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Dienstag, 02.06.2015

Stromkästen zu Aquarien

Schüler der Albert-Gutzmann-Schule verschönern ihren Kiez

Das neue Aquarium in der Prinz-Eugen-Straße
An der Seitenfläche prangen Schildkröten
Sichtlich stolz zeigen die Jugendlichen ihr Werk
Belohnung zum Abschluss
Die ganze Klasse vor ihrem Stromkasten

Elektrischer Strom ist das Blut der Großstadt. Subkutan verlaufen die Adern unter Straßen, Gleisen, Kanälen, die permanente Erleuchtung des Stadtgebietes kündet von deren Lebendigkeit. Nur hie und da tritt die Infrastruktur der Elektrizität an die Oberfläche, als Stromkästen. Diese sind rein funktional, hässlich, grau. Der Wahrnehmung der Menschen entziehen sie sich durch unaufdringliche Unsichtbarkeit. Einzig als Plakatierungsfläche haben sie im Stadtbild Bedeutung.

Nun haben Jugendliche im Rahmen des Schulprojekts "Stromkastenstyling" genau diese grauesten der grauen Mäuse in unserem Kiez ins Visier genommen. Keine "normalen" Jugendlichen, sondern die Schüler einer Willkommensklasse an der Albert-Gutzmann-Schule. Willkommensklassen sind Klassen für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse, die in einjährigen Intensivkursen die Grundlagen der deutschen Sprache erlernen und auch das Deutsche Sprachdiplom (DSD) erwerben können, mit dem sie an eine Regelschule wechseln können.

Unter dem Motto „Grau war gestern“ veranstaltet die Stromnetz Berlin GmbH seit 2009 das Schulprojekt Stromkastenstyling. Das Projekt läuft seit drei Jahren. Dabei können Schulklassen Stromkästen in ihrem Kiez kreativ gestalten. Durchführender Projektpartner ist u.a. Meredo e.V., ein Förderverein, der medienpädagogische Projekte unterstützt. Die Albert-Gutzmann-Schule konnte sich für ihre Willkommensklasse in Absprache mit Meredo und Stromnetz unter den Stromkästen im Kiez zwei auswählen und entschied sich für einen in der Prinz-Eugen-Straße und einen in der Reinickendorfer Straße. Wir waren dabei, als die Schüler am letzten Tag die Umgestaltung abschlossen.

Das Projekt insgesamt dauerte für die Kinder und Jugendlichen drei Tage. Meredo gab als Thema „Aquarium“ vor. Dazu suchten sich die Schüler in einer ersten Session in der Schule entsprechende Bilder im Internet. Diese dienten dann als Vorlage für Schablonen, die von den Schülern selbst gebastelt wurden. Und mit denen wiederum wurden aus den grauen, staubigen Stromkästen leuchtend bunte Meerwasseraquarien.

Für die 13- bis 17jährigen Willkommens-Schüler u.a. aus Syrien, Griechenland, Thailand, Russland, Somalia, Kenia und Bulgarien war das Projekt eine willkommene Einführung in den deutschen Alltag. Die Erfahrung, über ein gefördertes Projekt aktiv und legal an der Gestaltung des eigenen Wohnumfeldes teilzunehmen, kam bei den meisten sehr gut an. Hinzu trat die oft ungewohnte kreative Betätigung. Nena sagt: „Ich habe gelb und grün und blau ausgewählt. Ich mag die Farben. Es hat viel Spaß gemacht und ich freue mich, dass ich das gemacht habe.“

Obwohl sie erst seit knapp sechs Monaten die Albert-Gutzmann-Schule besuchen, sprechen alle schon ziemlich gut deutsch. Teilweise fällt es ihnen schwer, vor der Gruppe zu reden. Die neue, noch ungewohnte Sprache verstärkt die Unsicherheit. Manchen ist es peinlich, aber alle präsentieren stolz ihr Werk – sei es ein Hai, ein Nemo-Fisch oder eine Wasserschildkröte. Natürlich nicht ohne Kichern und spöttische Bemerkungen. Aber jede und jeder verliert ein paar Worte zu seiner eigenen Figur, die nun den Stromkasten schmückt.

Einige Statements der Schüler hier unkommentiert.

„Hallo, ich heiße Ahmad und rede heute über meinen Fisch. Er heißt Doktorfisch. Ich habe ihn gewählt, weil er sehr schön ist und mir gut gefällt. Ich habe drei Farben gesprüht: grün, orange und schwarz.“

Jenna: „Ich habe den Fisch Nemo ausgewählt, weil er mir gefällt und es war nicht schwer, den Fisch zu sprühen.“

Mohammed, genannt Hamoudi: „Ich habe das gemacht, weil der Hai sehr schrecklich ist und gut schwimmen kann. Er sieht gut aus. Darum habe ich das gemacht.“

Ein Mädchen: „Das ist eine Schildkröte, eine Wasserschildkröte und ich habe sie ausgewählt, weil ich Schildkröten mag. Das Sprühen war eigentlich sehr einfach, das ist nicht schwer. Es sind drei Schablonen. Zuerst macht man die ganze Figur, dann den Panzer und am Ende die Flecken.“

Sinal: „Das ist mein Hai. Ich habe ihn gewählt weil er immer stark ist, genau wie ich.“

André Drognitz, der künstlerische Leiter, sagt über die Aktion: „Das ist keine Arbeit, die man ohne Spaß macht. Es geht ja nicht nur darum, irgendwo was ran zu sprühen, sondern man fängt ja mit der Auswahl des Themas an, überlegt, welche Möglichkeiten es gibt, was man machen kann und wie man die Teilnehmer dazu bringt, dass sie auch selbst nachdenken. Und auch für die Leute, die hier wohnen, ist es toll. Sie haben dann nicht mehr einen hässlichen, beschmierten Kasten, sondern ein Weltall, einen grünen Dschungel oder ein Stück Wüste vor der Haustür.“

Die Schüler sind gut gelaunt und man merkt ihnen den Stolz auf das Ergebnis an. Wichtig ist dem Projektleiter am Ende allerdings der Hinweis, dass dies eine genehmigte Aktion gewesen sei. Sonst sei Sprühen nach wie vor illegal. Aber Gerlinde Kanacher, die anwesende Leiterin der Albert-Gutzmann-Schule, baut den Schülern eine Brücke, indem sie anbietet, dass sie sich in der Schule umsehen könnten, um Stellen zu finden, die Verschönerung verdienen.

„Schaut euch mal in Ruhe um und dann überlegt ihr, wie es aussehen könnte und wie ihr es machen wollt. Es kann ja auch etwas anderes sein als Fische. Ihr wisst ja jetzt wie es geht.“

Nachdem die Schüler ihr Projekt präsentiert haben, gibt es Pizza für alle vom Pizzaboten! Und, das ist toll: auch für uns. Der Berliner Strom wird unsichtbar bleiben. Aber dank Aktionen wie diesen wird er sicher etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Text: Annette Wolter, Johannes Hayner, Fotos: Michal Staniszewski