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Ein Weihnachtsmarkt ist ein Weihnachtsmarkt, ist ein Weihnachtsmarkt, ist ein Weihnachtsmarkt. Oder vielleicht doch nicht?

Ein Spaziergang über den Kiezweihnachtsmarkt in den Maxgärten

Neuköllner Blechbläserensemble


Bürgerzeitung Panker 65
Töchter der Sonne

Wiener Café Strudelka
syrische Band Habibi

DRK Jugendladen
russischer Chor "Goldener Herbst"
PopChor Wedding
Projekt "Move"

Gemeinschaftsgarten himmelbeet
Deeryona
Vagabund Brauerei
Bulgarian Voices Berlin

Ich mag Weihnachtsmärkte. Sie wirken so schön aus der Zeit gefallen. Doch meist schaffe ich nur einen kurzen Besuch, einen Glühwein und eine Rostbratwurst mit Freunden, eine Atempause im alljährlichen Adventsstress. Diesmal soll das anders werden. Diesmal, habe ich mir vorgenommen, werde ich einen ganzen Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt verbringen. Aber welcher soll es sein?

Allein in Berlin gibt es über 80 Weihnachtsmärkte. Ihren Ursprung hat die Tradition der Weihnachtsmärkte, auch Christkindelmarkt, Nikolausmarkt oder Adventmarkt genannt, in Deutschland und ist über 600 Jahre alt. Damals dienten die Märkte den Menschen dazu, sich für die kalte Jahreszeit und das bevorstehende Fest mit allem Notwendigen einzudecken.
Heute sind sie zu einem Massenphänomen geworden, dem man kaum mehr entrinnen kann. Weihnachtsmärkte vermitteln uns das Gefühl, in eine romantische Welt einzutauchen, die mit positiven Kindheitserinnerungen verbunden ist, mit Hoffnung, Wünschen, Gemütlichkeit.

Ich habe mich für den kleinen Kiezweihnachtsmarkt in den Maxgärten entschieden. Er findet zum dritten Mal statt und kann somit schon fast als traditionell bezeichnet werden.

Der Winterhimmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, kann aber kaum die Kälte überdecken. Am Eingang steht ein Blechbläserensemble. Aus Trompete, Tuba, Horn und Posaune ertönt „Vom Himmel hoch ihr Engelein“. Eigentlich tritt das Quintett unter Leitung von Steffen Zimmer meistens auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt auf, aber in diesem Jahr hat es sie nun in den Wedding verschlagen.

Das Stück ist zu Ende und ich folge ihnen durch die Toreinfahrt auf das Gelände der einstigen Großbäckerei Wittler, wo der Weihnachtsmarkt stattfindet. Das ehemalige Backhaus und der Verwaltungstrakt werden heute vom Gesundheits- und Pflegezentrum Goldenherz genutzt. Die Fabrikgebäude wurden in den 80er Jahren abgerissen, um auf dem Gelände Wohnungen zu errichten.

Rotweiß gestreifte Markstände sind im Halbkreis um eine kleine, offene Bühne angeordnet und liebevoll-individuell mit Tannenzweigen, Lichterketten und Weihnachtsschmuck dekoriert. Die Leute hinter den Ständen kommen fast alle aus dem Kiez. Ein beschauliches und nachbarschaftliches Ambiente, herrlich unaufgeregt.

Es gibt viele Leckereien, allerlei Selbstgebasteltes, antiquarische Bücher, Infostände, Angebote für Kinder und auch seniorengerechte Kleidung. Lokal, fair, handgemacht. Die Gerüche der Stände vermischen sich miteinander. Glühweinduft und Feuerrauch. Strudel und Bratwurst. Lebkuchen und Äpfel. Der Geruch von Advent. Es ist die Zeit, in der man sich etwas Luxus gönnen möchte. Dazu gehören auch die schönen, kleinen Dinge, die man auf dem Weihnachtsmarkt finden kann. Der Drang nach Selbstoptimierung wird ausgehebelt. An jeder Bude steht: „Du darfst!“

Das Neuköllner Blechbläserensemble ist mittlerweile auf der Bühne angekommen und spielt „Lasst uns froh und munter sein“ in einer Swing-Version. Es ist noch früh und vor der Bühne sitzen hauptsächlich ältere Leute, viele Bewohner des Pflegewohnheims. Das lebendige Gewusel und die schwungvolle Musik scheinen ihnen sichtlich zu gefallen.

Ich schaue mich um und mir fällt sofort der Stand der Bürgerredaktion der Kiezzeitung Panker 65 ins Auge. Er steht direkt gegenüber der Bühne und einige junge Leute, hauptsächlich Familien mit kleinen Kindern, blättern interessiert in den ausgelegten Exemplaren. Viele von ihnen sind neu im Kiez und möchten gerne mitwirken und mitgestalten. Bei Spekulatius, Lebkuchen und leckerem Kaffee der Weddinger Rösterei Flying Roasters informieren Maja Schudi und Ewald Schürmann über Möglichkeiten der Mitarbeit.

Ein Stück weiter entdecke ich den Stand einer Tanzschule. Ich kann nicht tanzen, mache es aber für mein Leben gerne. Ein Kurs könnte also nicht schaden. Erst zwei Tage zuvor, am ersten Dezember, wurde die Kulturtanzschule in der Adolfstraße eröffnet. „Wir wollen das immaterielle Kulturerbe 'Volkstanz' pflegen und weitergeben, und unsere Kulturtanzschule soll ein Ort der Begegnung von Kulturen und Generationen sein“, sagt Oliver Schier, der mit seiner Frau Claudia die Tanzschule betreibt. Orientalischer Tanz, Flamenco, Folklore-Tänze aus Deutschland und der ganzen Welt stehen beispielsweise auf dem Programm. Es gibt auch einen Seniorentanzkreis und Hip-Hop-Kurse für Jugendliche.

Eine orientalische Tanzgruppe haben die beiden gleich mitgebracht. Die „Töchter der Sonne“ oder „Banat al Shams“ bestehen aus fünf Damen. Alle haben die Zwanzig schon lange hinter sich gelassen und entsprechen damit nicht dem gängigen Klischee einer Bauchtanzgruppe. Trotz der Kälte, es sind immerhin gerade einmal 2° über Null, tragen sie die typischen Raqs Sharqi Kostüme. Rot, blau, violett, schwarz und goldfarben. An den Füßen silberne und goldene Ballettschläppchen, passend zu ihren Schleiertüchern. Seit mehr als 15 Jahren gibt es die Gruppe schon. Man merkt, wie viel Freude ihnen diese Art des performativen Ausdrucks bereitet und wie wohl sie sich in ihren Körpern fühlen. Ihre positive Energie überträgt sich sofort auf das Publikum und sie erobern die Herzen der Zuschauer im Sturm. Am Ende erheben sich ihre Umhänge und formen Engelsflügel. Wie eine himmlische Erscheinung schweben sie zurück in den warmen Aufenthaltsraum des Gesundheitszentrums.

Kurze Umbaupause auf der Bühne und eine gute Gelegenheit, weitere Stände unter die Lupe zu nehmen. Es ist fast vier, also Zeit für Kaffee und Kuchen. Rechts neben der Bühne hat das Wiener Strudelcafé Strudelka aus der Sparrstraße einen Stand. Süßer Apfelstrudel ist jetzt genau das Richtige! Oder doch lieber ein Kartoffel-Käse-Strudel? Schwierige Entscheidung. Strudelkekse und ein österreichischer Schnaps wandern schon mal in meine Tasche und die ersten Weihnachtsgeschenke sind gesichert. Ich wähle die süße Strudelvariante und mein Gaumen jubiliert!

Der Soundcheck ist beendet und die syrische Band Habibi beginnt zu spielen. Kennengelernt haben sich Nabih, Feras und Milad  vor eineinhalb Jahren in der orthodoxen Gemeinde in Zehlendorf und ziemlich schnell ihre gemeinsame Liebe zur Musik entdeckt. Die ersten Konzerte gaben sie im Wedding, dann in ganz Berlin. Mehr als 60 waren es alleine in diesem Jahr. Beim ehemaligen Bürgermeister Christian Hanke, in Flüchtlingsunterkünften, auf dem Alexanderplatz, in Kirchen, bei Feiern und Parties. Ihre Fangemeinde ist groß, und ich gehöre dazu. Aramäische Weihnachtslieder erklingen. Ich wippe begeistert mit.

Mittlerweile ist es schon recht voll. Kinder mischen sich mit ihren Eltern unter die Heimbewohner. Neugierig-skeptisch werden Rollatoren und Rollstühle beäugt. Eine Mischung, wie man sie heute im Stadtbild nicht mehr oft sieht.

Auf dem Weg zu Bratwurst und Glühwein komme ich am Stand des DRK Jugendladens vorbei. Sie haben sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Gesellschafts- und Geschicklichkeitsspiele sollen helfen, mit interessierten Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Eine Runde „Heißer Draht“ und zwei Runden „Vier gewinnt“ müssen sein. Auch wenn ich nicht zur Zielgruppe gehöre.

Während ich mich dem Spielvergnügen hingebe, singt der russische Chor Goldener Herbst „Ave Maria“. Er nennt sich zwar „russischer Chor“, seine in selbstgenähte, bunte Kostüme gekleideten Mitglieder kommen aber auch aus Deutschland und der Ukraine. Ein Frauenchor mit Quotenmann in roter Tracht. Ihr Repertoire besteht aus russischen und deutschen Adventsliedern, auch einen Karnevalsschlager haben sie im Gepäck: So ein Tag, so wunderschön wie heute.

Langsam wird mir kalt und ein Glühwein muss her. Am Stand von Goldenherz gibt es das ersehnte Getränk. Mit und ohne Alkohol. Ich verbrenne mir die Zunge am heißen Glühwein. Auch das ist schon Tradition.

Der PopChor Wedding betritt die Bühne. „Wir singen Popsongs von den 80ern bis heute.“ “Umbrella“ von Rihanna wird angestimmt und sie haben das Publikum sofort auf ihrer Seite. Viele singen mit, schunkeln beseelt. Tosender Applaus. Ich mag weder Adele noch Mariah Carey, doch gegen die Ohrwurmqualitäten von Lykke Lis Song „I follow rivers“ kann auch ich mich nicht wehren und gebe auf. La-la-lala, lalala la-la-lala…

Mittlerweile ist es noch kälter geworden. Ich bin komplett durchgefroren und stelle mich mit einer Rostbratwurst zu meinen Freunden an die Feuerschale, den zentralen Treffpunkt für alle auf dem Weihnachtsmarkt.

Nachdem ich mich etwas aufgewärmt habe, begebe ich mich auf die Suche nach weiteren Weihnachtsgeschenken. Je ein Glas Berliner Honig aus dem interkulturellen Gemeinschaftsgarten himmelbeet für meine Mutter und meine Tante ist doch eine gute Idee. Sie wohnen nicht in Berlin und haben einen Bericht über die Stadtbienen im Fernsehen gesehen. Jetzt wollen sie unbedingt wissen, wie der urbane Honig schmeckt. Für mich kaufe ich ein Zucchini-Minz-Chutney und Gewürz-Radieschen in Essig. Bin mal gespannt …

Zurück zur Bühne. Jana Mendelski alias Deeryona ist jetzt dran. Normalerweise spielt die sympathische Moabiterin in Bars und auf kleinen Musikfestivals. Sie hat ihre Gitarre und eine Loopstation mitgebracht. Die Loopstation hat sie erst seit einem dreiviertel Jahr und ist ziemlich aufgeregt. „Wenn man nicht den richtigen Moment trifft, klingt das richtig schlecht.“ Ihre Angst ist jedoch völlig unbegründet. Der Schleifeneffekt verleiht ihrer Stimme eine beinahe unendliche Tiefe, die den gesamten Weihnachtsmarkt zu erfüllen scheint und sich wie eine wärmende Decke über die Besucher legt.

Im hinteren Bereich des Marktes ist „Move“, ein Projekt für schulmüde Jugendliche, wieder mit einem Stand vertreten. Dieses Jahr werden unter anderem Adventsgestecke, Weihnachtsbaumschmuck aus Holz in Rentier- oder Schneemannform und selbst bedruckte Baumwolltaschen angeboten. Alles wurde von den Schülern selbst hergestellt und von den Einnahmen gehen alle zusammen Gokart fahren. Ich nehme ein Adventsgesteck mit, um ein wenig Weihnachten in meine Wohnung zu bringen. Vielleicht noch ein Bier vor dem Nachhausegehen?

Am Stand der Vagabund Brauerei gibt es selbstgemachtes Craft Beer. Ein helles Ale und ein dunkles, süßes, belgisches mit Rosinen. „Bier kann langweilig sein, Bier kann überraschend sein. Craft Beer bedeutet für uns nicht nur, dass wir es selbst brauen, sondern, dass wir hinter dem Bier stehen und einen persönlichen Bezug haben. Blood, sweat and tears“, lacht David Spengler, einer der drei Betreiber. Alle kommen aus Amerika und haben ihre neue Heimat im Wedding gefunden.

Als letztes treten heute die „Bulgarian Voices Berlin“ auf. Sie singen über „Liebe, Verlust, Heimweh, die Natur, das Dorfleben, über Jungfrauen und Omas, über das Menschsein.“ Oder auch von einem Schmetterling, der um Regen bittet, damit seine flatterhafte Geliebte zu ihm zurückkehrt. Die Sängerinnen der Bulgarian Voices Berlin stammen aus verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, Lettland, Bulgarien, Serbien, Polen, England und Rumänien. „Alles bunt“, sagt Chorleiterin Boryana Cerreti-Velichkova.
Bunt sind auch ihre traditionellen bulgarischen Trachten. Die gestickten Ornamente dienten früher als Sprache, als codiertes Kommunikationsmittel und ihre Bedeutung wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Man konnte an der Kleidung sehen, ob Frau Kinder hat, verheiratet, verlobt oder ledig ist. Man konnte Alter und Herkunft erkennen. Heute übernehmen diese Funktion oft soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Den Beziehungsstatus „es ist kompliziert“ findet man jedoch auf keiner Tracht.
Katharina Witt, eine der Sängerinnen (kein Witz!), hat ihre Tracht von der Uroma geerbt. „100 Jahre ungewaschen“,  sagt sie. Gelächter im Publikum.

Der Gesang des Chores ist emotional und voller Leidenschaft, gleichzeitig hat er etwas Sakrales. Tief bewegt und mucksmäuschenstill lauscht das Publikum den bulgarischen Volksliedern.

Viele Leute haben trotz des Winterwetters bis zum Schluss durchgehalten. Ahmed und seine Freunde sind auch noch hier. Sie wohnen in der Nachbarschaft, neben Penny, und haben, genau wie ich, den ganzen Tag auf dem kleinen Weihnachtsmarkt verbracht. „Das alles hier ist super! Der Weihnachtsmarkt könnte jeden Tag sein.“ Das findet auch Uwe Horst Freiherr von Soden, der neue Direktor des Pflege- und Gesundheitszentrums. Also vielleicht nicht jeden Tag.
 „Lasst uns das in den nächsten Jahren unbedingt fortführen. Dieser Nachmittag hat mir gezeigt, dass man hier im Wedding, hier im Quartier, einen Weihnachtsmarkt feiern kann, so wie ich ihn noch nie erlebt habe. Multikulturell, international, eine Wahnsinns-Stimmung. Denn wie kann man schöner beweisen, dass man über Kulturen, Nationen, Religionen hinweg friedlich miteinander zusammenleben kann als mit so einem Weihnachtsmarkt!“

Es gibt sie also doch noch, die „echten“ Weihnachtsmärkte mit viel Liebe und wenig Kommerz. Ohne Gedränge, ohne Kitschberieselung und I ❤ Xmas-Lebkuchenherzen. Dafür mit Weltfrieden.

Ein Weihnachtsmarkt ist ein Weihnachtsmarkt, ist ein Weihnachtsmarkt, ist ein Kiezweihnachtsmarkt in den Maxgärten!


Der kleine Kiezweihnachtsmarkt in den Maxgärten wird veranstaltet vom Quartiersmanagement Pankstraße und dem Pflege- und Gesundheitszentrum Goldenherz. Für die musikalische Untermalung sorgte die Kultur- und Konzertreihe „unverblümt Kulturexpeditionen“.

 

Text: Annette Wolter    Fotos: Anna Lindner