Was diesen Bewegungsaspekt ein bisschen beeinflusst ist die Tatsache, dass seit Jahren der Fernseher eine immer größere Rolle als Babysitter und Kinderbetreuer einnimmt. So bekommen die Kinder zum Teil über die Werbung sehr einseitige Vorstellungen davon was gesunde Ernährung bedeutet. Die sehen die Werbung zum Beispiel für süße Joghurts, die gesunde Inhaltsstoffe, aber sehr viele Kalorien haben. Für Kinder, die sich ausreichend bewegen ist das nicht so ein Problem, aber wenn Kinder sich zu wenig bewegen und ein so kalorienhaltiges Essen einnehmen, werden sie sehr häufig übergewichtig. Mit zunehmendem Lebensalter führt das zu Stoffwechselproblemen wie Diabetes. Für die Kinder ist es auch sozial beeinträchtigend, weil sie von ihren Mitschülern gehänselt werden.

 

Ist die Vermischung von traditioneller Küche und westlichem Fastfood  für Gewichtsprobleme verantwortlich?

Ja. Die Mischung aus traditioneller Küche, die Mütter oder Großmütter zubereiten,  und den kalorienhaltigen Angeboten, die ihre Schulkameraden mitbringen, ist problematisch.

 

Ist Fastfood auch deswegen ein Problem, weil es in der Werbung als Teil der Jugendkultur präsentiert wird?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Teil des Peergroup-Phänomens ist. Coole Jugendliche essen Fastfood – und wenn ich auch cool sein will, muss ich da mitmachen.

 

Frage zur Datenerhebung: Sie sagten, dass die Basis die Schuleingangsuntersuchung bei den Kindern ist. Gibt es eine fortführende Beobachtung?

Ich sitze gerade an einem Gesundheitsbericht zu Migration und Gesundheit. Dafür habe ich vier verschiedene Altersgruppen zu ihrem Gesundheitsverhalten und zur gesundheitlichen Lage der Bevölkerung mit eigenen Erhebungen untersucht – Kinder bei den Schuleingangsuntersuchungen, Zehntklässler, die Eltern der Schulanfänger und ältere Menschen über 60.

 

Gewichtsstatus der Schulanfänger 2007 in Mitte. Datenmarkierung von links nacht rechts: adipös, mäßig übergewichtig, normalgewichtig, untergewichtig
dmft-Wert (diseased missing filled teeth, kariöse, fehlende oder geplombte Zähne) bei Schulanfängern aufgeschlüsselt nach sozialer und ethnischer Herkunft. Der dmft-Wert von 5,7 bei Kindern osteuropäischer Herkunft aus der unteren sozialen Schicht bedeutet zum Beispiel, dass diese Schulanfänger im Durchschnitt fast 6 Zähne haben, die kariös oder gefüllt sind bzw. schon fehlen.

Was auch eine Aussage über problematisches Ernährungsverhalten gibt sind zahnärztliche Untersuchungen. Ich hatte für meinen Gesundheitsbericht 2009 die Schuleingangsuntersuchungen mit den zahnärztlichen Daten der gleichen Kindern verglichen. Und wir stellten fest, dass die Kinder, die aus der unteren sozialen Schicht kommen, größere Zahnprobleme hatten. Hier ist offensichtlich die soziale, nicht die ethnische Gruppenzugehörigkeit ausschlaggebend. Allerdings hatten die Kinder aus osteuropäischen Ländern über diesen sozialen Faktor hinaus  sehr schlechte Zähne. Das könnte mit der traditionellen osteuropäischen Küche zusammenhängen oder auch mit dem Gesundheitsverhalten, dass zwei Mal täglich Zähneputzen dort einfach nicht gang und gäbe ist. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass in osteuropäischen Ländern sehr viel gekochtes Essen auf den Tisch kommt, nicht viel frisches Gemüse, das für die Zähne neben dem Kauen auch einen Reinigungseffekt hat.

 

Wie hoch ist der prozentuale Anteil übergewichtiger Kinder?

Betrachten wir das Gewicht der Schulanfänger. Hier sind im Stadtbezirk Mitte bereits 15% adipös oder mäßig übergewichtig. Bei der Untersuchung zum Gewichtsstatus der Jugendlichen im Rahmen der Jugendarbeitsschutzgesetzuntersuchung in der 10. Klasse sehen wir, dass der Anteil der Jugendlichen, die adipös sind oder mäßiges Übergewicht haben, weiter angestiegen ist – auf insgesamt 29,5% . Allerdings werden nur die Jugendlichen aus den Haupt- und Realschulen erfasst, die Abiturienten fehlen. Eine weitere Untersuchung betrachtet die Eltern der Schulanfänger von 2007. Man sieht, dass die soziale Komponente bei den Eltern der Schulanfänger eine sehr große Rolle spielt. Die türkischen und arabischen Eltern sind auch eher sozial benachteiligt, deshalb ist bei ihnen der Anteil der Übergewichtigen besonders hoch. Aber hier sind Männer deutlich öfter von Übergewicht betroffen als Frauen.

 

Gewichtsstatus bei Zehntklässlern. Datenmarkierung von links adipös, mäßig übergewichtig, normalgewichtig, untergewichtig
Gewichtsstatus bei den Eltern der Schulanfänger 2007. Datenmarkierung von links: normalgewichtig, mäßig übergewichtig, adipös.
Gewichtsstatus bei älteren Menschen (60+). Datenmarkierung von links: normalgewichtig, mäßig übergewichtig, adipös, schwerst adipös

 

Gibt es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen?

Nein, in dem Alter nicht.

 

Ist das innerhalb der Ethnien eventuell anders?

Mit meinen Daten ist es nur möglich, für deutsche und türkischstämmige Jugendliche nach Geschlecht auszuwerten. Türkischstämmige Mädchen haben mehr Probleme mit Übergewicht als die Jungen.

 

Eigentlich sprechen wir also von einem ständig zunehmenden Anteil Übergewichtiger mit steigendem Lebensalter …

Das hat bestimmt viel mit weniger Bewegung bei steigendem Lebensalter zu tun. Und mit Ernährungsgewohnheiten, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Ich kann mir vorstellen, dass türkische Menschen, die nach Deutschland emigriert sind, in einer Kultur groß geworden sind, wo man hart arbeiten musste, etwa auf dem Feld. Da kann man sich natürlich ganz anders ernähren als wenn man in einer Großstadt lebt, wo man sich wenig bewegen muss. Eigentlich kann man, wenn man sich genug bewegt, essen was man will. Ich laufe Marathon und trainiere 3x die Woche dafür und habe deshalb auch keine Probleme mit kalorienreichem Essen.

 

Wie groß ist die Erhebungsgruppe bei Ihren Untersuchungen?

Bei der Schuleingangsuntersuchung sind es ungefähr 2.800 Kinder aus ganz Mitte. Bei den Eltern der Schulanfänger hatten wir einen Rücklauf von ca. 1.100 Fragebögen. Die Erhebungsgruppe bei den älteren Menschen umfasst 473 Befragte und bei der Jugendarbeitsschutzuntersuchung sind es 1400 Untersuchte.

 

Gibt es Vergleichszahlen zu anderen Stadtbezirken?

Nur bei den Schuleingangsuntersuchungen. Mitte hat den höchsten Anteil adipöser Schulanfänger in Berlin. Neukölln ist ähnlich hoch.

 

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung – reagiert der Bezirk angemessen auf die Problematik Übergewicht bei Kindern?

Ich denke der Bezirk reagiert innerhalb seines Handlungsspielraumes angemessen. Das Problem, das wir überall in Berlin haben, ist, dass angesichts der Schuldenentwicklung vieles abgebaut wurde, was man früher als bezirkliche Kompetenz hatte und jetzt durch freie Träger übernommen wurde. Dadurch kann man vieles nicht mehr so stark beeinflussen, weil der direkte Zugriff fehlt.

Ein Projekt, das mein Kollege Herr Prey vor einigen Jahren angeregt hat, ist das Gesunde-Schulkiosk-Projekt, das in verschiedenen Schulen im Bezirk ein gesundes Pausenangebot durch einen Beschäftigungsträger vom Bildungsmarkt realisiert. In einigen Schulen wird das auch durch Elterninitiativen durchgeführt. Dieses Projekt wird im Moment durch die lokale Arbeitsagentur bedroht. Das Jobcenter Mitte hat neulich seine Vergabepolitik geändert und einfach eine ganze Reihe von Maßnahmen, die der Bezirk für eine Weiterfinanzierung vorgeschlagen hat, abgelehnt. Bei diesem Projekt ist es noch in der Schwebe, aber oft sind es langjährige Projekte, die auch von den Quartiersmanagements unterstützt werden und über den Bezirk hinaus Beachtung fanden, die nun daran zu scheitern drohen, dass die Arbeitsagentur nicht mehr mitmacht. Ich denke, das ist ein großes Hindernis in unserer Handlungskompetenz, dass die Arbeitsagentur ihre Mittel streichen kann, denn wir sind von der Arbeitsagentur abhängig weil wir ja wenige Eigenmittel für solche Projekte haben.

 

Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, haben wir hier im Bezirk kein Problem mit Mangelernährung, sondern nur mit Fehlernährung.

Ja, das  können Sie so interpretieren. Wir haben zwar auch untergewichtige Kinder, auch bei den Schuleingangsuntersuchungen, aber bei uns im Bezirk ist es ein verschwindend kleiner Anteil von 3 bis 4% höchstens.

 

Das sind dann wahrscheinlich Kinder, die einfach schlecht essen.

Kinder, die schlecht essen, ja. Es liegt nicht daran, dass keine Lebensmittel da sind, sondern dass ein verkehrtes Essverhalten vorliegt.

 

Interview: Johannes Hayner

 

Weitere Informationen:

Gesundheitsberichterstattung Bezirksamt Mitte

Robert-Koch-Institut