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Donnerstag, 24.09.2015

Es gibt ein Leben nach dem Tod

Das ehemalige Krematorium Wedding wird zum Silent Green Kulturquartier

der Eingang zum Krematorium
Geschäftsführer Jörg Heitmann
Schlot oder auch Seelenbeschleunigung des Krematoriums
die Kolumbarien beinhalteten früher Urnen
der Grundriss
Presserundgang im Versammlungsraum
Videoprojektion in der ehemaligen Leichenlagerhalle
Das neue Café im Silent Green

 

Schlußstück

Der Tod ist groß

Wir sind die Seinen,

Lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben  meinen

Wagt er zu weinen

Mitten in uns.

Reiner Maria Rilke

 

Bis zu einer Millionen Tote, schätzt Jörg Heitmann, alle verbrannt. In gut 90 Jahren. Hier bei uns in der Plantagenstraße. 1911 wurde das Krematorium als erstes in Berlin gebaut und war bis 2001 ununterbrochen in Betrieb. Wären also gut 11.000 Menschen jedes Jahr, die eingeäschert und bestattet wurden. 30 am Tag. Und - so rechnet Heitmann weiter - damit hätten hier so um die 10 bis 20 Millionen Menschen geweint. Ein einmaliger Ort also schon so, Beweis erbracht.

Jörg Heitmann ist Geschäftsführer des Silent Green Kulturquartier, wie das ehemalige Krematorium zwischen Gericht-, Adolf- und Plantagenstraße heute heißt. Die Presse ist geladen, der Projektentwickler und Filmemacher stellt das Konzept für Gebäude und Freiflächen vor. Mit von der Partie sind die Mitarbeiterinnen Anne Deschka und Anne Drees, auch sie mit starker Bindung zum Film wie überhaupt fast alle die hier arbeiten.

Nach einigen Immobilienprojekten, die Jörg Heitmann in den 15 Jahren zuvor gestemmt hat, kam ihm 2011 das Weddinger Krematorium in die Quere. Eigentlich, so Heitmann, wollte er sich wieder dem Film zuwenden, ein Konzept lag in der Schublade und die Immobilien-Projektentwicklung sei auf Dauer nicht das, was er für immer machen wollte. Dann empfahlen ihm Bekannte das Krematorium mit der Aussage: "Das ist doch was für dich."

Lange überlegt haben kann Heitmann nicht, denn bereits Ende 2011 wurde er unter nur drei Bietern vom Liegenschaftsfonds ausgewählt und überwies die eher übersichtliche Kaufsumme von knapp einer Millionen Euro für alles. Dabei sollte es natürlich nicht bleiben. Allerdings verweist Jörg Heitmann darauf, dass der Erwerb und der gesamte Umbau ohne öffentliche Förderung vonstatten ging.

Heitmann erzählt aus der ersten Zeit im Silent Green. Stories, Absurdes, Anekdoten. Am Anfang war es nicht nur silent, sondern auch dark. Ein für Tote und Trauer gedachtes Ensemble stellt an Beleuchtung und Belüftung natürlich völlig andere Anforderungen als für Büro-, Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Versammlungsräume. Im Inneren des Krematoriums gab es die so genannten "Kolumbarien" - Wandnischen in denen Urnen aufbewahrt wurden. Insgesamt hätte es davon rund 4000 gegeben. Diese bewahrten nicht nur die Asche der Bestatteten, sondern bisweilen auch illegale Substanzen. Denn Drogendealer aus der Nachbarschaft nutzten die Urnen als Versteck. Die größte Herausforderung während des Umbaus bestand darin, Licht in die "Unräume" (Heitmann) zu bekommen. Und dies nicht einfach so - denn der gesamte Gebäudekomplex steht unter Denkmalschutz – mit Ausnahme des 52 Meter hohen Schlotes, Spitzname "Seelenbeschleuniger". Dem entsprechend handele es sich beim Krematorium um ein Projekt "für Fortgeschrittene". Glücklicherweise, so Jörg Heitmann, war der zuständige Mitarbeiter beim Amt für Denkmalschutz auf einer Wellenlänge. So gibt es in der Ausführung des Umbaus nun eine klare ästhetische und materialbezogene Trennung von Neu und Alt. Die Wertschätzung seitens des Amtes drückt sich nun dadurch aus, dass das Silent Green für den Deutschen Denkmalpreis nominiert wurde - auch wenn er keine Hoffnung habe, ihn zu bekommen, so Heitmann schmunzelnd.

Das Gebäude befindet sich auf dem ehemaligen Armenfriedhof Berlins. Ab 1910 wurden hier nur noch Urnen bestattet. Es handelt sich um das drittälteste Krematorium in Preußen. Das Konzept der Einäscherung der Toten wurde von den im 19. Jahrhundert ebenfalls explodierenden Metropolen London und Paris abgeschaut. Die Begräbnisse waren billiger und die Totenruhe raumsparender. Bemerkenswert am Rande: In den 20er Jahren ließ sich hier ein Leiter einer großen deutschen Bank bestatten. Ein Superreicher auf dem Armenfriedhof. Später kamen die hingerichteten Attentäter des 20. Juli 1944 um Stauffenberg hinzu, die hier still und heimlich verbrannt wurden. Eigentlich sollte das Krematorium heute noch in Betrieb sein. Von 1998 bis 2000 wurde für viel Geld eine neue unterirdische Leichenhalle gebaut. Leider fiel von den damals Verantwortlichen wohl niemandem auf, dass zeitgleich ein Krematorium in Schöneweide gebaut wurde, das eine höhere Kapazität und eine modernere Ausstattung hatte. So wurde das erweiterte Krematorium Wedding nach nur einem Jahr Betrieb 2001 geschlossen und stand über viele Jahre leer. Hmmm.

Als 2012 die Silent Green Kulturquartier GmbH das Gebäude übernahm, hofften Heitmann und sein Team, die moderne Ausstattung der Parentationshalle (Lagerhalle) für 817 Leichen auf 800 Quadratmetern und 4 Etagen verkaufen zu können. Eine europaweite Ausschreibung führte zu keinem Ergebnis. Schließlich kaufte ein Dortmunder Krematorium die Technik inklusive der elf Seziertische für einen Euro, baute sie dafür aber auch selber aus und sorgte für den Transport.

Frage: Wie finanziert man einen Umbau in diesem Ausmaß? Heitmann pumpte zunächst Geld aus vorangegangen Projekten in die Kriegskasse. Dann veräußerte die GmbH zwei Teile des insgesamt 8000 Quadratmeter großen Anwesens, um die dadurch akquirierten Mittel in den Umbau stecken zu können. Einer davon beherbergt heute die Galerie Patrick Ebensperger in der Plantagenstraße, auf dem anderen entsteht gerade ein Wohnhaus in der Gerichtstraße. Der insgesamt 3,5 Mio Euro teure Umbau der überirdischen Gebäude ist so gut wie abgeschlossen, im Dezember ist die Fertigstellung geplant. Viele Bereiche sind ja bereits ihrer neuen Nutzung übergeben. Circa 50% der Flächen sind derzeit vermietet, die restlichen 50% stehen für Veranstaltungen verschiedener Art bereit. Wer möchte, kann dort Veranstaltungsräume anmieten. Allerdings weist Heitmann darauf hin, dass zum Beispiel Hochzeiten oder Geburtstage dort fehl am Platz seien. Die erhalten gebliebene Würde des Ortes und das Konzept für das Silent Green widersprächen einer Nutzung als reine Party-Location. Hier entstünde keine neue Kulturbrauerei, kein kommerzielles Projekt. Wichtig sei den Betreibern, dass sie weiterhin experimentell arbeiten können.

Wie zum Beispiel in der riesigen, unterirdischen Parentationshalle. Hier ist geplant, Bewegtbildinstallationen auszustellen. Immer nur ein Künstler erhält die Möglichkeit, seine Arbeiten auf die kahlen Sichtbetonflächen zu projizieren oder seine Videokunst anderweitig vorzuführen. Das Bespielen der Halle soll in Kooperation mit dem Arsenal Institut für Film- und Videokunst e.V. geschehen, die hier auf dem Gelände auch eine umfangreiche Sammlung von mehr als 10.000 Filmen als zugängliches "Living Archive" lagern werden. Auf einem Rundgang durch das Areal zeigt Jörg Heitmann schon mal, wie das wirken kann. Die gesamte Halle ist dunkel. "Vorsicht, hier ist ein Schacht.", Heitmann und seine Kolleginnen kümmern sich um die noch nicht vorhandene Trittsicherheit. In weiter Entfernung - die Halle ist sicher 60 m lang - sehen die Besucher ein Video laufen. Die gesamte Architektur mit ihren strengen Linien, perspektivischen Verengungen und der hohen Decke zieht den Betrachter in das Video. Aber noch ist dies Zukunftsmusik. Ehe die unterirdischen Bereiche wie geplant genutzt werden können, steht ein umfangreicher Umbau bevor. Er soll ca. 2017 abgeschlossen sein und rund 2,5 Millionen Euro kosten. Auch hier stößt das Silent Green-Team wieder auf die Absonderlichkeiten eines Funeralbaus. So freuten sich die Kollegen, als sie sahen, dass der gesamte unterirdische Bereich bereits isoliert ist. Leider allerdings falsch herum; denn wegen der kühlen Lagerung der Verstorbenen lag der Taupunkt auf der anderen Seite der Außenmauern. Würden die Räume mit der vorhandenen Isolierung genutzt, siedelte sich über kurz oder lang Feuchtigkeit in den Räumen an und verhinderte eine Nutzung. Nichts als Ärger also? Heitmann lacht. "Nee, das wir hier keine Gartenlaube umbauen, das haben wir gewusst. Und ein Gebäude mit einer solchen Aura zu gestalten, das ist alle Mühen wert."

Das scheinen auch die Mieter der 13 Mieteinheiten zu empfinden, denn Leerstand gibt es nicht. Die Schar der Nachbarn reicht vom Label K7 (z.B. Kruder und Dorfmeister, Peter Hammill, Luv Lite) über das Music Board Berlin, die Experten für künstliche Figuren von Pictoplasma oder die Stattbad-Exilanten FUK bis hin zum britischen Singer/Songwriter Fink. Künstlerische Betätigung oder zumindest die Nähe dazu scheint eine Grundvoraussetzung dafür zu sein, hier einziehen zu können.

Bei soviel Kreativität soll auch der Bauch nicht zu kurz kommen. Ab Oktober 2015 gibt es nun auch eine Gastronomie-Konzession für ein Café im Silent Green. Dort soll es bald Mittagstisch geben und das Catering für hausinterne Veranstaltungen wird selbstverständlich auch von hier kommen. Dass Köche heute wie Rockstars verehrt werden, ist spätestens seit Tim Raue und Jamie Olivier bekannt. Dass sie auch so aussehen, kann man im Silent Green beobachten. Auf dem Rundgang durch das Ensemble treffen wir den Koch beim Recherchieren nach neuen Kochbüchern im Internet. Unter Vorbehalt verrät er auch den Namen des Etablissements: "Moos".

Schon kurz nach dem Kauf fand 2013 im Silent Green das "Forum Expanded" der Berlinale statt. Im Moment ist das Team bemüht, das Silent Green als hochwertigen Veranstaltungsort zu etablieren, zum Beispiel mit dem Pictoplasma Festival, das im April 2015 hier stattfand. Wer das Silent Green besucht, dem wird vor allem die imposante, 17 Meter hohe Kuppelhalle in Erinnerung bleiben. Als nicht konfessionsgebundene Trauerhalle enthält sie keine religiösen Symbole. Im schönen Terrazzoboden sind allerdings Zeichen gelegt, deren Bedeutung bis heute ihrer Entschlüsselung harren. Scherzhaft wird auf die Möglichkeit hingewiesen, dass es Anfluganweisungen für Außerirdische sein könnten ;-)

Jetzt, nach dem Auszug des Todes - was geschieht mit dem Gebäude? Neues Leben ist eingezogen. Aber Heitmann berichtet auch über sein anfänglich flaues Gefühl beim Betreten der Leichenhalle, über auf - 24° C gefrorene Leichen, über Asche aus dem Schlot, die früher ungefiltert nachbarschaftliche Balkone überzog. Ganz los kommt man wohl nicht von der Geschichte des Hauses.

Bei allem, was Heitmann und sein Team vorhaben, könnte man sich auch vorstellen, dass hier so ein typisches Kiez-Ufo entsteht, eine Einrichtung ohne Bezug zur Nachbarschaft, ohne Kommunikation in den öffentlichen Raum, mit importierter Kunst für ein erlesenes, meist auch importiertes Publikum. Das Gegenteil ist der Fall. Ausdrücklich betonen die Silent-Green-Leute, dass ihnen sehr an einer Vertiefung der Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement (QM) gelegen ist und dass sie gekommen sind, um hier zu sein . So fand beispielsweise die diesjährige Quartierswerkstatt des QM (http://www.pankstrasse-quartier.de/UEber-unseren-Kiez-reden.4295.0.html) im Silent Green statt, bei der Heitmann ein Grußwort sprach. Auch sonst ist die Kommunikation freundlich und nachbarschaftlich, wie die Kollegen vom QM-Team bestätigen.

Den Tod hat es überwunden, das Krematorium Wedding. Und der Kiez freut sich auf viele lebendige Impulse aus dem Silent Green.

 

Text und Fotos: Johannes Hayner