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Ideen für den Wedding

Architekturstudierende der Beuth-Hochschule für Technik stellen Entwürfe für den Pankekiez vor

Baustelle vor der Tür, Bauausstellung innen: Die Schiller-Bibliothek
Während der Eröffnungsansprachen im Foyer
Prof. Ulrike Lauber leitete das Studienprojekt
Claudia Mack und Student Florian Schwaighofer von der Beuth Hochschule
Blick in die Gerichtstraße, rechts das Atelierhaus
Die Entwürfe sind bis ins Detail geplant
Die Ausstellung trifft auf großes Interesse
Fotomontagen zeigen die Straßen des Kiezes
Idee für einen Wohnturm in der Weddingstraße
Die Grünflächensituation wird genau analysiert

Die Schillerbibliothek am Rathaus Wedding ist seit 2015 ein neuer Treffpunkt im Kiez. Mit ihrer transparenten Fassade, den lichten, freundlichen Räumen und den großzügigen Sitzmöglichkeiten wirkt sie - trotz der Dauerbaustelle vor der Tür - einladend. Einen Grund mehr die Bibliothek aufzusuchen, bildete in den letzten Wochen eine Ausstellung von Studierenden der benachbarten Beuth Hochschule. Sie wurde in den Foyer-Räumen der Bibliothek eingerichtet und ist Resultat einer Kooperation zwischen der Beuth Hochschule, der Schiller-Bibliothek und dem Quartiersmanagement Pankstraße. Die Ausstellung zeigt Ergebnisse einer Projektarbeit namens "Ideen für den Wedding – Städtebauliche Analysen und Entwürfe". Eine Gruppe von Architekturstudierenden des 5. Semesters setzte sich darin konkret mit der baulichen Situation hier im Kiez auseinander.

Zur Eröffnung der Ausstellung gab es an einem Dienstagabend im April eine fröhliche Vernissage. Im Foyer haben sich dazu etwa 70 Menschen versammelt, viele Studierende, Mitarbeiter*innen der Beuth-Hochschule, Quartiersmanager*innen, aber auch interessierte Nachbar*innen. Das gedämpfte Stimmengewirr verrät, dass das Thema zum Austausch anregt. Die großen Schautafel vermittelt den Interessierten viel über die Recherchen und Hintergründe des städtebaulichen Projekts und das große Modell gibt zusätzlich einen plastischen Eindruck vom Kiez. Zu sehen sind darauf  zum einen sämtliche bestehende Gebäude und Baukörper und zum anderen - anders gefärbt - die zusätzlich dazu entworfenen Bauideen der Studierenden. Das aus Polystyrol gefertigte Modell ist während der Vernissage fortwährend von Menschen umgeben, die hier neue Entdeckungen machen und dabei sowohl die Qualität der vorgeschlagenen Neubauten bewerten als auch versuchen, sich im Kiez zu orientieren.

Noch bis zum 10. Mai ist die Ausstellung im Foyer der Bibliothek zu sehen, zusätzlich werden die Entwürfe am Tag der Städtebauförderung, dem 13. Mai von 14 bis 18 Uhr auf dem Vorplatz des Quartiersmanagements Pankstraße in der Prinz-Eugen-Straße 1 gezeigt. Wir wollten von beteiligten Akteur*innen aus der Beuth-Hochschule wissen, wie es zu diesem Projekt kam, wie der Arbeitsprozess verlief und was sich daraus ergeben kann.

Für Claudia Mack, Mitarbeiterin aus dem Labor für Entwurf und Städtebau und Architektin, war es vor allem wichtig, dass die Studierenden einmal "raus aus der Hochschule" kommen, um Feedback und Reaktionen durch das öffentliche Ausstellen zu erhalten. Das gilt sowohl für das Projekt an sich als auch für die Ausstellung. Denn oft mangele es den Studierenden schlichtweg daran, ihre Leistungen öffentlich präsentieren zu können. Aus diesem Grund freut sie sich ganz besonders, dass die Ausstellung der Arbeiten in unmittelbarer Nähe der Beuth Hochschule möglich ist. Ausdrücklich ermuntert sie alle Interessenten dazu, selbst Kontakt zu Lehrenden und Studierenden aufzunehmen und diese oder eine Ausstellung mit etwas anderem Schwerpunkt in die eigenen Räume zu holen – da die Hochschule für die Anmietung von Ausstellungsräumen kein Budget hat.

Wenn sich Claudia Mack etwas wünschen dürfte, wäre es, dass die Verwaltung die bestehenden Entwürfe kennenlernt. Denn dort, wo über die Gestaltung des Stadtraumes entschieden wird, sollten nicht nur Investor*innenwünsche, sondern auch Visionen in die Entscheidungsfindung einfließen, welche die Horizonte öffnen können. Deshalb freut sie sich auch über diesen hoch frequentierten Ausstellungsort und die lange Ausstellungsdauer von einem Monat, dadurch könne man viele Menschen erreichen. Auf die Frage, wie praxisrelevant die erarbeiteten Entwürfe seien antwortet sie: „Die Entwürfe basieren auf realen Grundlagen. Statisch, funktional und nutzungsmäßig ist alles wunderbar – und baubar.“

Einer der aktivsten Studierenden im Projekt ist Florian Schwaighofer. Wir fragen Flo, so nennen ihn alle hier, für wie realitätsnah er die entstandenen Entwürfe einschätzt. Er antwortet: "Ich glaube, einige sind schon sehr nahe an der Realität. So wie das gesamte Studium an der Beuth sehr nahe an der Realität ist. Es geht nicht immer alles auf, aber das ist learning by doing.“ Dann wollen wir von Flo wissen, ob die gebietsimmanenten Vorgaben wie Traufhöhe und Zuschnitt des Baugrundes die Kreativität einengen oder ob es gerade dann am meisten Spaß macht, für eine spezielle Situation einen passenden Baukörper zu entwerfen. Die Antwort ist für den Laien überraschend: „Ein Traumhaus völlig frei zu bauen ist langweilig. Durch die bestehenden Vorgaben entwickelt man auch neue Sachen. Etwas funktioniert zum Beispiel nicht ganz. Wie kann ich es also umgehen? Wie kann ich das besser machen? Wie kann ich mit dem Brandschutz arbeiten? Wie kriege ich trotzdem den Sonnenschutz so hin, dass er zum Konzept passt? Das sind die spannenden Fragen, die im Laufe eines Projektes auftauchen.“

Besonders hoch schätzen Claudia Mack und Flo Schwaighofer den Beitrag des Quartiersmanagements (QM) Pankstraße für das Gelingen des Projektes ein. Durch die Mitwirkung des QMs hatten die Studierenden die Möglichkeit, das Quartier sehr intensiv kennenzulernen. Was nach Meinung von Projektleiterin Ulrike Lauber und Claudia Mack zusätzlich wertvoll war, dass Şükran Altunkaynak, die Leiterin des QM-Teams, selbst Absolventin der Beuth-Hochschule ist. So sprachen sie und die Studierenden etwa bei den gemeinsamen Rundgängen durch den Kiez eine Sprache. Schön fanden die beiden auch, dass alle Quartiersmanager*innen des QMs Pankstraße zu der Präsentation der Studierenden gekommen sind. "Man kriegt auch ein ganz anderes Feedback zu der eigenen Arbeit, wenn Leute da sitzen, die sich mit dem Quartier beschäftigen."

Von Prof. Ulrike Lauber, die das Studierendenprojekt gemeinsam mit ihren Kolleg*innen Frau Prof. Vondenhof-Anderhalten, Herrn Prof. Hasselmann und Herrn Brüllke betreut, wollen wir wissen, wie es insgesamt konzipiert ist. Frau Lauber begibt sich mit uns auf einen kleinen Rundgang durch die Ausstellung und erzählt anhand der Exponate.

Das Projekt beinhaltet drei Unterrichtsteile: Zu Beginn stand die Dokumentation und Analyse des ausgewählten Gebiets. Darauf folgten der Entwurf und die bauwirtschaftliche Kalkulation. Die erste Herausforderung für die Studierenden war, dass sie sich des Ortes, für den sie entwerfen, bewusst werden. So analysierten sie im Seminar gemeinsam die Geschichte des Weddings, mit den schönen alten Fabriken, Mietskasernen, Arbeiterkämpfen, hielten aber auch Kriegsschäden und den noch erhaltenen Bestand fest, um das Alter der bestehenden Gebäude in Kartenmaterial zu dokumentieren. Im nächsten Schritt der Analyse kam die Erfassung der Flächennutzung und Demographie. Dabei wurde beispielsweise das Wahlverhalten der Bewohner*innen, die Arbeitslosenquote, die Mietpreisentwicklung, der Ausländer*innenanteil oder die Religionszugehörigkeit erfasst, „um zu verstehen, wie dieses Stück Stadt tickt“, wie Ulrike Lauber lächelnd berichtet. Für ihr Baukonzept leiteten die Studierenden aus diesen Forschungsergebnissen dann Chancen, Defizite und signifikante Schwierigkeiten ab.

Zum Ende der Analyse wird eine Fotoabwicklung gemacht. Dazu wird jedes Haus fotografiert und im Computer zusammen montiert. Daraus entstanden eindrucksvolle Fotomontagen der wichtigen Straßen hier im Quartier. Mithilfe der nun existierenden Grundlagen wird ein Masterplan erstellt, anhand dessen mögliche Standorte sichtbar werden. „Zum Beispiel wollten Studenten eine Kita planen, dann wurde ein möglicher Standort für eine Kita gesucht“, berichtet Prof. Lauber. Andere Studenten wollten eine Markthalle, eine Bibliothek, ein Stadtteilzentrum bauen – und konnten dies im Rahmen des Projektes realitätsnah simulieren.

Auf zwei Beispiele geht Ulrike Lauber näher ein. Zum einen wurde von den Studierenden am Nettelbeckplatz für die „brutale“ Front auf der Seite der Hochbahn – wo aktuell  der Netto-Supermarkt steht – ein Ateliergebäude geplant, worin nach studentischer Planung ebenfalls ein Supermarkt ist. Zum anderen haben die Studierenden für das Areal des abgerissenen Stadtbades zwei Kultureinrichtungen entworfen, die Büroeinheiten enthalten. Alles ist jeweils bis ins Detail geplant und gezeichnet und wurde maßstabgerecht in das Modell des Kiezes integriert. Zur Entwurfsarbeit gehört im Übrigen auch die Berechnung der Wirtschaftlichkeit.

Ulrike Lauber findet die Arbeit an solchen Projekten sehr bereichernd. "Die Studierenden haben die Möglichkeit, ihre Kenntnisse und Erfahrungen aus ganz verschiedenen Lehrbereichen anzuwenden und zu verknüpfen. Außerdem bekommen sie dadurch, dass wir einen Kiez in unmittelbarer Nähe der Hochschule thematisieren, auch eine ganz neue Beziehung zu ihrem Lehrumfeld." Die Ergebnisse des Projektes sind in einem Papier zusammenfasst. Stolz berichtet Flo Schwaighofer: „Es ist eine sehr umfangreiche Broschüre geworden in den drei Monaten, fast ein Buch.“ Alle Projektteilnehmer*innen erhalten ein Exemplar des Buches, das unter dem Titel "Wedding - Untersuchung, Analyse und Konzept" auch auf der Ausstellung einzusehen ist.

Aber auch für Ulrike Lauber persönlich ist das Projekt etwas Besonderes. Immerhin war ihre erste Studierendenwohnung in der See-, Ecke Müllerstraße: "Das war eine 1 ½ Zimmer Wohnung mit Innenklo. Im Stadtbad war die wöchentliche Grundreinigung.“ Nach Studienabschluss arbeitete sie lange in New York und München, bis sie für die Professur in den Kiez zurückgekommen ist. „Der Wedding ist auch ein bisschen mein Quartier. Es ist enorm, was hier passiert und was hier passiert ist. Es gibt hier reizvolle Ecken und ziemlich scheußliche Ecken. Und diese Mischung finde ich klasse. Ich will es nicht so schön. Ich will es schon ein bisschen brüchig aber mit Charakter.“

Wer grundsätzliches Interesse am Kiez und für eine Stunde Muße hat, findet in dieser Ausstellung jede Menge Anregung und Unterhaltung. Schade, dass es nun fast schon wieder vorbei ist. Zum Trost stellt Prof. Ulrike Lauber das nächste Projekt in Aussicht: „Im nächsten Semester ist die Gegend um den Kurt-Schumacher-Platz dran.“

Blick auf das Modell des Panke-Kiezes
Die Ergebnisbroschüre des Projektes
Interessierte Zuhörer bei der Eröffnung
An der Ecke Wiesen-/ Reinickendorfer Straße planen die Studierenden eine Markthalle
Auch die veränderte Verkehrsführung am Nettelbeckplatz wurde erfasst
Fotos und Text: Johannes Hayner