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Jeder Mensch isst unterschiedlich

Renate Saalfrank, Diätassistentin, arbeitet seit 1988 beim Gesundheitsamt Wedding (Mitte) als Ernährungsberaterin. Hier präsentiert sie Anschauungsmaterial aus ihrer Beratungspraxis.

Ein Interview mit Diätassistentin Renate Saalfrank

 

Was genau machen Sie?

Ich bin seit 1988 im Gesundheitsamt Wedding als Diätassistentin tätig. Der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst betreut, informiert und unterstützt Familien von der Geburt der Kinder an bis zum 18. Lebensjahr.  Wenn bei einer ärztlichen Untersuchungen die Kollegen Untergewicht, Übergewicht oder eine andere Essstörung feststellen, dann werden die Eltern mit ihren Kindern an mich zur Ernährungsberatung weitergeleitet.

Sie beraten also vordringlich individuell?

Ja. Ich gehe ganz individuell auf das Ernährungsverhalten der Klienten ein, nur so ist eine Umstellung auf eine gesündere Ernährungs- und Lebensweise nachhaltig gewährleistet.

Wie muss man sich eine individuelle Ernährungsberatung bei Ihnen vorstellen?

Im Erstgespräch erfasse ich die aktuelle Ernährungssituation, den Ist-Zustand. Die Eltern müssen dazu ein Ernährungsprotokoll über eine Woche führen, das wir gemeinsam auswerten und danach den individuellen Ernährungsplan der Kinder aufstellen. Die Ernährungsumstellung sollte immer in kleinen Schritten passieren, also Schritt für Schritt erreichen wir unser Ziel.

Sie geben also ganz konkrete Empfehlungen.

Ja, anhand des geführten Protokolls bekommen wir die individuellen „Fehler“ heraus und versuchen gemeinsam, sie abzustellen. Jeder Mensch ist unterschiedlich und isst auch unterschiedlich. Es muss zur Lebenssituation passen und wir müssen berücksichtigen, was ein realistischer Schritt ist, den derjenige dann auch schafft. Wir verfolgen eine langfristige Ernährungsumstellung. 

 

Wie viel Süßes kann ein Kind vertragen? Richtwerte für 4- bis 6jährige und 10- bis 12jährige Kinder
Drei goldenen Regeln für eine gesunde Ernährung

Was wären Ihre drei goldenen Regeln für gesunde Ernährung bei Kinder?

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund hat dazu drei einfache Regeln aufgestellt:

REICHLICH pflanzliche Lebensmittel und ungesüßte Getränke bevorzugen

MÄSSIG tierische Lebensmittel essen

SPARSAM mit fettreichen Lebensmitteln und Süßwaren umgehen

Grundsätze für gesundes Essverhalten

Wo sehen Sie besonders große Probleme im Ernährungsverhalten der Kinder und Jugendlichen?

Was ich leider sehr oft bei den Kindern beobachten muss ist, dass sie das Falsche trinken. Die Kinder löschen ihren Durst mehr und mehr mit Fruchtsaftgetränken und Limonaden - der Eistee war hier eine ganz gravierende Entwicklung und hat die Cola als Problem abgelöst. Zunehmend trinken die Kleinkinder schon mit zwei, drei Jahren große Mengen Eistee. Auch Fruchtsäfte oder Multivitaminsäfte sind eigentlich zu süß und kalorienhaltig. Bei den Getränken kann man viel erreichen wenn man sagt: „Lösche Deinen Durst mit Wasser.“

Untersuchungen zum Essverhalten unserer Kinder haben ergeben, dass die Kinder zu süß, zu fettig und zu salzig essen. Das heißt nicht, dass in Zukunft Zucker, Fette und Salz weggelassen werden sollen, sondern eine altersgerechte und vernünftige Umgehensweise mit der Auswahl und der Menge dieser Lebensmittel sollten in den Speiseplan einfließen. Mit Verboten erreichen wir nichts, denn alles was verboten ist, wird für die Kinder noch viel interessanter.

 

Wie wichtig ist regelmäßige Ernährung?

Das fängt schon beim Frühstück und beim Pausenbrot an, denn die Gestaltung des „Schulfrühstücks“ ist im allgemeinen das „Sorgenkind“ Nummer Eins! Morgens hetzen die Kinder ohne ein Frühstück oder nur mit einen Schluck Tee, also unzureichend versorgt, zur Tür heraus. Dabei ist das Frühstück ein wichtiges „Sprungbrett in den Tag“, denn die Energiereserven sind während der Nacht reduziert worden und brauchen zum Erreichen der Leistungsspitze am Vormittag einen Energie- und Nährstoffnachschub.

Was steckt wo drin? Einige Beispiele für den Kaloriengehalt süßer Nahrungsmittel.

Inwieweit berücksichtigen Sie bei Ihrer Beratung auch den Bewegungsaspekt? Gesunde Ernährung und Bewegung gehören ja zusammen.

Natürlich, gesunde Ernährung und eine ausreichend Bewegung gehören immer zusammen. Mit einigen Sportvereinen aus dem Bezirk Mitte habe ich gute Erfahrungen gesammelt, wir arbeiten Hand in Hand um auch Angebote für übergewichtige Kinder anzubieten. Der Bewegungsmangel ist oft ein großes Problem. Gerade bei türkischen oder arabischen Mädchen. Diese dürfen oft keinen Sport treiben und wir finden keinen passenden Sportverein der einen geschützten Rahmen bieten kann und wiederum bei den Eltern Akzeptanz findet.

 

Wäre ein Sportangebot speziell für muslimische Mädchen von Vorteil?

Mit Sicherheit wäre das eine positive Bereicherung, aber ich kenne kein solches Angebot im Bezirk. Bewegungsangebote für diese Mädchen wäre ein Wunsch, den ich an die QM gerne weitergeben möchte.

 

Kann man von einer Vernachlässigung des sozialen Aspektes des Essens hier im Kiez sprechen?

Der Stellenwert des Essens an sich ist nicht mehr so hoch. Man isst, um satt zu sein und überlegt dabei gar nicht, was man überhaupt isst. Auch das gemeinsame Zubereiten von Speisen findet immer seltener statt. Friteuse, Mikrowelle und der Backofen haben den Herd abgelöst. Das Essen auf die Schnelle hat das gemeinsame Essen und Genießen ersetzt.

 

Wie kann man aus Ihrer Sicht die Motivation bei Jugendlichen, sich gesund zu ernähren, erhöhen?

Ich denke, man kann sie auf keinen Fall mit irgendwelchen Gesundheitsversprechen locken. Stattdessen müsste die gesunde Ernährung wie das tägliche Zähneputzen ganz normal in den Alltag einfließen, ohne dass man immer mit dem Zeigefinger droht. Die Mädchen bekommen  wir vielleicht noch über das Schönheitsideal, weil sie schön rank und schlank sein wollen, das ist sicher auch der Grund warum ich viel mehr Mädchen als Jungen – vor allem bei den Jugendlichen – betreue.

Ist gesunde Ernährung eigentlich eine Kostenfrage?

Eigentlich nicht, beim nächsten Einkauf etwas gezielter und bewusster vorgehen. Ich möchte das an einen Beispiel verdeutlichen. Eine Flasche Mineralwasser kostet im Durchschnitt 20 Cent, wenn man stattdessen aber seinen Flüssigkeitsbedarf (pro Person 1-2 Liter am Tag) mit gesüßten Getränken wie Eistee, Cola, Fanta und Fruchtsäften deckt, muss man mindestens 80 Cent ausgeben. Bei einen 4-Personen-Haushalt sind das schon 3 Euro, die man täglich einsparen könnte. Dafür leistet man sich das etwas teurere Vollkornbrot. Die Fertigprodukte aus der Dose und aus dem Kühlregal sind ebenfalls überteuert, lieber Gemüse, Fleisch und Beilagen selber kochen und dabei Geld sparen. Gerade die „Kinderlebensmittel“ enthalten sehr viel Zucker und viel Fett und sind viel zu teuer – Kinder benötigen keine extra „Kinderlebensmittel“ – lassen Sie sich von der Werbung nicht beeinflussen und täuschen. Versuchen Sie Obst und Gemüse der Saison zu kaufen, denn dann sind sie am schmackhaftesten und am preiswertesten.

Johannes Hayner